Hohe Ehre für Göttinger Forscher: Prof. Alexander Flügel von der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) erhielt den Sobek-Preis für seine bahnbrechende Forschung zur Multiplen Sklerose (MS) – aus den Händen von Dr. Hans J. Reiter vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg.
© AMSEL/Frank Eppler/nh
Ein Göttinger Forscher arbeitet an einem direkten Blick auf die Entstehung von Multipler Sklerose. Dies könnte zu einer neuen Therapie führen.
Göttingen – Multiple Sklerose – kurz MS – gilt als die Krankheit von 1.000 Menschen, sie verläuft unvorhersehbar, teilweise stationär oder schnell fortschreitend – mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen. Die tödlichen Entzündungsherde des Zentralnervensystems (ZNS), die für MS charakteristisch sind, können jetzt leicht visualisiert und identifiziert werden.
Aber ein direkter Blick auf den Entzündungsherd und das Geschehen war lange Zeit nicht möglich. Der Göttinger Forscher Alexander Flügel arbeitet seit vielen Jahren daran.
Heute kann er direkt beobachten, was an Entzündungsherden im ZNS passiert und sogar die Entstehung von MS. Dies führt zu einem besseren Verständnis der Krankheit. Möglich macht das eine spezielle Mikroskopietechnik, die er mit seinem Team optimiert hat. Die Ergebnisse dieser Studie können auch für Menschen mit MS nützlich sein. Weltweit gibt es etwa 2,5 Millionen davon.
Die Erkenntnisse von Alexander Flügel, seit 2008 Professor für Neuroimmunologie und Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple-Sklerose-Forschung an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), führen zu einer neuen Sichtweise auf die chronisch entzündliche Erkrankung MS: Multiple Sklerose muss gesehen werden als systemischer Prozess und nicht nur als auf das zentrale Nervensystem beschränkte Immunreaktion, so die Jury der Sobek-Stiftung, die dem Göttinger nun eine wichtige Auszeichnung verliehen hat. Die Ergebnisse der Flugel-Forschung bieten „das Potenzial, die Stadien von Krankheitsprozessen differenzierter zu bestimmen und damit wirksamer therapeutisch einzugreifen“, so die Experten der Jury der Sobek-Stiftung weiter. Jetzt hat er dem UMG-Professor den mit 100.000 Euro dotierten europaweit größten Forschungspreis auf dem Gebiet der Grundlagenforschung bei Multipler Sklerose verliehen.
Die von Flügel entwickelte bahnbrechende Methode der Intravitalmikroskopie schuf Voraussetzungen für die direkte Beobachtung von Vorgängen im ZNS. Dazu markiert er Antigen-spezifische T-Zellen mit einem grün fluoreszierenden Protein, um sie beim Eintritt in das ZNS im lebenden Organismus sichtbar zu machen.
In Kombination mit der 2-Photonen-Mikroskopie gelang es ihm erstmals, die Navigationsmuster von T-Zellen zur Überwindung der Blut-Hirn-Schranke in einem lebenden Modell abzubilden. Auf diese Weise konnte Flügel die Bewegung pathogener T-Zellen über die Hirnhäute und die molekularen Regeln hinter diesem krankheitsrelevanten „T-Zelltransport“ charakterisieren.
Erstaunlich ist auch seine Entdeckung, dass autoaggressive T-Zellen, die sich gegen den eigenen Körper richten, nahezu mühelos durch dichtes Nervengewebe manövrieren können, bis sie auf lokale Makrophagen (große Zellen des Immunsystems) treffen und von diesen aktiviert werden. Dies führt zu einer immunologischen Kettenreaktion, die den eigentlichen Ausbruch der Krankheit markiert. So erlaubt seine Methode einen direkten Einblick in das Geschehen an Entzündungsherden im ZNS.
Der Leiter des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Hans J. Reiter, würdigte Flügels Verdienste bei der Preisverleihung mit wunderbaren Worten: „Ihre Arbeit ist ein wichtiges Puzzleteil zur Erkennung der Krankheit Multiple Sklerose, Entwicklung und ihre Mechanismen Reiter sagt sogar: “Dank Ihrer Forschung hoffen wir, dass diese Krankheit eines Tages heilbar sein wird.”
Das ist auch die Motivation für Alexander Flügel, der mit seinem Team und den Ergebnissen der Grundlagenforschung die angewandte Forschung und letztlich die Transformation in die klinische Arbeit vorantreiben will – d.h. Diagnose und Therapie, d.h. Behandlung. (Thomas Köpitz)
Zur Person: Prof. Ph.D. Alexander Flügel
Professor Doktor. Alexander Flügel wurde 1965 in Erlangen geboren, studierte Medizin in München und promovierte dort in Physikalischer Chemie und Zellbiologie mit Auszeichnung. Ab 1994 wurde sein Schwerpunkt Neuroimmunologie am Max-Planck-Institut für Neurobiologie. Nach zwei klinischen Jahren wechselte er voll in die Grundlagenforschung und leitete das Labor für zelluläre und molekulare Neuroimmunologie in Martinsried. Seit 2008 ist er Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und MS-Forschung am Universitätsklinikum Göttingen. Er hat seine Arbeiten in renommierten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht und ist auf Führungsebene in wissenschaftlichen Gremien in ganz Europa tätig. Der Europäische Forschungsrat (ERC) fördert seine Multiple-Sklerose-Forschung ab 2021 mit einem Advanced Grant. Flügel hat auch eine starke Forschungsförderung erhalten und ist in zahlreiche Verbundprojekte eingebunden. (tko)
Hintergrund: Multiple Sklerose (MS) – Entstehung und Zusammenspiel vieler Faktoren noch ungeklärt
Die Ursache von MS ist (noch) nicht geklärt. Es werden mehrere Gründe vermutet. Mehrere Bedingungen scheinen zusammenkommen zu müssen, damit sich MS entwickelt. Das genaue Zusammenspiel dieser Faktoren ist nicht bekannt. Dabei spielt das körpereigene Abwehrsystem, das Immunsystem, eine zentrale Rolle. Das Immunsystem schützt vor Krankheitserregern, indem es sie unschädlich macht, sobald sie in den Körper gelangen. Bei MS scheint ein Teil dieses Abwehrmechanismus falsch programmiert zu sein, das heißt, er richtet sich gegen den eigenen gesunden Körper. Eine Fehlfunktion des Immunsystems führt auch zur Bildung von Schutzelementen (Zellen und Proteine/Antikörper, Entzündungsstoffe), die Schäden und Störungen von Myelin, Nervenzellen und deren Nervenfasern verursachen können.
Auch der Eingriff genetischer Faktoren ist nicht auszuschließen und wird intensiv untersucht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass eine direkte Vererbung der Krankheit vorliegt – vielmehr wird eine „Neigung“ zu einer möglichen Erkrankung, eine Veranlagung, vererbt. Es wurde vermutet, dass der Einfluss von Umweltfaktoren wie Infektionen im Kindesalter sowie andere Aspekte wie Vitamin D und Ernährung ebenfalls potenzielle Faktoren sind, die einen solchen Trend verstärken können. Autoimmunerkrankungen werden oft im Zusammenhang mit MS erwähnt. Dem Immunsystem wird eine Schlüsselrolle bei der Entstehung und dem Fortschreiten der MS zugeschrieben. (tko mit dmsg)
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