Sonntag, 14. August 2022 – Von Schinken
Bei der Parkinson-Krankheit werden Alpha-Synuclein-Proteine im Gehirn abgelagert. Die Hoffnung, mit Alpha-Synuclein-bindenden Antikörpern das Fortschreiten der Krankheit aufhalten zu können, ist vorerst geschwunden. Zwei klinische Studien zeigten enttäuschende Ergebnisse.
Zwei Alpha-Synuclein-bindende Antikörper enttäuschen in klinischen Studien: Weder der Antikörper Cinpanemab noch Prasinezumab zeigten signifikante Wirkungen bei Patienten mit Parkinson im Frühstadium. Weder konnte der Abbau der Proteinablagerungen in den Bildern gezeigt werden, noch konnte das Fortschreiten der Krankheit verlangsamt werden. Die Ergebnisse der beiden randomisierten, placebokontrollierten Phase-2-Studien wurden letzte Woche im New England Journal of Medicine/NEJM veröffentlicht.
Eine Studie wurde vorzeitig beendet
Die Cinpanemab-Studie umfasste 357 Patienten, die zwei verschiedene Dosen des Antikörpers (1.250 mg oder 3.500 mg) oder ein Placebo erhielten. Da nach 72 Wochen keine Unterschiede festgestellt werden konnten, wurde die Studie vorzeitig beendet.
Nicht besser verlief die Behandlung mit dem α-Synuclein-bindenden Antikörper Prasinezumab. Das Medikament wurde zudem in zwei verschiedenen Dosierungen verabreicht und mit einem Placebo verglichen. Auch hier zeigten sich in den Behandlungsarmen keine Verbesserungen des klinischen Ergebnisses und der Bildgebung.
α-Synuclein-Ablagerungen sind wahrscheinlich nicht die Ursache
Die Entwicklung der beiden Antikörper basiert auf der Annahme, dass α-Synuclein-Ablagerungen die Ursache für den degenerativen Prozess sind. Denn die für die Parkinson-Krankheit typischen Lewy-Körperchen, runde Einschlüsse im Zytoplasma von Nervenzellen, bestehen aus diesem speziellen Protein. Daher war die Hoffnung groß, dass mit α-Synuclein-bindenden Antikörpern eine kausale Therapie gegen die Parkinson-Krankheit gefunden werden könnte.
Möglicherweise ist α-Synuclein aber gar nicht die Ursache der Parkinson-Krankheit, sondern lediglich ein Biomarker, vermutet Prof. Lars Timmermann, weshalb „eine gezielte Therapie gegen α-Synuclein zwecklos ist“, so der Vizepräsident der Deutschen Neurologie Gesellschaft. „Bei der Kausalkette zwischen α-Synuclein und Parkinson-Progression sollten die Ergebnisse zumindest tendenziell positiv sein.“
Es gibt verschiedene Subtypen der Parkinson-Krankheit
Ganz pessimistisch sieht Neurowissenschaftler Timmermann die Lage allerdings nicht: „Aktuell wird auch an sogenannten ‚Small Molecule‘- und RNA-basierten Therapieansätzen geforscht, um die vermeintlich krankheitserregenden Proteinaggregationen zu verhindern.“ Ob diese Substanzen eine größere Wirkung haben können, bleibt abzuwarten.
Timmerman betont, dass zwar von „dieser“ Parkinson-Krankheit gesprochen wird, dahinter aber viele verschiedene Krankheitsbilder mit unterschiedlichen Verläufen stecken. Daher sollte eines der Ziele sein, Subtypen besser zu klassifizieren und Therapieoptionen für einzelne Krankheitstypen zu testen. „Eine Studie zu einem Krebsmedikament, das bei einer Tumorart wirkt, wäre wahrscheinlich auch negativ, wenn Krebspatienten mit unterschiedlichen Tumorerkrankungen eingeschlossen würden.“
Nervenzellen sterben in der Substantia nigra ab
Bei der Parkinson-Krankheit sterben Nervenzellen in der Substantia Nigra – einem dunkel gefärbten Bereich des Gehirns, der Bewegungen steuert – ab. Dadurch fehlt dem Gehirn der Neurotransmitter Dopamin, der für die Übertragung von Nervenimpulsen notwendig ist. Bei einem Mangel an Dopamin werden Befehle vom Gehirn an die Muskeln verzögert, unvollständig oder gar nicht empfangen. Die Folge sind Parkinson-typische motorische Symptome, eingeschränkte Beweglichkeit, Muskelsteifheit und Zittern im Ruhezustand. Was genau die Nervenzellen in der Substantia nigra zum Absterben bringt, ist noch nicht geklärt. Die Theorie, dass α-Synuclein-Ablagerungen den degenerativen Prozess verursachen, scheint nach diesen beiden Studien weniger plausibel.
Add Comment