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Gefährliche Hitze in den Großstädten: Mit diesem Plan will Berlin nun Leben retten

Berlin will Leben retten Wenn die Hitze in Großstädten lebensgefährlich wird

Von Hedwig Nyarsik 28.06.2022 09:20 Uhr

Der Mittsommertag steht vor der Tür. Bereits seit Mitte Juni haben die Temperaturen in vielen Regionen die 30-Grad-Marke überschritten. Gerade in Großstädten kann die Hitze besonders stressig sein. Hunderte von Menschen sterben jedes Jahr. Dagegen hat die Hauptstadt bereits einen Plan.

Wenn die Wohnung nachts nicht auskühlt, die nackte Haut beim Berühren des Betons brennt und man schon von allem erschöpft ist, weiß man: Es ist Mittsommertag. Für viele können hohe Temperaturen gefährlich werden: „Jeden Sommer sterben mehrere tausend Menschen mehr. In den meisten Sommern sind das mehr Menschen als unterwegs sterben“, sagte Stefan Mutters vom Zentrum für Medizinische und Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Besonders in Großstädten wie Berlin macht sich die Hitze bemerkbar.

„Wenn wir so weitermachen wie bisher, steht uns eine gesundheitliche Katastrophe bevor“, warnt Peter Bobert, Präsident der Ärztekammer Berlin. Es ist Teil eines neuen Aktionsbündnisses, das Wärmeschutzkonzepte für das Berliner Gesundheitssystem entwickelt, um die Menschen vor den gesundheitlichen Folgen extremer Hitze zu schützen. Denn das Weltklima verändert sich – und Berlin bekommt die Auswirkungen immer stärker zu spüren. Doch warum haben Stadtbewohner ein erhöhtes Risiko, unter den gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze zu leiden?

Wenn der Sommer lebensgefährlich wird

Das liegt laut Jürgen Krop, Leiter der Forschungsgruppe Urbane Transformation am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in Potsdam, unter anderem am sogenannten Urban Heat Island-Effekt. Beton speichert Wärme besser als natürliche Materialien. Da Wärme immer von einem wärmeren zu einem kälteren System übergeht, wird sie aus überhitzten Gebäuden an die Umgebungsluft abgegeben, sobald die Temperaturen abends sinken. Dann ist die Temperatur in Innenräumen, aber auch in Großstädten, auch nachts meist höher als auf dem Land. Bei Hitzewallungen sind die Heilungschancen des Körpers reduziert.

Diesen Effekt der Wärmeinsel hat es im Prinzip schon in der Vergangenheit gegeben. Wie die Autoren einer französischen Studie im International Journal of Environmental and Public Health Research erwähnen, erhöhen häufigere und intensivere Hitzewellen das durch den Effekt verursachte Risiko für Stadtbewohner. Dies ist eine direkte Folge des Klimawandels.

Das Umweltbundesamt verweist auf seiner Website auf Modellrechnungen, die für Deutschland vorhersagen, dass „die hitzebedingte Sterblichkeit künftig mit jedem Grad Celsius Temperaturanstieg um ein bis sechs Prozent steigen wird, was mehr als 5.000 zusätzlichen Todesfällen entsprechen würde ein Jahr durch Hitze bis Mitte dieses Jahrhunderts.“ Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es derzeit kein bundesweites Überwachungssystem, das die Zahl der Hitzetoten deutschlandweit erfasst. Einige Bundesländer schätzen ihre Hitzetoten .Für Berlin und Umland sind die Zahlen alarmierend: Zwischen 2018 und 2020 starben in der Hauptstadt und in Brandenburg rund 1.400 Menschen, sagt der Chef der Ärztekammer, Robert.

“Es ist ein stiller Tod”

Die Hitze ist vor allem für ältere Menschen lebensgefährlich. Sie bekommen einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, verdursten. „Es ist ein stiller Tod“, sagte Martin Hermann, Geschäftsführer der KLUG, der Deutschen Allianz für Klimaschutz und Gesundheit, die mit der Senatsgesundheitsverwaltung das Berliner Aktionsbündnis ins Leben gerufen hat. Der Mediziner legt beeindruckende Zahlen vor: „Von allen Naturkatastrophen ist die Hitze die tödlichste – 96 Prozent“, sagt Herman. Besonders betroffen sind die vielen Obdachlosen in Berlin, Schwangere, Babys, Kleinkinder und Menschen mit Vorerkrankungen.

Wie können diese gefährdeten Gruppen in Großstädten besser geschützt werden? Für Herman liegt die Antwort auf der Hand: Kooperation. Gemeinsam mit Experten aus Berlin hat das Bündnis Wärmeschutzpläne mit Checklisten für fünf Sektoren des Gesundheitssystems entwickelt – darunter Krankenhäuser, Pflegeheime, ambulante Pflege, öffentliche Gesundheit, Brand- und Katastrophenschutz. Damit soll sichergestellt werden, dass Kliniken, Heime und Arztpraxen durch eine funktionierende Warnkette frühzeitig über Hitzewallungen informiert werden und entsprechende Vorkehrungen treffen können.

Auch die Verwendung von Trinkwasser oder die Identifizierung kühler Orte in der Stadt sind wichtig. Auch das Aktionsbündnis will Listen mit gefährdeten Patienten erstellen. Thermische Erkrankungen, thermische Schutzmaßnahmen und Selbstschutz müssen ebenfalls Bestandteil der medizinischen Ausbildung werden. Diese Maßnahmen können laut Alliance for Action jetzt Leben retten.

Risikobewusstsein schaffen

Langfristig muss sich auch das Stadtbild verändern. „Städte müssen mit Vegetation versorgt werden“, sagte Professor Krop vom PIK. Denn Pflanzen – insbesondere Bäume – verdunsten Wasser und kühlen so ihre unmittelbare Umgebung. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) beispielsweise hat immer wieder auf die positive Wirkung von Dach- oder Fassadenbegrünungen hingewiesen. Auch die Holzkonstruktion könne helfen, sagt Krop. Holz ist ein Isolator und gibt im Innenraum nicht so viel aufgenommene Wärme ab. Damit können Bürogebäude 80 bis 100 Meter höher gebaut werden.

Aber zuerst muss sich die breite Öffentlichkeit „der Risiken bewusst sein“, sagte Herman. Andere europäische Länder sind weit voraus. Frankreich hat aus der verheerenden Hitzewelle des Sommers 2003 gelernt, bei der fast 15.000 Menschen ums Leben kamen. Beispielsweise haben französische Kommunen ein Register älterer einsamer Menschen eingeführt, die als besonders gefährdet gelten und dann bei anhaltender Hitze Hilfe von Sozialdiensten erhalten. Die Rathäuser bieten gekühlte Räume und Verbrauchsmaterialien für diejenigen, die nicht selbst helfen können.

Etwa 9.600 Menschen starben damals in Deutschland an extremen Temperaturen. Ein nachhaltiger Effekt des Trainings trat jedoch eindeutig nicht auf. Das Problem sei, so Herman, „dass für alle Bereiche der Gesellschaft das unausgesprochene Versprechen gilt: Alles bleibt, wie es ist“. Das Pilotprojekt in Berlin will das ändern.