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Erstellt: 11.08.2022, 07:24
Von: Catherine Belgard
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Nach dem tödlichen Schuss auf einen 16-Jährigen wurde die Polizei in Dortmund kritisiert. Hätte der Tod des Jungen verhindert werden können?
Dortmund – Der 16-Jährige, der in Dortmund von der Polizei erschossen wurde, soll sich kurz zuvor auf eigenen Wunsch in einer psychiatrischen Anstalt befunden haben. Zudem sprach der Junge kein Deutsch und konnte die Polizisten daher nicht verstehen, wie dpa berichtete. Der Jugendliche war mit einem Messer bewaffnet. Er wurde durch fünf Maschinengewehrschüsse so schwer verletzt, dass er bei einer Notoperation starb.
Die Polizei wurde am Montag von Wärtern des Jugendheims gerufen, in dem der 16-Jährige lebte. Bisher ist nicht klar, was der junge Mann mit psychischen Störungen mit dem Messer machen wollte. Der Generalstaatsanwalt sprach von Selbstmordabsichten. Der Teenager soll die Beamten jedoch mit einem Messer angegriffen haben.
Polizist erschießt 16-Jährige mit Maschinenpistole – Kritik an Dortmunder Polizei wächst
Der Einsatz eskalierte. Die Dortmunder Polizei versuchte, den jungen Mann mit Stromschlägen und Tränengas aufzuhalten, doch die Strategie ging nicht auf. Dann schoss ein 29-jähriger Polizist mit einem Sturmgewehr sechsmal auf den 16-Jährigen. Er wurde fünfmal getroffen.
Die Polizei in Recklinghausen hat die Ermittlungen übernommen, um neutral zu bleiben. Derzeit gilt der 29-jährige Polizist als verdächtig. Es besteht ein Anfangsverdacht auf eine Körperverletzung mit Todesfolge. Dieses Vorgehen ist nach tödlichen Polizeieinsätzen üblich.
Ein Polizist erschießt Teenager – eine psychisch außergewöhnliche Situation im Dortmunder Norden
Der Polizeiwissenschaftler, Jurist und Kriminologe Prof. Dr. Thomas Feltes kritisierte das Vorgehen der Dortmunder Polizei, als es gegen den 16-Jährigen eingesetzt wurde. „Warum wurde dort ein Maschinengewehr eingesetzt? Das ist völlig unverständlich“, sagte er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die MP5 gehört in Nordrhein-Westfalen nicht zur Standardausrüstung der Polizei. Feltes erklärte, dass es für Sondersituationen wie Krawalle aufgerüstet werde und nicht für Einsätze gegen psychisch kranke Jugendliche.
Ein Problem sieht der Polizeiexperte im Verhalten der Polizei wegen der schweren Bewaffnung. Diese sei laut dem Wissenschaftler im Dortmunder Norden “nicht gerade für Zurückhaltung bekannt”. Beamte sind bestrebt, Probleme sofort zu lösen, anstatt beispielsweise einen Psychiater oder Psychologen zu rufen. Hinzu kommt: Der kämpferische Auftritt von elf Polizisten mit automatischen Waffen kann bei einer Person den Eindruck eines Angriffs erwecken, insbesondere wenn sie kein Deutsch versteht, sagte er der dpa.
Polizei erschießt 16-Jährigen in Dortmund. Kerzen erinnern an einen Teenager. © Bernd Thyssen/dpa
“Bei solchen Einsätzen sollte immer ein Psychologe oder Psychiater dabei sein”, sagte Feltes. Er kritisierte auch die Versuche der Dortmunder Polizei, die Situation mit Elektroschockern und Pfefferspray zu entschärfen. Heißes Spray ist in extremen psychischen Situationen besonders schwierig, da es in manchen Fällen nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Das hält psychisch Kranke nicht unbedingt auf. “Sie empfinden das als unmotivierten Angriff und Konter. Es ist immer das gleiche Schema“, erklärte der Polizist.
Anzeigen nach tödlichen Schüssen: Polizei ermittelt gegen Polizei – und umgekehrt
Kritisch sieht Feltes auch, dass der Fall nun von einer anderen NRW-Polizei ermittelt wird: Gegenwärtig ermittelt Dortmund gegen Recklinghausen, weil jemand bei einem Einsatz gestorben ist, und Recklinghausen ermittelt aus demselben Grund gegen Dortmund. In Oer-Erkenschwick verlor ein 39-Jähriger nach einem Polizeieinsatz das Bewusstsein und starb später im Krankenhaus. Zuvor hatte die Polizei die Randalierer mit Pfefferspray besprüht und gefesselt. Eine ähnliche Situation möchte Feltes künftig mit einer eigenen Stelle, etwa im Landeskriminalamt, auflösen.
Außerdem drängt der Deutsche Anwaltsverein (DAV) auf eine unabhängige Beschwerdestelle – mit unabhängigen Polizisten. Unabhängige Stellen müssen klären, ob Polizeieinsätze rechtmäßig sind und mutmaßliche Rechtsverstöße aufklären. Auch soll man sich dort anonym bei der Polizei beschweren können.
Auch der politische Druck ist hoch: NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) wurde von der SPD-Bundestagsfraktion aufgefordert, das Parlament stets über tödliche Polizeieinsätze zu informieren. Rund um die tödlichen Schießereien in Dortmund ranken sich viele Fragen. SPD-Vizefraktionschefin Elisabeth Müller-Witt fragte dpa: „Wie kam es zu der gefährlichen Situation und was war der Anlass, eine Maschinenpistole zu tragen und mit sechs Schuss einzusetzen?
Demonstration nach dem Tod eines 16-Jährigen im Dortmunder Norden
Nach dem Tod des 16-Jährigen kam es in Dortmund zu einer Demonstration. Mehr als 300 Demonstranten sorgten dafür, dass der kleine Kurt-Piehl-Platz in unmittelbarer Nähe des Tatorts im Norden der Stadt überfüllt war, eine unangemeldete Demonstration zog zum Polizeirevier Nord.
Nach der tödlichen Polizeierschießung eines 16-Jährigen in Dortmund ist es in der Nacht zum Dienstag (9. August) zu einer Demonstration in Dortmund gekommen. © Markus Wüllner/news4 Videoline
Tödliche Schüsse von Polizisten sind in Deutschland relativ selten. Neben dem Tod des 16-Jährigen in Dortmund gab es 2022 vier weitere tödliche Schießereien, zwei davon in Nordrhein-West. Erst vor wenigen Tagen starb ein Mieter in Köln bei einer Räumung. Zuvor hatte er dem Gerichtsvollzieher gedroht.
Anmerkung der Redaktion: Suizide melden wir normalerweise nicht, weil die Meldung leider die Nachahmerrate erhöht. Eine Ausnahme machen wir, wenn viele Menschen betroffen sind, wie in diesem Fall, wenn die Bahnstrecke gesperrt ist. Wenn Sie sich in einer Krisensituation befinden, suchen Sie Hilfe, zum Beispiel beim telefonischen Beratungsdienst (Tel. 0800-1110111).
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