Aktualisiert am 21.08.2022 um 19:09 Uhr
- In den Nachkriegsjahren missbrauchten Jugendliche in Kinder- und Jugendeinrichtungen Drogen.
- Sie wurden unter Drogen gesetzt, bestraft und als Versuchspersonen benutzt. Eine wissenschaftliche Studie soll nun Licht ins Dunkle bringen.
- Ein Betroffener hat mit unserer Redaktion über seine Erfahrungen gesprochen.
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Es ist Jahrzehnte her, aber die Bilder haben sich in Werner A.s Gedächtnis eingebrannt: Grüne und weiße Tabletten, manche so dick, dass sie in Viertel geschnitten wurden. Jahrelang musste er die Tabletten mehrmals täglich schlucken. Widersprüche wurden nicht geduldet, die Mundhöhle wurde von den Nonnen im Josefshaus sorgfältig kontrolliert. „Es dauerte nicht lange, bis Schwindel und Müdigkeit einsetzten“, erinnerte sich der 65-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion. Ihm war immer so schwindelig, dass er einschlief.
Niemand erklärte ihm, warum er das Medikament nehmen musste. “Ich habe nicht daran gezweifelt, ich war schließlich ein Kind”, sagt er. Das einzige, was ihm schnell klar wurde, war, dass er besser spritzte – sonst drohten Schlaganfälle. A. hat seine Eltern nie kennengelernt, kurz nach der Geburt kam er ins Babyheim Annastift. 1959 wurde er ins Josefshaus verlegt, wo er täglich Psychopharmaka und Schlafmittel erhielt.
„Das dunkle Kapitel“: NRW-Studie in Auftrag gegeben
„Ich war ein vollkommen gesundes Kind, nur etwas unterernährt, so steht es in den Akten“, betont A. „Warum haben sie mir dann so viele Medikamente gegeben?“, fragt er. A. sucht nach Antworten – die er vielleicht bald bekommt.
Denn die Landesregierung Nordrhein-Westfalen hat an der Universität Düsseldorf eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit Drogenmissbrauchsversuchen in Kinder- und Jugendeinrichtungen in den Nachkriegsjahren befassen soll. „Das dunkle Kapitel unserer Landesgeschichte muss aufgeklärt werden“, forderte NRW-Sozialminister Karl-Josef-Laumann (CDU) und gab der Studie ein Budget von 430.000 Euro.
Dissertation: Der Apotheker bringt Stein in Bewegung
Die Studie wurde 2016 von der Medizinhistorikerin und Pharmazeutin Sylvia Wagner ins Leben gerufen. Sie schrieb ihre Doktorarbeit über Arzneimittelversuche in den 1950er und 1960er Jahren und fand zwischen 1957 und 1972 Hinweise auf rund 50 Versuchsreihen mit Kindern in Heimen in Deutschland. Er dann auch studierte in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
„Die bisherigen Forschungsergebnisse und die damaligen Zeugenaussagen zeigen in vielen Fällen, dass Kindern und Jugendlichen falsche und missbräuchliche Medikamente verabreicht wurden“, sagte Minister Laumann. Heute wissen wir bereits, dass Tausende betroffen sind.
Nicht zugelassene Präparate: Der Arzt ist kein Unbekannter
Auch A. sagt traurig: “Ich war ein Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie.” Er erinnert sich noch an die Koffer voller Medikamente, die aus der Apotheke geholt und nach Hause getragen wurden. „Der Hausarzt des Heims, Dr. Schubert, hat uns die Medikamente verschrieben“, sagt A. Ein Name, der mittlerweile bekannt ist: Der Heimarzt war zugleich Chefarzt der Süchtelner Psychiatrie, einer Anstalt, für die sein Drogenmissbrauch verantwortlich war Tests wurden bereits dokumentiert. Dort soll Kindern im Alter von 12 und 13 Jahren das Neuroleptikum „Dipiperone“ verabreicht worden sein.
Zu den Medikamenten, die gefährdeten Kindern in Pflegeheimen verabreicht wurden, gehören Polio-Impfstoffe, Psychopharmaka und Medikamente zur Unterdrückung der Libido. „Das waren Versuchspräparate, einige waren nicht einmal zugelassen“, sagt A. Einige Institutionen haben ihre Aufzeichnungen bereits in eigenen Studien überprüft.
Einschränkungen, Strafen, Tests
In der katholischen Einrichtung Franz Sales-Haus in Essen wurde beispielsweise festgestellt, dass mehr als die Hälfte der Kinder dort Psychopharmaka einnehmen mussten. Der dort ansässige Dr. Waldemar Strehl verabreicht Kindern Psychopharmaka zur Beruhigung, Bestrafung und Prüfung für die pharmazeutische Industrie.
Darunter das Medikament “Decentan” der Firma Merck – ein Medikament gegen Schizophrenie. Allerdings kritisierten selbst Vertreter des Herstellers die verabreichte Dosis als „zu hoch“, wie aus dem veröffentlichten Protokoll hervorgeht. Strehl bemerkte Nebenwirkungen wie einen steifen Nacken, Taumeln und Schläfrigkeit.
Von Erlebnissen traumatisierte Opfer
Eine dreistellige Zahl von Einrichtungen muss nun in einem systematischen Review untersucht werden. Viele der Betroffenen trauten sich erst, als die Studien erschienen, über ihr Schicksal zu sprechen. “Damals musste ich sediert werden, aber jetzt breche ich das Schweigen”, stimmt A. zu. Die Disziplinierung von Jugendlichen mit Drogen war in den 1950er und 1960er Jahren in vielen staatlichen und kirchlichen Heimen Routine, und die neuen Mittel waren ein Fortschritt.
Viele Betroffene sind noch immer traumatisiert von den Erlebnissen. Sie berichteten von Selbstmordgedanken und Wahnvorstellungen als Folge der Droge. A. muss heute auch Tabletten gegen körperliche Beschwerden nehmen. Ob es mit der damaligen Medikation zusammenhängt, weiß er nicht.
Kampf um Entschädigung
A. hat sich der „1. Gemeinde“ angeschlossen, die für Anerkennung und Entschädigung der Betroffenen kämpft. „Ich möchte wissen, warum das passiert ist. Als ich davon erfuhr, war ich entsetzt“, sagt er. Die von der Landesregierung in Auftrag gegebene Umfrage will herausfinden: Stimmen Eltern und Jugendamt dem Medikament zu? Warum oder warum nicht?
Ziel ist die Benennung von Verantwortlichen auf Landesebene. Dazu führten die Forscher Interviews mit Zeitzeugen und werteten historische Dokumente von Behörden, Pharmaunternehmen und wissenschaftliche Publikationen aus. Ergebnisse sollen 2024 vorliegen.
Wenn Sie oder ein Angehöriger von Suizidgedanken betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefonseelsorge unter 0800/1110-111 (Deutschland), 142 (Österreich), 143 (Schweiz).
Hier finden Sie eine Übersicht der Hilfsangebote in verschiedenen Krisensituationen.
Verwendete Quellen:
- Interview mit Werner A. und Hauptgespräch mit der 1. Gemeinde
Aktualisiert am 18.08.2022 07:57
Walmart, CVS und Walgreens wurden in einer wegweisenden US-Opioidklage zur Zahlung von zusammen 650 Millionen US-Dollar verurteilt. Ein Bundesrichter hat am Mittwoch (Ortszeit) in Cleveland entschieden, dass sich Konzerne an den Kosten zur Bewältigung der Drogenkrise in Ohio beteiligen müssen.
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