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Krieg, Klimawandel, Pandemie: Was Krisen mit jungen Menschen machen

Stand: 12.08.2022 08:35 Uhr

Der Klimawandel, der Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Corona-Pandemie – all das zusammen führt zu starken psychischen Belastungen bei jungen Menschen. Krisensensibilität bietet aber auch Chancen.

Beim Aufwachsen in einer digitalen Welt geht es nicht nur darum, Eltern beim Umgang mit Technologie zu helfen. Das führt auch dazu, dass die Katastrophen dieser Welt im Sekundentakt auf dem Smartphone miterlebt werden.

„Wir leben in einem reichen Land mit vielen Möglichkeiten. Viele Krisen kommen nicht so nahe, wie man manchmal denkt. Aber wir können alles in Echtzeit sehen. Da kommt eine Sintflut auf einen zu, viele sind überfordert“, sagt Konstantin Knorr. Die 17-Jährige engagiert sich im Jugendbeirat der Stiftung „Generationen“. Er macht bewusst Pausen von der überwältigenden Nachrichtenflut. Er vermutet, dass viele junge Leute angefangen haben, alles zu ignorieren.

Während der Pandemie haben viele erlebt, wie sich Krisen auf die eigene psychische Gesundheit auswirken. Laut der Umfrage „Jugend in Deutschland“ hat die psychische Belastung der 14- bis 29-Jährigen in den letzten Jahren zugenommen. „Gerade während der immer noch lauernden Corona-Pandemie haben junge Menschen das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben“, sagt der Berliner Bildungsforscher Klaus Herrelmann im Gespräch mit tagesschau.de.

Die psychische Belastung nahm zu

Bei der letzten Umfrage im März gab fast die Hälfte der Befragten an, unter Stress zu leiden. Ein Drittel klagt über Müdigkeit, Erschöpfung, Schwäche und depressive Verstimmungen. Die hohe Belastung sei in dieser Form für die jüngere Generation ungewöhnlich, sagt Hurrelmann.

Laut einer Studie der Universität Leipzig hat sich die Wartezeit auf einen Therapieplatz für Kinder und Jugendliche während der Pandemie von drei auf sechs Monate erhöht. In ländlichen Gebieten beträgt die Wartezeit sogar mehr als ein Jahr. Eine Studie der Krankenkasse DAK zeigt, dass im Jahr 2021 – im Vergleich zu 2020 – insgesamt 42 Prozent mehr junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren wegen emotionaler Störungen, darunter Depressionen und Angststörungen, in Kliniken aufgenommen wurden.

Charlotte Schmiedel beschreibt das Erwachsenwerden in allen Krisen mit drei Worten: „frustrierend, deprimierend und hilflos“. Wenn sich junge Leute engagieren, dann nicht aus Hobby, sondern aus echtem Bedürfnis heraus, sagt der 18-Jährige. Seit der sechsten Klasse engagiert sie sich in der Bildungspolitik und vertritt nun als Vorsitzende der „Schüler:innenkammer Hamburg“ die Interessen der Schülerinnen und Schüler in der Hansestadt.

Sie kritisiert, dass es zu wenig Unterstützung gebe, zu wenig Raum, um sich Kompetenzen anzueignen, um mit den Krisen und den psychischen Folgen umzugehen. Stattdessen gibt es neue Bildungspläne mit noch mehr Lernmaterial.

Stressbewältigung ist erlernbar

Junge Menschen wünschen sich oft soziale und psychologische Unterstützung. Neben der Versorgung in Krankenhäusern brauche es vor allem mehr Prävention, etwa durch Jugendzentren und Schulpsychologen, sagt Christoph Correll, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Berliner Charité. Er leitet eine internationale Studie zu Risiko- und Schutzfaktoren während der Covid-Pandemie.

Was nach den ersten Ergebnissen auffällt: Junioren und Erwachsene gaben die Übungen an, d.h. körperliche Aktivität als eine der wichtigsten Bewältigungsstrategien. Nicht nur Sport hilft in Stresssituationen.

Wie jemand mit diesen Krisen umgeht, ist individuell. Nachhaltigkeit – das ist psychische Belastbarkeit – sehr unterschiedlich, aber trainierbar. „Dass Kinder schon früh lernen, mit Stress und schwierigen Situationen gut umzugehen, kann präventiv wirken“, sagt Resilienzforscherin Isabella Helmreich vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz. Das kann im Kindergarten passieren.

„Psychische Probleme entstigmatisieren“

Jede Krise biete auch eine Chance, damit umzugehen und sich danach stärker zu fühlen, sagt Psychiater Correll und fügt hinzu: „Wir sind alle verletzlich und man kann darüber reden, dass es schlecht geht, nicht so gut in der Schule und das ist schwer für einen zu strukturieren.“

Sich in Krisensituationen professionelle Hilfe zu holen, gehöre laut Correll ebenso zur Psychohygiene wie ein Spaziergang in der Natur, Meditation oder Musikhören. „Die Pandemie hat auch die Möglichkeit, psychische Probleme zu entstigmatisieren, weil sie alle betrifft“, sagt er.

Die Wirtschaftslage bestimmt das Krisengefühl

Die psychische Belastung ist bereits sichtbar. Einschränkungen – wie Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen oder das Aussetzen von Freizeitaktivitäten – haben vor allem diejenigen getroffen, die vor der Pandemie sozial schwach waren. “Es gibt eine starke Betonung auf sozialer Ungleichheit”, sagt Harrelman.

Der Bildungsexperte schätzt, dass ein Viertel der 14- bis 29-Jährigen Gefahr läuft, den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren. Dazu gehören vor allem Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und wirtschaftlich benachteiligten Elternhäusern, die eng miteinander verbunden sind.

Lern- und Beschäftigungsmöglichkeiten sind entscheidend, um diese Krisen erfolgreich zu meistern. Da muss man investieren. Die schlimmste Krise, die junge Menschen treffen kann, ist laut Hurrelmann immer die Wirtschaftskrise. Dank der guten Wirtschaftslage – auch aufgrund der Tatsache, dass junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt so dringend gesucht werden – wird die aktuelle Krisensituation teilweise entschärft.

Sensibilität kann eine Stärke sein

Laut der Umfrage „Jugend in Deutschland“ ist die Grundstimmung unter Jugendlichen trotz psychischer Belastungen positiv. Und Krisensensibilität muss nicht schlecht sein. Das Gefühl von Erschöpfung, Hilflosigkeit und psychischer Belastung sei bei jungen Frauen zwar stärker, aber gleichzeitig auch aktiver, sagt Hurrelmann. Das wurde während der Klimakrise deutlich. „Selten haben wir diesen Aktivismus – also das konstruktive Reagieren auf eine Krise durch eigenes Handeln – so stark von jungen Frauen ausstrahlen sehen.“ Das ist in dieser Form historisch neu.