Germany

Energiekrise: Erstes Kohlekraftwerk geht wieder ans Netz

Stand: 08.01.2022 07:51

So viel Erdgas sollte nicht zur Stromerzeugung verwendet werden. In der Folge dürfen Steinkohlekraftwerke seit Kurzem vorübergehend wieder ans Netz gehen. Ein Werk in Niedersachsen ist offensichtlich der Anfang.

Das erste Kohlekraftwerk des Reservats soll bald wieder in Betrieb genommen werden. Dabei handelt es sich um das Kraftwerk Mehrum im niedersächsischen Hohenhameln (Kiefernkreis) zwischen Hannover und Braunschweig, wie die Bundesnetzagentur in Bonn nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa mitteilte. Dies ist bisher die einzige „Marktrendite“ eines Kraftwerks, die der Bundesnetzagentur gemeldet wurde.

Ab dem 14. Juli erlaubt eine Verordnung die Wiederinbetriebnahme von Steinkohlekraftwerken aus der sogenannten Netzreserve, um Erdgas einzusparen. Nach Angaben der Bundesnetzagentur entfielen im Juni 11,2 Prozent der deutschen Stromerzeugung auf Erdgas. Die Verordnung der Bundesregierung erlaubt den Verkauf von Strom aus Ersatzkraftwerken, die mit Steinkohle oder Öl betrieben werden, bis Ende April 2023.

Lindner fordert ein Ende der Stromerzeugung aus Gas

Am Wochenende kam es innerhalb der Bundesregierung zu einem Streit um die Stromerzeugung aus Gas. Finanzminister Christian Lindner forderte, dies zu stoppen. „Wir müssen darauf hinwirken, dass die Gaskrise nicht von einer Stromkrise begleitet wird“, sagte der FDP-Vorsitzende der Bild am Sonntag. „Deshalb kann das Gas nicht mehr wie bisher zur Stromerzeugung genutzt werden.“ An den Bundeswirtschaftsminister gerichtet, sagte Lindner: “Robert Habeck wird die rechtliche Befugnis haben, dies zu verhindern.”

Ein Sprecher von Habeck wies darauf hin, dass der vollständige Verzicht auf Gas im Stromsektor zu Stromkrisen und Stromausfällen führen würde. „Es gibt systemrelevante Gaskraftwerke, die mit Gas betrieben werden müssen. Wenn sie kein Gas bekommen, kommt es zu ernsthaften Störungen. Das ist leider die Realität des Stromsystems, die man kennen muss, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.“ Doch wenn Gas in der Stromerzeugung ersetzt werden kann, muss es ersetzt werden – und daran wird schon lange auf Hochtouren gearbeitet.

Neben der bereits geltenden Verordnung für Steinkohle- und Ölkraftwerke wird für Anfang Oktober auch eine Verordnung zum Wiederanfahren der bereits stillgelegten Braunkohlekraftwerke vorbereitet. Darüber hinaus gibt es eine Gaseinsparverordnung, die eine unnötige Stromerzeugung aus Erdgas verhindern soll. „Die Verordnung wird derzeit vorbereitet und tritt in Kraft, wenn klar wird, dass bei der Stromerzeugung noch mehr Gas eingespart werden muss“, teilte das Wirtschaftsministerium am 21. Juli mit.

Strom für mehr als eine halbe Million Haushalte

Das Kraftwerk Mehrum ist seit Anfang Dezember 2021 in Reserve, wie die kaufmännische Leiterin der Betreibergesellschaft Kathryn Voelkner gegenüber dpa sagte. „Wir haben die Rückkehr in den Strommarkt erklärt. Wir gehen davon aus, dass wir kurzfristig wieder ans Netz gehen werden.“ Das Kraftwerk hat eine Nettoleistung von 690 Megawatt. 2018 erzeugte es so viel Strom, dass damit theoretisch mehr als eine halbe Million Modellhaushalte versorgt werden könnten.

Die Anlage gehört dem tschechischen Energiekonzern EPH. Zuvor hatte die Braunschweiger Zeitung über Mehrums geplante Rückkehr an den Strommarkt berichtet. Ein Neustart für einige Monate ist für Kraftwerksbetreiber wirtschaftlich interessant, da die Stromgroßhandelspreise derzeit hoch sind. Gleichzeitig gibt es genug Steinkohle auf dem Weltmarkt. Die Maßnahme zielt darauf ab, Erdgas aus dem Strommarkt zu verdrängen.

Weitere Kraftwerke vor der Rückkehr

Auch der Essener Energiekonzern Steag will wieder mehr Strom verkaufen. Unternehmenssprecher Markus Hennes sagte, man habe “feste Absichten”, mit 2.300 Megawatt Leistung an den Markt zurückzukehren. Auch das Düsseldorfer Energieunternehmen Uniper prüft die Markteinführung seiner Back-up-Anlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 2.000 Megawatt. Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, sagte Sprecher Oliver Roeder.

Der Karlsruher Energiekonzern EnBW will seine fünf Ersatzkraftwerke nicht wieder auf den Markt bringen, weil sie altersbedingt nicht mehr durchgängig betrieben werden können. Ungeachtet der Sonderregelungen der EKBG will das Unternehmen den Steinkohleblock Karlsruhe nun trotz der russischen Invasion in der Ukraine und der anhaltenden Gasmarktentwicklung mindestens bis zum Ende des Winters 2023/24 in Betrieb halten. Ursprünglich wollte die EnBW diesen Block im Rahmen des Kohleausstiegs im Sommer 2022 zur Stilllegung anmelden.