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Wie wahrscheinlich? Experte erklärt „risikoreichstes Szenario“

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Erstellt: 25.09.2022, 06:16

Von: Matthias Schneider

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Wie zuverlässig ist die deutsche Stromversorgung im Winter? Eine genaue Analyse der Netzbetreiber zeigt, dass es eng werden kann. Aber es gibt Entwicklungen, die Hoffnung machen.

München – Im Schatten der Gaskrise spitzt sich die Lage auf dem europäischen Strommarkt allmählich zu. Der Winter naht und politische Warnungen vor großflächigen Netzausfällen – umgangssprachlich Blackouts genannt – werden lauter. Aber sie werden viel mit den Anrufen verwirrt. Wir haben den Stresstest analysiert – und gezeigt, wo die Probleme wirklich liegen.

Angst vor Stromausfällen in Deutschland: Was wurde analysiert? ein Belastungstest ist verfügbar

Im Auftrag des grünen Bundeswirtschaftsministeriums haben die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber einen verschärften Stresstest durchgeführt, der unserer Redaktion vorliegt. Ziel war es zu klären, ob das deutsche Stromnetz verschiedenen hypothetischen Krisenszenarien standhält. Dazu wurden der Störfall verschiedener Kraftwerke und der Massenbetrieb elektronischer Gebläseöfen bis zu einer Stunde lang simuliert.

Detlef Fischer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft, erklärt: „Eines der größten Probleme ist derzeit, dass Frankreich derzeit knapp die Hälfte seines Kernkraftwerksparks wegen Reparaturen, Wartungen am Netz hat und niedrige Flusspegel. Das muss jetzt unter anderem Deutschland kompensieren.

Doch die Bundesrepublik möchte zum Schutz ihrer Gaskraftwerke auf Exporte verzichten. Frankreich schafft es im schlimmsten Fall, nur zwei Drittel seiner Atomkapazität über den Winter am Netz zu halten. „Außerdem wurde eine Dürresituation simuliert, die den Kohletransport auf Flüssen erschwert“, so Fischer weiter. „Eingebettet wurden diese Szenarien in den Februar 2012, den kältesten Monat seit zehn Jahren.“ Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes erreichten die Temperaturen dort zeitweise gut minus 30 Grad. Ein Extremszenario, bei dem der Gasverbrauch deutlich steigen wird. „Deshalb wurden auch physische Gasengpässe in das Worst-Case-Szenario aufgenommen, das 50 Prozent der verbleibenden Gaskraftwerkskapazität in Süddeutschland und Österreich als nicht verfügbar ansieht“, sagt Fischer.

Derweil möchte Robert Habeck der Krise mit einer Reihe von Energiesparverordnungen entgegenwirken. Daher treten ab dem 1. Oktober neue Regeln in Kraft.

Deutschlands Versorgungslage: Was ist wirklich das Problem?

„Das Problem wäre nicht die Strommenge, sondern viel mehr der Transport“, erklärt Detlef Fischer. Das bedeutet, dass selbst im Worst-Case-Szenario für maximal zwölf Stunden nicht genug Strom im europäischen Netz vorhanden ist, um den Bedarf Deutschlands überall vollständig zu decken (siehe Kasten).

Kritischer ist der Transport: „Um Strom über weite Strecken zu transportieren, braucht man spezielle Hochspannungsleitungen“, erklärt eine Sprecherin des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, der die Stresstest-Studie mitentwickelt hat. Fällt die Produktion in einer Region aus, kann dies nicht immer durch Überproduktion aus anderen Regionen kompensiert werden.

Wie wahrscheinlich ist ein Stromausfall in Deutschland? (Symbolfoto) © Federico Gambarini/dpa

Energieexperte: „Das riskanteste Szenario ist ein trockener, kalter und windiger Winter“

„Es geht also nicht nur darum, wie viel Strom ein Kraftwerk erzeugt, sondern wo es den Strom ins Netz einspeist und welche Übertragungskapazität es hat“, resümiert die Amprion-Sprecherin. „Das riskanteste Szenario ist daher ein trockener, kalter und windiger Winter“, erklärt Detlef Fischer. „Süddeutschland wird besonders betroffen sein: Hier ist die industrielle Nachfrage hoch und die Windstromproduktion gering. Wenn im Stresstest die schlechtesten Rahmenbedingungen zusammenkommen, wird es sehr eng.“ Denn im Norden stehen in der Spitze 30 Gigawatt Windleistung zur Verfügung – das 20-fache der Leistung von Isar 2. Aber das ist weit mehr, als das Netz bewältigen kann .

Die Südlink-Leitung sollte ursprünglich ab 2022 norddeutsche Windkraftanlagen mit den Industriezentren Süddeutschlands verbinden. Der frühere bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer lehnte den Bau 2014 ab. Inzwischen werden die Leitungen unterirdisch verlegt – jetzt rechnen Experten mit ihrem Einsatz nur noch bei das Ende der 20 Jahre des letzten Jahrhunderts. Wenn das oben beschriebene Szenario eintritt, wird die zusätzliche Leistung von etwa acht großen Gaskraftwerken aus dem Ausland benötigt, um alle Regionen Deutschlands in den kritischsten Stunden vollständig mit Strom zu versorgen.

Wie realistisch ist der Blackout? Mangel „unwahrscheinlich“

Das Ergebnis des Stresstests: In manchen Szenarien kann es innerhalb weniger Stunden zu regionalen Stromausfällen kommen. Doch mittlerweile entspanne sich die Lage etwas, erklärt Detlef Fischer: „Es regnet wieder stärker, wodurch die Flusspegel steigen. Dadurch können Kohlefrachter wieder verkehren und französische Kernkraftwerke wieder in Betrieb gehen.“ Fast alle Pflanzen werden im Winter erwartet. Zudem werden Gasspeicher im Rekordtempo befüllt: „Wir haben deutlich früher als geplant einen Füllgrad von 90 Prozent erreicht – das macht Gasengpässe unwahrscheinlicher“, sagt Fischer.

Vom Markt geteilte Erwartung: Der Gaspreis hat sich seit Ende August fast halbiert. „Wie sich der Gasverbrauch tatsächlich entwickelt, hängt von den Wintertemperaturen und dem Verbraucherverhalten ab“, erklärt Fischer. Im Februar sollen die Tanks bestenfalls zu 40 Prozent gefüllt sein. “Wenn sich die Situation weiter positiv entwickelt, werden die schwerwiegendsten Mangelszenarien deutlich unwahrscheinlicher.”

Eclipse: Was tun in Deutschland? “Es ist das wichtigste Werkzeug”

Doch für ein Aufatmen ist es noch zu früh: „Auch in günstigeren Szenarien sind Engpässe sowohl beim Gas als auch beim lokalen Strom nicht auszuschließen“, erklärt Fischer. „Wir müssen sparen, was wir können, denn eine geringere Nachfrage verhindert Ausfälle, senkt die Preise und damit die Energiekosten für die Verbraucher.“ Außerdem müssen alle Erzeugungskapazitäten, einschließlich Kohlekraftwerke, ans Netz angeschlossen werden. „Und die restlichen Atomkraftwerke brauchen wir erstmal: Ihre zusätzliche Versorgung senkt die Strompreise und beruhigt die Branche.“ Sie leisten auch einen kleinen Beitrag zur Netzstabilität.“

Am Ende werde aber eine große Lücke bleiben: „Im eher unwahrscheinlichen Extremszenario fehlen uns mehr als acht Gigawatt, die wir mangels Leitungen durch kein deutsches Kraftwerk ersetzen könnten. Den nötigen Strom müssen wir schon in unseren Nachbarländern zukaufen, da ist noch lange nicht alles vereinbart“, sagt Detlef Fischer. Im Zweifel haben sie aber die gleichen Probleme wie in Deutschland, sodass es zu Versorgungsausfällen kommen kann: „Deshalb ist Energiesparen das wichtigste Werkzeug, das wir haben, um sicher durch diesen Winter zu kommen.“