Als in Bayreuth ein neuer Ring aufgeführt wird, gerät die Opernwelt ins Wanken. So sehr sich andere Theater auch bemühen, die Inszenierungen im Festspielhaus sind elektrisierend. Und manchmal fließt sogar Blut. Immer noch auf der Bühne. Aber auch im Publikum. Peter Huth, der das Festival seit vielen Jahren begleitet, berichtet in einem Live-Ticker über die Woche von „Der Ring“ – von Samstag, 30. Juli 2022, dem Tag vor der Premiere von „Rheingold“, bis 6 Tag nach der „Götterdämmerung“, dem Tag der Abrechnung.
11.46 Uhr – So viele Wotans gab es noch nie
Der Ring, den wir dieses Jahr sehen, soll eigentlich 2020 Premiere haben, Grund für die Verschiebung war – wenig überraschend – die Corona-Pandemie. 2020 fielen die Festspiele aus, 2021 war Bayreuth eine brisante Angelegenheit – zu unsicher für das Mammutring-Projekt. Doch Corona warf und warf in diesem Jahr lange Schatten über die brütende Hitze Bayreuths.
Günter Groisbock hat vor einem Jahr aufgegeben. Er sollte Wotan singen, doch es gab Zweifel, ob er nach der langen Corona-Pause die nötige Qualität mitbringen würde. Sehr ritterlich. John Lundgren, der Alberich spielen sollte, wurde als Ersatz angekündigt. Aber auch er hat vor knapp zwei Monaten gekündigt – aus “persönlichen Gründen”, was auch immer das heißen mag. Nun gibt es zwei Wotans: Eglise Silins singt im „Rheingold“, Tomasz Konecny in „Walküre“ und „Siegried“ (dort streng genommen als „Wanderer“).
Konieczny ist so etwas wie ein Superjoker auf dem Grünen Hügel: Er ersetzte Groissböck bei der letzten Walküre am Castorfring im Jahr 2021.
Brünnhilde wird von Irene Theorin gespielt, die seit 2000 in Bayreuth singt. 2022 allerdings nur in „Walküre“ und „Götterdämmerung“. Daniela Koehler singt diese Partie in Siegfried.
Auch von Siegfried gibt es zwei Versionen: Andreas Schager wird in Siegfried und Daniel Gould in Götterdämmerung zu sehen sein. Immerhin wird Alberich von einem beständigen Interpreten gegeben: Das ist Ólafur Sigardarson. All das ist nicht wirklich ideal, aber es kann positive Aspekte geben: weniger Vorstellungskraft, mehr Kraft. Wir werden sehen. Und höre zu.
11.28 Uhr – Bayreuth kennenlernen: Kleiderordnung (inoffiziell)
Alle guten Manieren verkommen bekanntlich. So sieht man bereits in der Premierenwoche zahlreiche Herren in hellen Anzügen oder gar T-Shirts in den Saal strömen. Die Kleiderordnung (obwohl es offiziell keine gibt) ist klar: Im Eröffnungszyklus, insbesondere am 25. Juli, der Uraufführung, tragen Frauen festliche Kleidung und Männer Smoking. Und das soll auch die nächste Woche so bleiben.
In den folgenden Zyklen sollte die Garderobe in Ordnung sein, aber nicht mehr festlich. Also mindestens ein dunkler Anzug mit Krawatte und ein schönes Abendkleid.
Mein persönlicher Tipp: Am besten eine Nummer größer kaufen. Bayreuth ist im Sommer heiß, die nicht klimatisierte Festhalle wird zum Brutkasten. In der Pause schwitzt man sofort vom Sekt. Man freut sich, wenn Hemd und Jacke etwas weiter sind.
Obwohl es manchmal getan wird, ist es nicht sehr wünschenswert, die Jacke in der Halle auszuziehen. Das Weiß der Hemden bricht die Dunkelheit und verhindert das Eintauchen.
11:08 Uhr – Der Hügel ist still
Wie immer, wenn ich morgens den Berg hochmarschiere, bin ich einfach sehr gerne hier. Das Festspielhaus liegt noch in der Sonne, Touristen fotografieren, plaudern dort („Ist das nicht immer gleich?“ – „Nein, immer anders!“ – „Aha.“ – „Ja, ich weiß, bin ich gelernte Kostümbildnerin, hat den Beruf aber nie ausgeübt.“) und fotografieren. Positionsmarkierungen für Fotografen und Kameraleute von der Premiere am vergangenen Montag sind noch vor dem Portal auf den Boden geklebt. Heute gibt es keinen roten Teppich. Der Star ist nicht das Publikum (Geschlecht!), sondern die Produktion.
Das Festival wird derzeit renoviert und soll 2026 geschlossen werden
Quelle: Peter Huth
Außerdem kann ich meinen Arbeitsplatz kontrollieren, ein Schließfach reservieren (Laptop ist im Haus nicht erlaubt), mir strategisch günstige Wege zwischen Ausgang, Bar und Schreibtisch ausdenken. Und teste das Netzwerk. Übrigens bekomme ich meine Tickets erst zwei Stunden vor der Show, also weiß ich nicht, wo ich sitzen werde. Das ist kein großes Problem – das Haus ist so konzipiert, dass man es von überall sehen kann.
10.12 – Bayreuther Wissen: Applaus (II)
Die längste Standing Ovation von 90 Minuten gab es bei der Schlussvorführung von Patrice Chereaus Götterdämmerung – plus unglaubliche 101 Vorhangrufe. Bei der Premiere fünf Jahre zuvor jedoch gab es einen beispiellosen Sturm der Empörung. Für traditionelle Wagnerianer war die Produktion unverschämt – dazu kommen wir später. Der Aufruhr im Jahr 1976 war so groß, dass eine Dame einen Ohrring aus dem Ohrläppchen einer anderen riss!
10.01 Uhr – Nein, es ist Der Herr der Ringe, liebe Kolleginnen und Kollegen…
Mit diesem Titel beginnt die Festspielzeitung “Richard’s”. Es sieht eher aus wie Der Herr der Ringe als der Ring der Nibelungen. Schöne Filmposter-Ästhetik. Mit dem bisher naturalistischsten Drachen. Das hat aber nichts mit der Inszenierung von Valentin Schwartz zu tun, wie man hört.
ist es ein Schwert ist es ein Ring?
Quelle: Peter Huth
08:49 Uhr – Bayreuther Wissen: Applaus (I)
So enthusiastisch die Wagnerianer auch sind, sie sparen sich den Applaus. Was den Ring betrifft, ist es am besten, erst nach dem Schließen des Vorhangs bei „Götterdämmerung“ so richtig zu jubeln (oder auszubuhen) und so die gesamte viertägige Produktion zu genießen (oder Ihrem Ärger Luft zu machen). Applaus nach Nummern und am Ende einzelner Abende ist mehr für die Darbietung der Sänger als für das Gesamtkunstwerk.
Ausnahme: Wer nach dem ersten Akt von „Parsifal“ das Bedürfnis verspürt, die dargebotene körperliche Gewalt zu kommentieren, wird gnadenlos ausgepfiffen. Ruhe sollte sein, aber dann könntest du genauso gut im Batik-T-Shirt im Publikum sitzen (je nach Inszenierung geht das auf der Bühne).
Natürlich sind Applaus nach einzelnen Stücken wie „Walkürenritt“, „Wonnemond“ oder „Feuermarsch“ absolut undenkbar.
8.14 Uhr – Nach zwei Jahren strahlt “Rheingold” endlich
Guten Morgen aus Franken! Das Wetter ist noch etwas trüb, aber im Frühstücksraum gibt es nur strahlende Gesichter voller Vorfreude.
Als Katarina Wagner auf der Pressekonferenz 2019 Valentin Schwartz als Regisseur des nächsten Ring der Nibelungen vorstellte, gingen wir alle davon aus, dass die Inszenierung ein Jahr später auf die Bühne kommen würde. Dann kam der Virus, 2020 wurden die Festspiele komplett abgesagt, nur eine Schar widerspenstiger Menschen (mich eingeschlossen) pilgerte sowieso nach Bayreuth. 2021 wurden das Programm und die Zuschauerzahlen deutlich reduziert. Drei Jahre hatte also Valentin Schwartz (mit dessen Arbeit man auf der Schanze sehr zufrieden sein muss, wie mir ein Specht vorsang) Zeit, sich mental und konzeptionell auf das vorzubereiten, was heute Abend endlich Premiere hat.
“Rheingold” beginnt um 18:00 Uhr, am Abend vor dem “Ring des Nibelungen”, ist also streng genommen keine komplette Ringoper. Mit knapp 2,5 Stunden ist das Stück auch überschaubar kurz – daher der späte Beginn. Dafür gibt es keine Ruhe.
21:56 – Wir sind müde. ja Aber die Regeln des Bayreuther Spiels müssen noch erklärt werden
Richard Wagner hat die Festspiele als Werkstatt geschaffen: Hier müssen die Besten der Zunft und ihrer Zeit ihre Werke auslosen, inszenieren und aufführen. Jedes Team aus Regisseur und Dirigent kann es vier bis fünf Jahre lang versuchen und sich von Jahr zu Jahr verbessern und verändern. Es ist daher möglich, dass der Uraufführungszyklus einer Oper erheblich von ihrer endgültigen Aufführung abweicht.
Nur zehn der großen Wagner-Opern werden aufgeführt, von „Der fliegende Holländer“ bis „Parsifal“. „Feen“ und „Rienzi“ werden in Bayreuth nicht gespielt.
1876, bei den ersten Festspielen, spielte Wagner noch alleine und zahlte seinen Schauspielern und Mitarbeitern wenig oder gar nichts. Ihm zufolge ist die Teilnahme am Festival eine ausreichende Ehre und Auszeichnung. Kost und Logis waren schließlich umsonst.
Daran hat sich im Prinzip bis heute kaum etwas geändert: Keiner der Künstler, die die spielfreien Sommermonate in Franken verbringen, wird reich. Eine Einladung nach Green Hill gilt als Anerkennung.
Morgen: Wer macht Musik und wer nicht; warum der Dirigent fehlt, auf den alle gewartet haben; warum wir nicht mehr Green Hill-Skins sehen, meine persönliche Alptraum-Inszenierung (was wäre, wenn Facebook den Ring organisiert), erster Probenklatsch; Weitere Details zu „Rheingold“ und natürlich zum ersten Tag des neuen Rings!
21.20 – Bayreuther Freude
Die Gesprächsregeln in der „Lohmühle“ (und in allen Wagner-Hotels) sind ganz einfach: Wenn man am Nebentisch so laut angesprochen wird, dass man es am eigenen Tisch hört, gilt das als Einladung zum Gespräch . Da viele der Gäste in so fortgeschrittenem Alter sind, dass sie sowieso sehr laut sprechen, ist dies fast immer der Fall. Die Themen sind noch wenig heikel: Wespen, Schweinebraten, wo kommen die her? Er nahm jedoch bald die Arbeit an drei Tischen auf.
Ja, das ist Koskis Meistersinger-Produktion! Der erste Akt war noch gut, aber dann mit diesen großen Wagnerköpfen. wir wissen nicht – Ja, das ist sein Thema, er soll es so machen. – Und Tannhäuser? – Oh gut. Es ist etwas gewöhnungsbedürftig – ich fand es ausgezeichnet. -…
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