Tobias Oxenbein und Michael Salley
Vor wenigen Tagen wurde auf dem Stockji-Gletscher bei Zermatt VS ein menschliches Skelett entdeckt. Werden durch den Klimawandel menschliche Überreste häufiger in Bergen auftauchen?
Auf Blick-Anfrage sagt Stefan Bolliger, Facharzt für Rechtsmedizin am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich: «Bisher wurden an unserem Institut kaum Leichen von Gletschern untersucht.» Allerdings: Davon ist auszugehen Aufgrund des Gletscherrückgangs können weitere Leichen oder Körperteile gefunden werden.
Konzentrieren Sie sich auf die Art des Todes
Bei der Untersuchung von Gletscherkadavern werden Todesursache, Identität und Todeszeitpunkt festgestellt. Besonderes Augenmerk wird laut Bolliger auch auf die Art des Todes gelegt. Unter welchen Umständen ist ein Mensch gestorben? Ist die Ursache ein Unfall oder ein äußerer Einfluss? Denn: «Nicht jeder Mensch, der in den Bergen ums Leben kam, war Opfer eines Unfalls», sagt Bolliger. Das beweist zum Beispiel der Fall der wohl berühmtesten Eisleiche der Welt, Ötzi. Er wurde durch einen Pfeil tödlich verwundet.
Gletscherkadaver werden wie andere Kadaver untersucht. „Idealerweise erfolgt eine äußere Begutachtung der Leiche am Fundort, die sogenannte juristische Begutachtung. Es folgt eine gründliche Außenbegehung des Instituts und schließlich eine forensische Obduktion“, erklärt der Experte.
Aber: Laut Bolliger gibt es zusätzliche Schwierigkeiten bei der Untersuchung von Gletscherkadavern. „Aus geografischen Gründen ist es Forensikern oft nicht möglich, die rechtliche Prüfung vor Ort durchzuführen. In den meisten Fällen werden diese Leichen von Bergspezialisten geborgen und per Helikopter oder Schlitten transportiert.
Kleidung oder Gegenstände geben Hinweise
“Solche Kadaver oder Kadaverteile sind meist gefroren und oft mit Eis bedeckt.” Es kann mehrere Tage dauern, bis sie ausreichend aufgetaut sind, um weitere Tests durchzuführen. Am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich wurden alle Verstorbenen einer Ganzkörper-Computertomografie (CT) unterzogen. „Dies gibt uns dann eine Reihe von Einblicken in Verletzungen, pathologische Veränderungen oder Erkennungsmerkmale“, sagt Bolliger.
Dennoch stellt die Bestimmung und Abschätzung des Todeszeitpunkts bei Gletscherkadavern besondere Herausforderungen dar. Bolliger: „Bei Gletscherkadavern wird der natürliche Verwesungsprozess durch die Kälte unterbrochen, sodass diese Kadaver über Jahrzehnte unverändert im Eis liegen bleiben können zu Jahrhunderten oder mehr. Daher ist es kaum möglich, den Todeszeitpunkt allein anhand des Aussehens der Leiche zu beurteilen.”
Laut Bolliger können die Art der getragenen Kleidung oder auf der Kleidung gefundene Gegenstände wie Quittungen, Tickets oder Münzen den Todeszeitpunkt eingrenzen. Allenfalls geben diese Dinge Aufschluss über den Herkunftsort oder die Etappen der Reise eines Toten und könnten helfen, die Vermisstenmeldungen einzugrenzen.
Eine Leiche aus den 70er Jahren
Ganz einfach: Es gibt nicht immer einen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Beispiel, weil laut Bolliger nicht alle Vermisstenmeldungen Material für DNA-Proben enthalten – obwohl solches Material heutzutage für alle Vermisstenmeldungen zur Verfügung gestellt wird. Die DNA-Datenbank des Bundes beispielsweise gibt es erst seit dem Jahr 2000.
Der älteste Gletscherkörper, den Bolliger untersuchen durfte, war ein junger Mann aus Mittelengland. Er starb Anfang der 1970er Jahre auf einem Gletscher und wurde in einem sehr heißen Sommer gefunden. „Unsere Ermittlungen ergaben, dass der Mann alleine im Berg war und sich vermutlich durch einen Fehltritt das Sprunggelenk gebrochen hat und sich dadurch nicht mehr bewegen konnte“, sagt der Experte.
Damals, vor dem Zeitalter der Handys, war es für den Mann unmöglich, Hilfe zu holen, so dass er am Ende auf dem Berg starb, wahrscheinlich an Unterkühlung. „Ich habe viele Jahre nach der Untersuchung noch lebhafte Erinnerungen an diesen sehr tragischen Fall.
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