Ein Foto, das um die Welt gehen sollte. Am 17. Dezember 1989 durchbrachen die Außenminister Österreichs und der Tschechoslowakei, Alois Mock und Jiri Dinstbier, sowie Landeshauptmann Siegfried Ludwig in Laa an der Tayya (Kreis Mistelbach) symbolisch den längst gefallenen Eisernen Vorhang.
„Das war sicher eines meiner prägendsten Erlebnisse und sehr beeindruckend“, erinnert sich der damals als Kulturreferent engagierte langjährige Bürgermeister von Laa an der Tayya, Manfred Fass (ÖVP), „obwohl ich das auch erwähnen muss dass ich die historische Bedeutung dieser Aktion wirklich zu schätzen weiß, hatte ich an diesem Tag keine Ahnung.“ Monate zuvor erschien das Ende des Eisernen Vorhangs wie eine Utopie.
Leben an der „toten Grenze“
Fast 40 Jahre lang befand sich die Stadt „in einer Sackgasse“. Kinder durften sich nicht in die Nähe der Grenze begeben, erinnert sich Fass an seine Kindheit: „Ich habe immer geglaubt, dass da wirklich eine eiserne Mauer ist, das Ende der Welt. Die Lichter waren auch an, erst da habe ich gemerkt, dass da Menschen leben da auch.”
NÖLK
Diese Situation hat der Region nicht nur wirtschaftlich geschadet, sondern auch psychisch geprägt. Erst 1979 habe sich “eine kleine Lücke in der Staatsgrenze” geöffnet, sagt Fass, als ein Straßenübergang eröffnet wurde – für maximal zehn Übergänge pro Tag. Doch zehn Jahre lang habe es noch “keine Hoffnung gegeben, dass sich etwas Entscheidendes ändern würde”.
Als die grüne Grenze zur Todeszone wurde
Zehn Jahre, in denen immer wieder Menschen ihr Leben lassen bei dem Versuch, in die freie Welt einzutreten. Rund 180 Menschen starben entlang des Weinviertler Abschnitts des Eisernen Vorhangs – mehr als an der Berliner Mauer. „Man bekommt Gänsehaut, wenn man hört, unter welchen Bedingungen die Leute es ausprobiert haben“, sagt Fass.
Brechen Sie die Energieblöcke
Anfang 1989 entsprach Europa noch der alten Ordnung. Im „Kalten Krieg“ standen sich zwei Machtblöcke des Westens und des Ostens gegenüber. „Wenn jemand im Frühjahr gesagt hätte, dass die Berliner Mauer im Dezember nicht mehr stehen würde, hätten sich die Leute für verrückt gehalten“, sagt die Historikerin Julia Köstenberger. Doch dann wendeten sich die Ereignisse zum Schlechteren – mit unerwarteter Geschwindigkeit.
Erfolgreiche und erfolglose Fluchtversuche über die Grenze
Erstens begannen reformistische Kommunisten in Ungarn – unterstützt von Moskau – damit, zwei getrennte Welten näher zusammenzubringen. Am 2. Mai 1989 wurde der Abbau der Grenzsicherungssysteme angekündigt und damit die Weichen für den Fall des Eisernen Vorhangs gestellt. „Das war eine wichtige Entwicklung, weil es Dinge in Bewegung brachte und das System zusammenbrach“, sagt Koestenberger.
Paneuropäisches Picknick
Am 19. August fand in der Nähe von Sopron und Sankt Margarethen (Burgenland) das sogenannte „Paneuropäische Picknick“ statt, weil die ungarischen Grenzsoldaten einfach wegschauten. Über 600 DDR-Bürger wurden durch ein offenes Grenztor aus Ungarn nach Österreich entlassen. Es war die größte Fluchtaktion seit dem Mauerbau. Am 27. Juni 1989 durchbrachen Mock und sein ungarischer Kollege Gyula Horn den „Eisernen Vorhang“ bei Klingenbach (Burgenland), was mediales Aufsehen erregte.
ORF Am 27. Juni 1989 durchbrachen Außenminister Alois Mock (links) und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn (rechts) unter medialer Aufmerksamkeit den Eisernen Vorhang
Kaum jemand ahnte, dass diese Aktion der Anfang vom Ende des Ostblocks sein würde. “In der Tschechoslowakei war damals nicht viel los”, sagt der Historiker. Erst im Herbst, am 17. November, kam es erneut zu Demonstrationen in der Tschechoslowakei, unter anderem zum Gedenken an 50 Jahre Nazi-Terror. „Gleichzeitig war es auch eine Demonstration gegen das Regime.
“Die samtene Revolution”
Dies war der Beginn der „Samtenen Revolution“: Mit Schlüsseln in der Hand gaben Tschechoslowaken, die damals noch zu einem Staat vereint waren, im Herbst auf dem Wenzelsplatz in Prag ihren Unmut über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Restriktionen des Landes aus 1989 .und das Ende des KP-Regimes kam. Wenige Tage zuvor – am 9. November – fiel in der deutschen Hauptstadt die Berliner Mauer.
CSSR: „Samtene Revolution“, die Regime stürzt
Auch entlang der niederösterreichischen Grenze seien diese Ereignisse sehr genau verfolgt worden, sagt Fass: „Wir haben gehofft, dass sich die Tschechoslowakei auch wie Ungarn entwickelt und nicht wie 1968 zerschlagen wird, das war unsere Hoffnung, aber ohne Gewissheit.“
Ende der Visumspflicht
Am 1. Dezember gab es Hoffnung. „Österreich hebt einseitig die Visumspflicht für tschechoslowakische Staatsbürger ab sofort bis 17. Dezember auf.“ Diese dringende Meldung der Österreichischen Presseagentur (APA) soll einen weiteren wichtigen Schritt zur Demokratisierung der Tschechoslowakei (Tschechoslowakei) auslösen. Weiter heißt es in dem Bericht: „Das österreichische Innenministerium hat bekannt gegeben, dass die Visumspflicht aufgehoben wurde.“
APA
Darüber hinaus berichtete die APA, dass das Prager Innenministerium am Freitag inoffiziell angekündigt habe, dass „der Abbau der Grenzbarrieren ‚Eiserner Vorhang‘ an der Grenze zu Österreich am Montag beginnen soll.“ Das Visum für die Bürger der Tschechoslowakischen SSR werde ab Montag in Kraft treten , 4. Dezember um 00:00 Uhr.
Weitere Grenzübertritte wurden angekündigt
Eine knappe halbe Stunde nach der Erstausstrahlung kündigte die APA an, dass das Finanzministerium aufgrund der Grenzöffnung zur CSSR neue Grenzübergänge öffnen werde, um die ohnehin stark von Polen belasteten Grenzübergänge zu entlasten Reisen, sowie neue Übergänge an bisher gesperrten Grenzstrecken zu schaffen, beispielsweise im Fratres-Raum (Kreis Gmünd) und in Bernhardstal (Kreis Mistelbach), um eine Anbindung an die Autobahn in der CSSR zu schaffen.
Österreich
100 Jahre Niederösterreich
Als Sofortmaßnahme werden die Bürocontainer auch als temporäre Ausstattung, etwa für eine neue Kreuzungsstelle für den Personenverkehr im Raum Kittsee, aufgestellt. Zudem sollen zügig Maßnahmen zum Ausbau der Zollämter in Kleinhaugsdorf (Kreis Hollabrunn), Drasenhofen (Kreis Mistelbach) und Berg ergriffen werden.
Bei den Landespolitikern gab es breite Zustimmung. Landeshauptmann Siegfried Ludwig (ÖVP) begrüßte den Fall des Eisernen Vorhangs: „Darauf haben die Menschen in der Grenzregion Niederösterreich vier Jahrzehnte lang gewartet.“ Wiens Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) bezeichnete die Vorgänge in der Tschechoslowakei als „einen Traum, den Nr einer meiner Generation hätte nicht zu träumen gewagt.”
Der langersehnte Tag
Am 4. Dezember 1989 um Mitternacht trat die offizielle Grenzöffnung der Tschechoslowakei in Kraft. Tschechoslowakische Staatsbürger brauchten nur einen Reisepass, um ihre Heimat zu verlassen, und für die Einreise nach Österreich war kein Visum erforderlich. Die Grenzregionen in Nieder- und Oberösterreich und insbesondere die Bundeshauptstadt Wien bereiteten sich auf einen massiven „tschechoslowakischen Überfall“ vor, berichtete die APA.
4. Dezember 1989: ORF-Niederösterreich-Redakteur Werner Predota berichtet vom Grenzübergang Berg
„Es fühlt sich gut an, ohne Visum und Formalitäten nach Österreich reisen zu können“, sagten die Ankömmlinge. Ein großer Teil der Bürger des Nachbarlandes, deren Autos zum Teil mit kleinen tschechischen SSR-Fähnchen an den Antennen geschmückt waren, erklärte, sie nutze ihren Aufenthalt für „Sightseeing“ oder Verwandtenbesuche, nur wenige seien gezielt einkaufen gegangen.
„Lüfterl“ statt „Sturm“
Zwölf Stunden später schrieben die Journalisten der Agentur: „Statt ‚Sturm‘ nur ‚Fan‘.“ An den Grenzübergängen war es bis Mittag recht ruhig, nur relativ wenige Bürger des nordöstlichen Nachbarlandes hatten Wien erreicht – viele von ihnen warteten noch auf ihre Pässe und Devisen. „Das kam natürlich für die Bürger der Tschechoslowakei überraschend“, sagt Köstenberger.
Am Grenzübergang Berg sind bis Mittag rund 800 Fahrzeuge mit 1.500 bis maximal 2.000 Personen als Spitzenwert registriert. In Drazenhofen zählte der Zoll etwa 400 Einreisende aus der Tschechoslowakei, in Kleinhaugsdorf waren es 150. In Laa an der Tayya kamen 80 Einreisende, in Grammeten (Kreis Gmünd) und Gmünd, wo die Riegel erst um 8 Uhr hochgezogen wurden, etwa 40 Jede The Great Tide folgte jedoch eine Woche später.
Die Suche nach Stacheldraht
In diesen Tagen soll dieses Ereignis auch symbolisch festgehalten werden. Außenminister Mock und Dinstbier trafen sich in Kleinhaugsdorf, wo sie eigentlich den Zaun durchschneiden wollten. “Nur war er nicht mehr da”, sagt Koestenberger. Denn die tschechoslowakischen Soldaten hatten bereits an mehreren Stellen der gemeinsamen Grenze damit begonnen, den „Eisernen Vorhang“ abzubauen.
17. Dezember 1989: Die Suche nach Stacheldraht
Stattdessen fuhren sie weiter nach Laa an der Thaya. Dort teilte ihnen das Außenministerium erst am Vortag mit, dass „wir eine große Veranstaltung organisieren …
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