Energiekrise in Deutschland
Die Angst vor der Ampel vor dem nächsten schweren Fehler
Stand: 31.08.2022 | Lesezeit: 4 Minuten
Wie Scholz, Habeck und Lindner die Energiekrise überwinden wollen
Die Bundesregierung beendet ihre Klausurtagung. Hauptthemen waren die Energiekrise und steigende Preise. Sehen Sie hier die gemeinsame Abschlusspressekonferenz von Bundeskanzler Scholz, Vizekanzler Habeck und Finanzminister Lindner.
Nach dem hitzigen Streit sind dem Spitzentrio der Ampeln noch Details zum neuen Hilfspaket schuldig. Diesmal sollte Gründlichkeit vor Schnelligkeit kommen. Ein gemunkeltes Drehbuch liefert einen groben Zeitplan. Die Angst vor einem kalten Winter ist in der Koalition spürbar.
Der Ton in der Ampelkoalition war zuletzt ziemlich schroff. Das reichte von Streit auf offener Bühne, gegenseitigen Beleidigungen auf Twitter und Zweifeln an den technischen Fähigkeiten des Wirtschaftsministers bis hin zu Kritik an der Kommunikationsfähigkeit der Kanzlerin. Die Ampeln waren fast an, doch bei der Abschlusspressekonferenz der Bundesregierung nach ihrem Rückzug in Meseberg bei Berlin schienen alle Meinungsverschiedenheiten ausgeräumt.
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) setzte sich angesichts der Angriffe der Grünen auf Olaf Scholz (SPD) demonstrativ vor die Kanzlerin und stellte sich dann ebenso deutlich hinter sie. Es ist gut, dass Scholz an der Spitze dieser Regierung steht. „Mit seiner Erfahrung, mit seiner Umsicht, mit seiner Ruhe führt er dieses Land sicher“, lobte Habeck.
Die Kanzlerin nahm diesen freundschaftlichen Ball mit und versicherte, die Regierung arbeite “sehr gut zusammen, wie man das auch hier in Meseberg sinnlich erleben kann”. Auch Finanzminister Christian Lindner (FDP) lobte die Arbeit als „kollegial und gut“. Dann ist alles in Ordnung? Die Stimmung sei “konzentriert und harmonisch”, sagte ein Regierungsmitglied gegenüber WELT.
Dem Trio der Ampelfahrer am Mittwoch stehen nach dem Ministertreffen noch konkrete Ergebnisse bevor. Lindner kündigte ein „massives Entlastungspaket“ an – im Budget 2022 sei noch Spielraum im einstelligen Milliardenbereich. Details nannten die Top 3 nicht.
auch lesen
Das liegt zum einen daran, dass man sich in grundsätzlichen Punkten einig ist, der Teufel aber im Detail steckt. So findet Lindner die von der SPD vorgeschlagene Gaspreisbremse schwer durchsetzbar. Er hält nicht viel von der Überschusssteuer.
auch lesen
Andererseits will die Regierung als Ganzes kein weiteres hastig geschnürtes Paket akzeptieren, was in der Folge scharfe Kritik provoziert. Stichworte: Gasgebühr oder Energiefestpreis. „Es wird voraussichtlich Ende September dauern, bis das Hilfspaket abgeschlossen ist“, heißt es aus Quellen der Koalition.
Dass die Vorstellung des Hilfspakets entgegen der Ankündigung von SPD und Grünen nicht in Meseberg, wohl aber für mehrere Wochen in Berlin stattfinden wird, ist politischer Vorsicht geschuldet. Bei der Gassteuer muss sich die Koalition nun mit dem Problem auseinandersetzen, dass Unternehmen, die derzeit gut verdienen, sie auch beantragen können. Zudem geht aus der einschlägigen Formulierung im EnergieSiG nicht hervor, welcher der Gaskunden überhaupt die Abgabe entrichten soll. „Schlechte Handwerkskunst“ beklagt die SPD Habecks gesetzgeberische Arbeit.
Die Liberalen hingegen verweisen auf den Fehler von Arbeitsminister Huberts Heil (SPD), nachdem viele Rentner ausgebrochen seien, weil sie im März die fixen 300 Euro Energieabgabe aus dem zweiten Hilfspaket nicht erhalten hätten. Er habe die Erwachsenen in seinem Hilfsangebot “einfach vergessen”.
Entscheidung voraussichtlich Ende September
Die dritte Packung sollte nun an Ort und Stelle sein und mehr als nur ein schneller Verband sein. Aber auch größere Entlastungsmaßnahmen, wie die geplante Neuordnung des Strompreismarktes, werfen Rechtsfragen auf, die nicht nur deutsches, sondern auch europäisches Recht betreffen.
In Koalitionskreisen wird davon ausgegangen, dass die Fraktionen von SPD und FDP die Grundsatzentscheidungen Mesebergs in ihren Klausurtagungen weiter ausarbeiten werden, auf deren Vertraulichkeit die Kanzlerin so stolz ist. Ein Koalitionsausschuss könnte sich am Wochenende oder Anfang nächster Woche damit befassen.
„Netter Trick zu sagen, dass ich etwas für dich tun werde. Aber die Rechnung zahlen andere”
Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur der WELT, zieht Bilanz nach der Klausurtagung der Ampelkoalition in Meseberg. Er sagt: “Die beiden Seiten haben sich nicht nur unter dem Tisch, sondern auch über den Tisch getreten.”
Das Kabinett kann das Paket dann in den Bundestag bringen; er kann ihn während der ersten Sitzungswoche in erster Lesung berücksichtigen. Nach den abschließenden Beratungen im Parlament und gegebenenfalls im Bundesrat kann Ende September mit dem dritten Hilfspaket begonnen werden. Bisher ist von einem Drehbuch die Rede.
Trotz aller demonstrativen Vorkehrungen blicken die Regierungsmitglieder mit Unbehagen auf die Aussichten des kommenden Winters. Man sagte, man könne einen milden Winter ganz gut überstehen; “medium” könnte den Aufwand bewältigen. Aber wenn es kälter als der Durchschnitt wird, “könnten wir ein Problem haben”, hieß es nach der Prüfung. Der Leiter der Bundesnetzagentur Klaus Müller stellte die entsprechenden Perspektiven vor.
Die Ampelkoalition kann die Rahmenbedingungen ihrer Politik nicht allein bestimmen. Sie hängen vor allem vom Krieg, aber auch von Wetter und Klima ab.
Hier können Sie sich unsere WELT-Podcasts anhören
Um eingebettete Inhalte anzuzeigen, ist Ihre widerrufliche Zustimmung zur Übermittlung und Verarbeitung personenbezogener Daten erforderlich, da Anbieter von eingebetteten Inhalten wie Drittanbieter diese Zustimmung benötigen [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Durch Einschalten des Schalters erklären Sie sich damit einverstanden (jederzeit widerrufbar). Dies umfasst auch Ihre Zustimmung zur Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten an Dritte, einschließlich der USA, gemäß Artikel 49 (1) (a) der DSGVO. Hier finden Sie weitere Informationen dazu. Ihre Einwilligung können Sie jederzeit über den Schalter und über den Datenschutz unten auf der Seite widerrufen.
„Kick-off Politics“ ist der tägliche News-Podcast der WELT. Das wichtigste Thema analysiert die WELT-Redaktion und die Termine des Tages. Abonnieren Sie den Podcast unter anderem bei Spotify, Apple Podcasts, Amazon Music oder direkt per RSS-Feed.
Add Comment