Ein trockener Satz, der der E-Mail des Gesundheitsministeriums eine ungeahnte Brisanz verleiht. In der Nacht zum Dienstag wurde bekannt, dass nach einem „Datenabgleich“ rund 3400 Kronen-Tote „nachgemeldet“ werden sollen. Die Zahl der Toten stieg nach Angaben des Ministeriums von 16.439 auf 19.851. Besonders stark ist der Anstieg in Tirol (siehe Grafik).
Wie ist ein so plötzlicher Anstieg von 21 Prozent in Österreich möglich? Grund ist, dass das Epidemiologische Meldesystem (EMS), das aktive und ehemalige Kronenfälle erfasst, mit der österreichischen Todesursachenstatistik abgeglichen wurde. Bei letzterem wird jeder Todesfall anhand der Daten in der Sterbeurkunde erfasst. „In bestimmten Fällen darf bei bestätigten Fällen, die im EMS registriert sind, das Todesdatum nicht eingetragen werden“, teilte das Gesundheitsministerium mit und nannte das Beispiel: „Eine ältere Person ist an Covid-19 erkrankt und liegt auf der Intensivstation. Zehn Tage später war sie negativ, starb aber an der Krankheit. Dieser wurde dort gegenüber den Fällen aus der Todesursachenstatistik bereits ergänzt.
Nachmeldungen gelten auch für 2020
Ein solcher Vergleich habe laut Ministerium bereits im Vorjahr für das erste Jahr der Pandemie stattgefunden. Dem widerspricht jedoch, dass laut Ages rund ein Drittel der später gemeldeten Todesfälle in das Jahr 2020 fielen – und damit im Vorjahr wohl nicht in großem Umfang gemeldet wurden. Zudem versichert die Statistik Austria, dass in diesem Jahr erstmals eine größere Ergänzung erfolgt ist.
Übrigens weicht die Gesamtzahl der Nachmeldungen laut Ages-Dashboard von den Zahlen des Ministeriums ab: Es meldete 3.412 Todesfälle, die nachträglich gemeldet wurden, während die Ages-Zahlen rund 3.100 Nachmeldungen ausweisen. Bisher gab es keine Erklärung für die unterschiedlichen Angaben. Diskrepanzen zwischen den vom Ministerium gemeldeten Zahlen und dem Alter selbst sind jedoch keine Seltenheit.
Kritik von Experten
Dass es so viele Nachmeldungen geben kann, liegt laut Statistik Erich Neuwirth auch an einer unzureichenden Datenerfassung. Das Problem ist, dass dies nicht zentral erfolgt, sondern von den regionalen Behörden in die EMV eingebracht wird. „Wenn die Daten falsch sind, ist es schwierig, eine gute Analyse durchzuführen“, sagt Neuwirth. Der Eingang muss zentralisierter sein und eine Kontrolle ist erforderlich.
Doch nicht nur die Qualität lässt zu wünschen übrig, auch mangelnder Zugang zur Wissenschaft wird kritisiert. Der Volkswirt Harald Oberhofer von der Wirtschaftsuniversität Wien ist einer der Referenten der Registerforschungsplattform, die seit Jahren eine zentrale Datenerhebung fordert. Für ihn ist die späte Registrierung ein weiteres Argument für eine bessere Datenverarbeitung: „Es wäre politisch noch heikler, wenn die Zahl der Todesfälle in der Hochphase der Pandemie bekannt gegeben würde“, sagte er. Diese hohe Zahl wäre ohnehin nicht entstanden, wenn die Daten ständig abgeglichen würden. „Ich glaube auch nicht, dass es technisch schwierig wird“, sagte Oberhofer. „Das grundsätzliche Problem wird offensichtlich: Wir haben kein zentrales Datenmanagementsystem im Land – auch in Krisenzeiten.“
Tatsächlich wurde im vergangenen Herbst im Ministerrat grünes Licht für eine Plattform für Forschungsdaten der österreichischen Statistik, das „Austrian Micro Data Center“, gegeben. Das soll eine zentrale wissenschaftliche Bewertung ermöglichen – schon im Sommer, sagt Oberhofer. „Dies erfordert jedoch entsprechende Vorschriften des Gesundheitsministeriums, um Zugang zu den Daten zu erhalten. Und ich sehe sie immer noch nicht.” Im Hinblick auf den Herbst ist dies jedoch wichtig, um auf eine neue Welle vorbereitet zu sein. Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) sagte, er werde die Daten weiter prüfen, um genau das zu planen. Dass dies nun obskurer denn je ist, dürfte aber nicht dazu beitragen.
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