Stand: 03.07.2022 07:13 Uhr
Deutschland braucht dringend Handwerker: Vor dem Hintergrund der Energiewende werden verschiedene Fachkräfte im Baubereich benötigt. Offiziell melden die Arbeitsagenturen 150.000 offene Stellen – der Verband schlägt noch viel mehr vor.
Handwerksbetriebe in Deutschland suchen Mitarbeiter im sechsstelligen Bereich. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) sind derzeit 150.000 Stellenangebote bei den Arbeitsagenturen gemeldet. Da nicht alle Unternehmen Stellenangebote an die Agenturen melden, geht der Verband von rund 250.000 vermissten Handwerkern aus, wie ein ZDH-Sprecher berichtet: „Tendenz steigend.“ Grundlage sind die Rückmeldungen der Handwerkskammern.
Angst vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch
Fachkräftemangel wird eines der beherrschenden Themen auf der Internationalen Handwerksmesse in München sein, die an diesem Mittwoch eröffnet wird und erstmals seit 2019 wieder stattfinden könnte. „Wenn wir da nicht schnellstmöglich gegensteuern Nachwuchs- und Fachkräftenachschub kommt, droht nicht nur ein Scheitern der Energiewende, sondern auch ein massiver Konjunktureinbruch, ein Verlust an Wertschöpfung und Wohlstand”, sagte Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Bayerischen Staatsanwaltschaft Tag des Handwerks, als einer der Gastgeber .
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will zur Messeeröffnung kommen, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wird am Freitag zu den traditionellen Spitzengesprächen mit der deutschen Wirtschaft erwartet. Personalengpässe behindern nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern gefährden auch die politischen Ziele der Bundesregierung, warnen Wirtschaftsvertreter seit Jahren.
Umbau von zwei Millionen Wohnungen pro Jahr
Beispiel: In Deutschland gibt es rund 43 Millionen Wohnungen, bis 2040 müssen sie komplett klimaneutral sein. Da ein Großteil des Gebäudebestands noch nicht energieeffizient ist, gehen Experten davon aus, dass jährlich rund zwei Millionen Wohnungen saniert werden müssen. „Häuser energieeffizient sanieren, Ladestationen und Solardächer installieren, Windkraftanlagen installieren und warten und vieles mehr“, sagt ZDH. „Das machen Handwerker und Frauen, sie sind für all diese Zukunftsaufgaben unverzichtbar.“
Zu den Berufen mit dem größten Fachkräftemangel gehören demnach auch mehrere Bauberufe: Laut ZDH sind dies Installateure und Heizungsbauer, Kältetechniker, Rollladen- und Sonnenschutztechniker sowie Elektrotechniker, Elektromaschinenbauer, Augenoptiker , Audiologen und Metallarbeiter .
„Sommer der Berufsbildung“
Anders als 2020 und 2021 gibt es derzeit fast keine Corona-Einschränkungen, daher wollen Handwerker im ganzen Land die Chance nutzen, junge Menschen in einem „Berufsausbildungssommer“ bestmöglich zu beschäftigen. In Deutschland sind eine Million Handwerksbetriebe mit knapp 5,6 Millionen Beschäftigten – das sind etwa zwölf Prozent aller Beschäftigten – gemeldet.
Viel wichtiger als die Berufsausbildung ist das Handwerk. Handwerker bilden laut ZDH rund 360.000 Lehrlinge aus, das sind 29 Prozent aller Lehrlinge. Im vergangenen Jahr haben deutsche Handwerker 132.129 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, 2.000 mehr als im ersten Kronenjahr 2020. Allerdings bleiben rund 18.800 Ausbildungsplätze unbesetzt.
„Bei der Zahl der Neuverträge liegen wir aktuell in etwa auf Vorjahresniveau und bei der Zahl der offenen Ausbildungsstellen deutlich über dem Vorjahreswert“, so der ZDH. Nach Angaben der Handwerkskammern bleiben im Mai 33.705 Ausbildungsplätze unbesetzt. Allerdings ist der Ausbildungsmarkt derzeit noch in Bewegung.
Die Situation ist stabil, aber bedroht
Die wirtschaftliche Situation im Handwerk ist laut ZDH derzeit noch recht stabil, wird aber durch die „vielfältigen und miteinander verflochtenen Krisen“ bedroht. Der Fachkräftemangel ist bei weitem nicht das einzige Problem. Zudem seien unberechenbare Energiepreise und Energieversorgung die größten Herausforderungen, sagte Bayerns Wirtschaftspräsident Peteranderl. In einer diesjährigen ZDH-Umfrage gaben 39 Prozent der bayerischen Handwerksbetriebe eine Verdopplung ihrer Energiekosten im Vergleich zu 2021 an.
„Kein Unternehmen kann diese Kostensteigerungen vollständig an seine Kunden weitergeben, zwei Drittel der Befragten nur teilweise und ein Drittel gar nicht“, sagt Peteranderl. Die Materialknappheit trifft Handel und Industrie und hat sich seit Beginn des Krieges in der Ukraine verschärft.
Das verheißt nichts Gutes für die Bauberufe und die Bauindustrie: „Je länger der Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen andauern, je länger China eine Null-Covid-Strategie verfolgt, desto angespannter werden die Lieferketten“, sagt Peteranderl. “Eine Folge wird unter anderem sein, dass die Bauarbeiten nicht termingerecht und zum vereinbarten Preis abgeschlossen werden können.”
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