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„Alle unter 65 brauchen die Bundeswehr“

Eva Hoagl ist seit Mai 2020 Wehrbeauftragte und damit die „Anwältin“ von rund 183.000 Soldatinnen und Soldaten. Im Interview sagt sie, was die Truppe braucht – und rechnet mit radikalem Pazifismus ab.

t-online: Frau Högl, die Zahl der Rekruten in der Bundeswehr ist stark zurückgegangen. 2021 waren es 16.000 Neueinstellungen, 2020 16.430, 2019 waren es noch 20,170. Sind junge Menschen es leid, ihre Haut für dieses oder ein verbündetes Land zu riskieren?

Eva Höggl: Ja, die Motivation junger Menschen, sich unserem Land anzuschließen, ist hoch, der Krieg in der Ukraine hat dies noch verstärkt. Seitdem wollen immer mehr Menschen in die Bundeswehr eintreten und mithelfen, Frieden und Freiheit zu verteidigen.

Woran denkst du?

Konkrete Daten dazu liegen uns noch nicht vor, aber in vielen Gesprächen erhalte ich die Rückmeldung, dass das Interesse gestiegen ist.

Was muss die Bundeswehr tun, um attraktiver zu werden?

Es geht nicht nur darum, junge Leute anzuziehen. Wir müssen auch die mittlere und ältere Altersgruppe erreichen und sie umwerben. Alle bis 65 werden von der Bundeswehr benötigt. Dabei geht es nicht nur um den Kern der Truppe, sondern auch um die Reserve und die vielen zivilen Aktivitäten in der Bundeswehr. Gut qualifizierte Frauen und Männer sind überall gefragt.

Fast jede siebte Stelle ist unbesetzt, vor allem in höheren Rängen. Warum so?

Nicht alle von ihnen sind kostenlos, aber die Kandidaten beenden gerade ihr Studium oder ihre Kurse. Am Ende ist es uns trotz Pandemie gelungen, die Belegschaft zu halten. Aber es bleibt wahr, dass die Bundeswehr bei der Rekrutierung, Bindung und Entwicklung von Personal eine große Aufgabe vor sich hat. Das Ziel sollte 100 Prozent Beschäftigung sein, plus eine Reserve.

Eva HögelJahrgang 1969, trat 1987 in die SPD ein. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete sie im Bundesarbeitsministerium und war von 2009 bis 2020 Bundestagsabgeordnete, bevor sie 2020 Beauftragte der Bundeswehr wurde.

Wie erreicht man dieses Ziel? Mit Werbekampagnen mit Kampfslogans wie „Krisenherde löscht man nicht, indem man wartet und Tee trinkt“? Oder mit dem Versprechen einer besseren Work-Life-Balance und Flachbildfernsehern im Wohnzimmer, wie es Ex-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen einst versuchte?

Die relevante Zielgruppe muss mit der ersten Adresse erreicht werden. Für junge Menschen braucht man eine optimistische Jugendsprache, für mittleres Alter muss man mehr nach Fähigkeiten streben. Allerdings müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn die Rekruten nicht einmal Schutzwesten finden oder in verschimmelten Räumen mit nicht funktionierenden Toiletten übernachten müssen, sind sie schnell verschwunden. Da hilft auch die beste Werbekampagne nicht.

SDP-Anwältin und Politikerin Eva Hogel (53) ist seit Mai 2020 Wehrbeauftragte des Bundestages (Quelle: Imago Images / Janine Schmitz)

Braucht die Bundeswehr mehr Respekt in der Gesellschaft?

Das Problem der letzten Jahre ist nicht mangelnder Respekt, sondern mangelndes Interesse. Doch das änderte sich während der Corona-Pandemie und der Überschwemmungen im vergangenen Sommer, weil man dort Amtshilfe der Bundeswehr erlebte. Und jetzt ändert es sich wegen des Krieges in der Ukraine wieder massenhaft. Die Themen Militär-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik finden viel Beachtung.

Auch die Bundeswehr hat ein Frauenproblem. Im Jahr 2021 liegt der Anteil der Soldatinnen in der Bundeswehr bei knapp 13 Prozent und ist damit seit fünf Jahren nahezu unverändert. Was muss hier passieren?

Die Bundeswehr braucht mehr Frauen. Gemischte Teams sind immer besser. Soldaten wollen keine Sonderbehandlung, sie wollen Gleichberechtigung. Dafür braucht es gute Rahmenbedingungen, Respekt und Anerkennung.

Noch düsterer sieht es auf höheren Ebenen aus: Es gibt nur zwei Frauen im allgemeinen Rang – im Sanitätsdienst.

Ja, die Bundeswehr braucht mehr Frauen in Führungspositionen. Frauen sollten als Chefs sichtbar sein. Seit 20 Jahren können Frauen in allen Bereichen der Bundeswehr Dienst leisten. Es dauerte einige Zeit, bis er zum General befördert wurde. Deshalb haben wir nur zwei weibliche Generäle im Sanitätsdienst. Es wird noch einige Zeit in Armee, Marine oder Luftwaffe dauern, bis Frauen in den Rang eines Generals befördert werden.

Ist die Bundeswehr noch zu patriarchalisch?

Natürlich ist die Bundeswehr immer noch ein Männerbereich. Aber das ändert sich. Die jungen Soldaten sind froh, dass es Frauen in der Armee gibt.

Die Kritik an Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die wie Sie Mitglied der SPD ist, hält unvermindert an. Ist sie falsch?

Christine Lambrecht ist eine starke Verteidigungsministerin. Er hat viel für die Truppe erreicht: 100 Milliarden Euro Sondermittel, eine schnelle Lösung für den Tornado-Nachfolger. Sie beschleunigte das Vergabeverfahren und überzeugte den Bundestag, dass bis 2025 rund 2,4 Milliarden Euro für die persönliche Ausstattung bereitgestellt werden.

Pleiten, Pech und Ausfälle: Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) ist umstritten. (Quelle: Imago Images)

Aber das ist nicht nur ein Kommunikationsproblem: Viele halten es nicht unbedingt für das richtige Zeichen, dass der Verteidigungsminister am ersten Morgen nach Kriegsbeginn in der Ukraine zur Maniküre geht.

Ich messe den Verteidigungsminister an dem, was er für die Streitkräfte leistet.

Am Mittwoch wird der Bundestag erstmals über das Ampelprojekt beraten, um über einen Sonderfonds für die Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro zu entscheiden. Wo wird das Geld am dringendsten benötigt?

Ich kann nur an alle appellieren, dass der Sonderfonds im Bundestag beschlossen und im Grundgesetz verankert wird. Die Bundeswehr braucht dringend 100 Milliarden. Außerdem muss das Geld schnell bei der Bundeswehr ankommen. Es geht darum, ihn wieder in Betrieb zu nehmen. Das fängt bei Funkgeräten und Nachtsichtgeräten an und endet bei Großgeräten wie schweren Transporthubschraubern.

Die Gewerkschaft will dem Gesetz nur dann zustimmen, wenn alle Vermögenswerte in die Bundeswehr investiert werden und gewährleistet ist, dass Deutschland weiterhin zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung investiert. Ist das der richtige Ansatz?

Ja, die Bundeswehr muss gut ausgerüstet sein. Deshalb ist der Ansatz von Bundeskanzler Olaf Scholz, 100 Milliarden ausschließlich für die Bundeswehr und vor allem für Material bereitzustellen, absolut richtig. Genauso wichtig ist aber auch, dass die Bundeswehr konstant und solide finanziert ist. Das ist nicht nur eine Aufgabe für diesen Bundestag, sondern auch für den nächsten.

Allerdings möchten die Grünen den Sonderfonds an die Prävention ziviler Krisen koppeln.

Das Gute ist, dass der Sonderfonds zusätzlich zum laufenden Haushalt angelegt wird. Damit eröffnen sich weitere Möglichkeiten zur Finanzierung von Aufgaben wie der Verhinderung ziviler Krisen aus dem laufenden Haushalt. Das eine schließt das andere also nicht aus. Allerdings muss das Sondervermögen der Bundeswehr vorbehalten bleiben.

Es gibt Befürchtungen, dass die 100 Milliarden ausgehen könnten. Was muss sich am Vergabeamt der Bundeswehr und am Vergabegesetz ändern?

Verteidigungsministerin Lambrecht hat bereits dafür gesorgt, dass die Militärsektorausnahme im europäischen Vergaberecht Anwendung findet. So kann festgelegt werden, dass der Auftrag nicht europaweit ausgeschrieben werden soll, sondern an ein deutsches Unternehmen vergeben werden kann. Dies kann den Prozess beschleunigen. Außerdem sorgt der Minister dafür, dass die Schwelle für die Direktvergabe von 1.000 auf 5.000 Euro angehoben wird.

Und reicht das?

nein Um die Dinge noch schneller zu machen, müssen Beschaffungsprozesse in Zukunft weiter gestrafft werden, beispielsweise indem Verantwortlichkeiten reduziert und weniger Beschaffungsunterschriften erforderlich sind. Außerdem muss den Truppen mehr zugehört werden, wenn Entscheidungen getroffen werden.

Was den Krieg in der Ukraine betrifft, befürchtet Olaf Scholz, dass die Lieferung schwerer Waffen dazu führen könnte, dass Russland Russland als Kriegsteilnehmer wahrnimmt. Erfasst das nicht die Geschichte von Wladimir Putin?

Das Völkerrecht ist entscheidend.

Völkerrechtsexperten sehen das anders. Einige sagen, die Lieferung schwerer Waffen würde Deutschland zu einem Kriegsteilnehmer machen. Die anderen bezweifeln es.

Auch zum Völkerrecht gibt es mehrere Meinungen. Und das ist zunächst einmal eine politische Entscheidung.

Und was denkst du?

Dass wir alles tun müssen, um die Ukraine zu unterstützen. Andererseits müssen wir dafür sorgen, dass die Bundeswehr über eine ausreichende Ausrüstung verfügt, um einsatzbereit zu sein.

Setzt Deutschland mit seiner Zurückhaltung nicht nur auf seinen Ruf?

Ich bin sicher, dass in der Bundesregierung alles getan wird, um die Ukraine zu unterstützen. Gemeinsam mit unseren internationalen Partnern. Manchmal gibt es eine Diskrepanz zwischen öffentlicher Meinung und öffentlicher Meinung einerseits und dem, was tatsächlich passiert, andererseits.

Die deutsche Friedensbewegung vertritt die Position, dass die Ukraine kapitulieren muss, um die Verluste zu reduzieren. Sie selbst waren Pazifist. Können Sie das tun …