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Krieg in der Ukraine: Melnik kritisiert Lieferung von Cheetah-Panzern – der Experte sieht andere Probleme

Aktualisiert am 29. April 2022 um 16:40 Uhr

  • Die Bundesregierung hat beschlossen, die Ukraine mit Gepard-Flugabwehrpanzern zu beliefern.
  • Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andriy Melnik, hat den Munitionsmangel für Panzer kritisiert.
  • Weitere Probleme sehen Experten bei der Waffenlieferung.

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Nun ja. Nach langem Hin und Her hat sich die Bundesregierung endlich entschieden, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern. Bei einem Treffen mit internationalen Amtskollegen auf dem US-Luftwaffenstützpunkt in Ramstein am vergangenen Dienstag kündigte Verteidigungsministerin Christine Lambrecht an, dass die Ukraine nun von Flugabwehrpanzern namens Geparden unterstützt werde. „Genau das braucht die Ukraine jetzt: Sicherung des Luftraums vom Boden aus“, sagte Lambrecht.

In der Ukraine gibt es wahrscheinlich eine andere Meinung. Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andriy Melnik, sagte gegenüber ntv, die Ukraine habe Deutschland kurz nach Beginn der russischen Invasion um Flugabwehrpanzer gebeten, die deutsche Seite habe sich dann aber geweigert. Der Vorschlag sei “wie Donner aus heiterem Himmel” gekommen, sagte Melnik.

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Darüber hinaus äußerte der ukrainische Botschafter Bedenken hinsichtlich der Verwendbarkeit der Panzer. Ohne Munition sind sie also nutzlos: „Wenn die Munition nicht in den nächsten Tagen vom deutschen Verteidigungsministerium gekauft wird, muss die Ukraine dieses Angebot aus Deutschland wohl aufgeben“, sagte Melnik gegenüber ntv.

Experte: Munition das kleinste Problem

Der Gepardenhersteller Krauss-Maffei Wegmann hat laut Bild-Zeitung (Bezahlinhalt) nur noch rund 23.000 Schuss Munition auf Lager. Jetzt müssen andere Nutzer des Panzers wie Jordanien, Brasilien und Katar aufgefordert werden, die notwendigen Munitionsvorräte zu liefern. Bei einem Munitionsverbrauch von 1.100 Schuss pro Minute benötigt der Gepard mehrere hunderttausend Schuss Munition, um effektiv eingesetzt zu werden.

Lars Winkelsdorf ist Waffenexperte. Ihm zufolge ist die Herstellung von Munition “das kleinste Problem”. Vielmehr stellt sich die Frage, wann Tanks eingesetzt werden können. „Gepardenpanzer stehen seit Jahren und müssen erst repariert werden“, sagte Winkelsdorf unserer Redaktion.

Die Rümpfe und Türme seien da, „aber erst muss alles geregelt werden. Geht, kostet aber Geld und vor allem Zeit. Inklusive Schulung wird es mehrere Monate dauern, bis Gepard-Panzer in der Ukraine einsatzbereit sind.“

Cheetah “ändert das Spiel nicht”

Der Waffenexperte weiß, dass gerade die Ausbildung der Geparden nicht einfach ist. In der Bundeswehr war der Gepard der Panzer mit der längsten Ausbildungszeit unter den Rekruten. Entsprechend zeitaufwändig ist die Schulung ukrainischer Soldaten im Umgang mit dem Gerät. „Wenn die Cheetahs vor zwei Jahren aufgelöst und ausgeliefert worden wären, wären sie jetzt von großem Nutzen gewesen. Aber die Frage ist, ob die Panzer überhaupt rechtzeitig im Einsatz sind, um in diesem Konflikt eine Rolle zu spielen.“

Winkelsdorf glaubt, dass Geparden nützlich sind, aber “das Spiel nicht ändern”. Sie könnten die Luftverteidigung der Ukraine ergänzen. Raketen und hochfliegende Bomber werden jedoch nicht in der Lage sein, Waffensysteme zu bekämpfen. Die Lieferung ist daher eher eine politische Maßnahme, um den Alliierten zu signalisieren, dass Deutschland engagiert ist. Der militärische Zweck der Versorgung wurde dagegen nicht wirklich berücksichtigt.

“Politisch starkes Signal”

Für den Außenpolitik-Experten Gustav Maybauer geht es bei Rüstungslieferungen um einen weiteren Aspekt als nur um das militärische Ziel: „Ich glaube, das ist ein politisch starkes und bedeutsames Signal“, sagte Maybauer unserer Redaktion. Ihm zufolge könnte die Lieferung von Flugabwehr-Panzerwaffen bedeuten, dass Deutschland andere Panzer und selbstfahrende Haubitzen liefert.

„Symbolische Wirkung kann wichtiger sein als militärische Hilfe. Gepardenpanzer sind schwere Waffen, die schwer zu erlernen sind und mindestens einige Wochen Training erfordern. Ihre Lieferung wurde jedoch bereits genehmigt. Damit wurden einige Argumente gegen andere schwere Waffensysteme wie die Panzerhaubitze 2000, Marder oder Leopard von der Masse vorgeschlagen.“

Die ablehnende Haltung der Bundesregierung gegenüber der Lieferung solch schwerer Waffen werde laut Maybauer immer schwerer zu verteidigen sein.

Für die Experten: Lars Winkelsdorf arbeitet als Schießlehrer und freiberuflicher Dozent im Bereich Sicherheit. Er ist seit 2005 ein anerkannter Waffenexperte. Er ist auch Autor eines Lehrbuchs zur Artillerieausbildung. Seit 2003 arbeitet er als freier Journalist für politische Magazine, darunter Frontal 21 (ZDF), Report München und Tagesschau (ARD).

Gustav Maybauer ist Assistenzprofessor für Internationale Beziehungen an der Radboud-Universität in Nijmegen, Niederlande. Er ist spezialisiert auf außenpolitische Entscheidungsprozesse und die Einrichtung von Flugverbotszonen in Krisengebieten.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Lars Winkelsdorf
  • Gespräch mit Gustav Maybauer
  • ntv.de: Andriy Melnik über ntv: Ohne Munition muss die Ukraine ohne Panzer „Cheetah“ durch
  • Spiegel.de: Der komplexe Kalte Krieger
  • Spiegel.de: Die Kettenreaktion
  • Bild.de: Gepardenmunition kommt erst in 20 Minuten!

Aktualisiert am 27. April 2022 um 14:23 Uhr

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