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Verbrauchererfahrung ist kein Naturgesetz

Ein schlecht designtes Consumer-Gerät ist zwar ärgerlich, aber keine Katastrophe. Ein Industrieunternehmen, dessen Führung zu Arbeitsfehlern führt, ja. Die Kombination aus digitaler Technologie und wachsenden Anforderungen führt dazu, dass Bedienkonzepte und Benutzerschnittstellen immer mehr in den Vordergrund rücken. Eine gute User Experience entsteht jedoch nicht von selbst – sie ist das Ergebnis zielgerichteter, methodischer Arbeit.

Michaela Wilhelm, Head of Usability and Design and Digital Solutions bei der In-Tech GmbH in München / Garching

Wenn Maschinenbauer und externe Anwendungsentwickler aufeinandertreffen, prallen mitunter völlig unterschiedliche Welten aufeinander. Für letztere ist „form follows function“ eine schweißtreibende Herausforderung, an der gearbeitet werden muss. Für manche Kunden hingegen scheint es ein Naturgesetz zu sein, da sie der Meinung sind, dass es ausreicht, die Software nach den funktionalen Aspekten zu entwickeln – dann ergibt sich die ansprechende Benutzeroberfläche mehr oder weniger automatisch. Andere Hersteller hingegen haben bereits erkannt, dass ihre bisherigen Entwicklungen den Usability-Anforderungen ihrer Kunden nicht mehr gerecht werden. Daher suchen sie spezielle externe Unterstützung bei der Entwicklung neuer Benutzeroberflächen.

Ein Aspekt ist die häufigere interne Abstimmung zwischen Kunde und Hersteller, die dafür sorgt, dass die Entwicklung enger am gewünschten Ergebnis ausgerichtet wird. Dies ist Teil der flexiblen Arbeitsweise nach SCRUM, wonach alle zwei bis drei Wochen Zwischenergebnisse oder Demonstrationen präsentiert werden, die der Auftraggeber bewertet und freigibt oder im Auditzyklus einsendet. So wird keine Zeit verschwendet, wenn die Entwicklung nicht nach den Vorstellungen des Auftraggebers verläuft, und auch unproduktive Diskussionen am Ende des Projekts werden vermieden.

Interne Werte werden gezählt

Mit diesem “Dressing”, d.h. Allein der Fokus auf ansprechendes Äußeres raubt den Herstellern einen wichtigen Wettbewerbsvorteil. Das fortschrittliche Bedienkonzept verleiht der Maschine eine unverwechselbare Individualität, die entsprechende Bedienoberfläche ergänzt sie um ein passendes Erscheinungsbild. Exklusivere, besondere Konzepte schaffen Differenzierungspotenziale, die beim Verbraucher einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Denn es spielt keine Rolle, ob die Benutzeroberfläche „schön“ anzusehen ist. Aspekte der User Experience stehen für ihn an erster Stelle:

  • Lässt sich das Gerät oder die Maschine intuitiv bedienen (Usability)?
  • Werden unnötige Handlungen vermieden?
  • Gewährleisten Aufbau und Design einen zuverlässigen, fehlerfreien Betrieb?
  • Welche Bedienoberflächen gibt es eigentlich?

Weist das Bedienkonzept Mängel auf, drohen Effizienzverluste oder gar Fehlfunktionen. Bei komplexeren Steuerungen kann dies beispielsweise passieren, wenn Beschriftungen fehlen oder zu klein sind, der Wechsel in ein Untermenü nicht zur gewünschten Seite führt oder eine Verwaltungsoption an unerwarteter Stelle implementiert ist. Die Aufgabe von UX-Experten ist es, aus Nutzersicht zu denken und ein Bedienkonzept zu entwickeln, das sich im Alltag bewährt – ohne viele Klicks, ohne lange überlegen zu müssen.

Die Bedeutung von UX und der Benutzeroberfläche

Das klassische HMI reicht den Kunden heute angesichts der Breite der technischen Möglichkeiten meist nicht mehr aus. Interne Entwickler sind immer wieder an ihre Grenzen gestoßen. Auch der fest installierte Bildschirm der Maschine bietet heute viele weitere Möglichkeiten: vom einfachen Touchscreen bis hin zum Multitouch-Display, das auch Gesten versteht, selbst bei der Arbeit mit Schutzhandschuhen.

Ein solches Bedienkonzept lässt sich auf Tablets und Smartphones übertragen. Aber die unterschiedlichen Displaygrößen und Seitenformate sind zusätzliche Hürden, die es zu überwinden gilt. Auch Alternativen wie Sprachsteuerung oder Bewegungserkennung – etwa in Verbindung mit Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR) – sind beliebte Optionen, die heute bei der Entwicklung des Bedienkonzepts eine Rolle spielen. Und auch die Nachteile dieser Vielfalt muss der UX-Designer berücksichtigen: Die Arbeit muss für den Nutzer konsistent sein, egal ob er die Maschine vor Ort über den Touchscreen oder remote über eine Anwendung steuert.

Die grafische Gestaltung der Benutzeroberfläche ist gesondert zu betrachten. Auch das trägt zu einer besseren Usability bei: Form, Farbe und Position der visuellen Elemente spielen eine Rolle. Ein Not-Aus-Taster direkt neben dem Zustimmtaster, der täglich unzählige Male gedrückt wird, läuft Gefahr, versehentlich vom Touchscreen abzurutschen, mit kostspieligen Folgen. Die Aufgabe des UI-Designers ist es daher, durch visuelle Gestaltung mit dem Benutzer zu kommunizieren und seine Aufmerksamkeit zu erregen. Außerdem leisten sie einen wichtigen Beitrag zur effizienten Bedienbarkeit.

Strukturiertes Vorgehensmodell

Um eine gute User Experience und Usability zu erreichen, bedarf es eines strukturierten Prozesses. Usability-Experten werden deshalb bereits in die Initialisierung und Planung des Gesamtprojekts eingebunden. Basierend auf den Projektzielen und dem verfügbaren Zeit- und Kostenbudget entscheiden Sie, welche Methoden zum Einsatz kommen und wie der Zeitplan gestaltet wird.

Hier empfiehlt sich ein Vorgehensmodell, das UX-Bereiche und Software-Technologien von Anfang an mit einbezieht. Im Rahmen dieser Verifizierungsphase werden in strukturierten Workshops verschiedene Aspekte des Systems angesprochen, die von Anforderungen über bestehende Softwarearchitekturen bis hin zu Anwendern und ihren Aufgaben reichen.

An die Seminare schließt sich eine Phase der Analyse an, die in klassischen Anforderungskatalogen nur schwer abbildbar sind, sind die täglichen Arbeitsabläufe der Anwender – sie bedürfen insbesondere einer genauen Analyse, um eine intuitive Bedienbarkeit zu gewährleisten.

Umsetzungsphase

Dann folgte die Erstellung der Designlösung, zunächst mit Drahtrahmen und niedrigpräzisen Prototypen, um schon sehr früh erste Nutzertests, wie zum Beispiel Klickpuppen, durchführen zu können.

Gleichzeitig startet das Software-Team bereits mit einer Grundschulung, die noch unabhängig von der Benutzeroberfläche ist. Im Gegensatz zu Consumer-Geräten sind Industriesysteme seit vielen Jahren in Betrieb, daher ist die Wahl der Technologien und Frameworks entscheidend, damit die Lösung über viele Jahre gewartet und erweiterbar bleibt. Insbesondere bei begrenzten Hardwareressourcen können Probleme mit der Laufzeitleistung zu einer schlechten UX führen. Dies muss von Anfang an bei der Erstellung der Softwarearchitektur berücksichtigt werden.

Programmierern die Entwicklung eines Betriebskonzepts zu überlassen, verlängert nicht nur die Projektzeit – im schlimmsten Fall entspricht die endgültige Lösung nicht den Anforderungen der Benutzer. Beispiel: Softwareentwickler nahmen im Rahmen eines Projekts an einer Anwenderschulung teil. Sie müssen eine neue Benutzeroberfläche für das Messgerät erstellen und sich zunächst mit der bisherigen Software vertraut machen. Dabei zeigte sich das Problem: Die Programmierer kamen mit der bisherigen Benutzeroberfläche sehr gut zurecht. Die eigentlichen Nutzer, ausgebildete Elektriker, konnten jedoch nicht richtig mit den Geräten arbeiten.

Wenn das Ergebnis vorliegt und alle Anforderungen des Kunden erfüllt sind, vergisst der eine oder andere Kunde, wie viele Schritte dieses Ziel gegangen ist und ob „form follows function“ noch kein Naturgesetz ist.

Weitere Informationen zu SCRUM:

tut.pro/ IBvr7

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