Bis: 07.09.2022 17:03
Die Gastronomie sucht händeringend Personal. Doch während der Pandemie suchten sich viele ehemalige Mitarbeiter eine andere Arbeit. Wo bist du gegangen? Und warum wollen sie nicht zurück?
Von Julia Henninger und Cecilia Knod, SWR
„Aufgrund von Personalmangel können wir Ihnen derzeit nur eine reduzierte Speisenauswahl anbieten“, heißt es auf der Speisekarte eines Restaurants in Meersburg. Und an vielen Türen von Bars und Restaurants hängen „Gesucht“-Schilder.
Am Eingang zum „Wilden Mann“ in Kirchheim unter Teck bei Stuttgart steht folgender Hinweis: „Wir suchen Barkeeper und Servicekräfte – Minijobs, Teilzeit oder Festanstellung.“ Besitzer Danny Scarlino sagt, dass es nach der zweiten Aussperrung nur noch schlimmer wurde. Sechs Mitarbeiter gingen. „Einer ist Lkw-Fahrer geworden, ein anderer ist zu einem Transportunternehmen abgewandert, ein dritter in die Industrie, weil die dann und da geregelte Arbeitszeiten haben.“
Auch in der Gastronomie müsse man arbeiten, wenn andere frei hätten: am Wochenende, an Weihnachten, an Feiertagen, sagt er. Das ist bei anderen Jobs einfach nicht der Fall. Zudem hätten viele Angst vor neuen Lockdowns, beschrieb Scarlino die Situation in seinem Restaurant.
Wo sind die Kräfte der Gastronomie?
Cecilia Knod, SWR, Tagesschau 5. Juli 2022, 12 Uhr
Teststäbchen statt Cocktails
Wie einige Gastronomen beschloss Scarlino im vergangenen Jahr, neben seinem Geschäft ein Testcenter zu eröffnen. Bartender Christopher Tinnell hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass er Corona-Tests durchführt, statt Cocktails zu mixen. „Mir persönlich ist das egal, außer dass die Stimmung hier nicht so gut ist wie oben, wenn gefeiert wird“, sagt er.
Scarlino fehlen derzeit zwei Leute im Front Office, zwei in der Küche und einer an der Bar. „Fünf Vollzeitkräfte werden den Job für mich erledigen“, sagt er. Aber er ist nicht sehr zuversichtlich, dass er in der Lage sein wird, seinen Personalmangel in absehbarer Zeit zu füllen. Die Aufschrift „Gesucht“ wird vorerst wohl an seiner Tür stehen bleiben.
Von Gastronomie bis Marketing
Maren Elli ist 33 Jahre alt, sie hat eine klassische Ausbildung zur Restaurantfachfrau absolviert. Sie hat lange in der Gastronomie in Deutschland und der Schweiz gearbeitet. „Auch in der gehobenen Gastronomie“, sagt sie. Sie liebte den Job und lernte ihren Mann kennen, der Koch ist. Dankbarkeit gegenüber dem Gast, zu wissen, was er dem Gast serviert, das war Ellie wichtig. Dann kam der Lockdown in Deutschland. „Die Kurzzeitpauschale war zu wenig“, sagt sie. Also ging sie in die Schweiz und übernahm dort die Leitung eines Restaurants. Aber es gab auch Einschränkungen und ich bin nach Deutschland zurückgekehrt.
Am Ende beschloss Ellie, sich bei einer Marketingfirma zu bewerben. Es funktionierte. Während der Pandemie saß sie mit Kopfhörern und Computer im Homeoffice und schaffte es, weiterzumachen. „Ich dachte, ich könnte nichts anderes tun, als in der Gastronomie zu arbeiten.“ Heute leitet sie die Kundenbetreuung im Online-Marketing und wurde inzwischen befördert. „Ich habe tolle Kollegen, bekomme gutes Feedback von Kunden und Chef und die Arbeit macht Spaß.“ Sie werden gefördert und gefordert. Jetzt schätzt sie auch geregelte Arbeitszeiten, keine Wochenend- und Feiertagsdienste mehr, Familienzeit. Eine Rückkehr in die Gastronomie kann sie sich nicht vorstellen.
„Keine Abgangswelle“
“Es gibt keine Auswanderungswelle”, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. „Bei dem Personalmangel an Flughäfen und in der Gastronomie kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass Menschen wegen der Krise aus diesen Branchen geflüchtet sind. Dies ist tatsächlich nicht der Fall. Während der Coronakrise gingen weniger Jobs zu Ende als vor der Krise. Aber auch die Branchen haben über einen langen Zeitraum nur sehr wenige Mitarbeiter eingestellt. Das bedeutet, dass sie bei der Einstellung noch Nachholbedarf haben“, erklärt Weber.
Branchen mit intensivem Kontakt, wie Gastronomie und andere, waren besonders stark von der Pandemie betroffen. Sie würden die Beschäftigung entsprechend reduzieren. „Gewonnen haben andere, nennen wir es Supermärkte, Lieferdienste, Callcenter oder Branchen wie Öffentlicher Dienst, Bildung oder Soziale Dienste. Dort verlagerte sich die Beschäftigung. Aber nicht, weil die Mitarbeiter direkt abgewandert sind, sondern weil die einfach mehr eingestellt haben als andere“, sagt Weber.
Corona ist zu schnell für den Arbeitsmarkt
Gerade in den von Corona betroffenen Branchen mangelt es an allem. „Sie versuchen alle, sehr kurzfristig wieder gleichzeitig Unternehmen zu gründen. Aber der Arbeitsmarkt ist einfach nicht so schnell. Also ist Corona zu schnell für den Arbeitsmarkt.“ Weber prognostiziert, dass dieser Spezialeffekt mit etwas mehr Zeit und angemessenem Einsatz zurückkehren wird. Das könnte aber bis nächstes Jahr dauern. Alle müssen sich strecken, weil die Leute knapp sind und die Anforderungen da sind. Auch die Arbeit müsse sich dem Leben anpassen, nicht nur umgekehrt, so Weber.
Aus Sicht von Maren Ely hat die Gastronomie viel zu tun. „Viele Arbeitgeber müssen den Arbeitnehmern einen Schritt näher kommen. Das fängt beim Lohn an. In manchen Stellenausschreibungen habe ich gelesen, dass eine gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel von Vorteil ist oder dass die Bezahlung nach Tarif erfolgt. Aber das ist kein Vorteil, sondern eine Grundvoraussetzung.”
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