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Bei den Salzburger Festspielen bist du „Crazy for Comfort“

7. August 2022

Ursina Lardi und David Strisow in Crazy for Comfort © APA / BARBARA GINDLE

Ursina Lardi, David Strisow, Andre Jung und Sebastian Blomberg sind großartige Schauspieler. So viel stand schon vor der gestrigen Premiere von Crazy for Comfort bei den Salzburger Festspielen fest und bewies es in dieser dreieinhalbstündigen Show inklusive Pause im Max Schleret Saal der Universität Mozarteum erneut. Dass es an diesem Abend um mehr als Artistik ging, konnte Regisseur und Autor Torsten Lensing jedoch nicht beweisen.

„Niemand stört uns, während wir nachdenken und uns drehen“, sagte Blomberg zuvor über die Proben. „Wir haben den Raum durch freie, verrückte Improvisation angezündet.“ Man hatte Glück, dass das riesige Metallrohr, das die beiden Schweizer Architekten Gordian Blumenthal und Ramun Kapaul für ihr erstes Bühnenprojekt auf der Bühne errichteten, keine Gaspipeline, sondern die Gaspipeline war war ein hohles Gebilde, das in der ersten Szene einen Wellenkamm darstellte und damit seine konkrete Bedeutung bereits aufgegeben hatte. Nur stellenweise fing alles Feuer. Es konnte kein Feuer sein.

Crazy for Comfort beginnt als tragisches Kinderstück zweier Waisenkinder, in dem ein elfjähriger und ein zehnjähriger Junge typische Hochzeitsszenen ihrer Eltern am Strand nachspielen, um sie zumindest in ihrer Fantasie am Leben zu erhalten. Diese höchst kraftvolle und bewegende Szene mündet bald in eine große Revue, die immer wieder für Lacher und auch dramatische Momente sorgt, aber einen strengen Kontext vermissen lässt. „Der könnte das Telefonbuch spielen“, ist ein Wiener Kompliment für besonders virtuose Schauspieler. Am Ende hat man das Gefühl: Das Telefonbuch war so ziemlich das Einzige, was das Quartett nicht gespielt hat.

Ursina Lardi glänzt als sprechende Krake mit neun Gehirnen („Ich kann zu allem neun verschiedene Meinungen haben.“), die sich auch in einen Tisch verwandeln kann, als junger Stabhochsprungstar und als Insassin in einem Pflegeheim. Andre Jung startet eindrucksvoll als Orang-Utan, gibt zwischendurch einen Seestern und endet als exzellenter Kuss-Pflegeroboter. Sebastian Blomberg gibt als Taucher in voller Montur eine atemberaubende Performance ab, macht aber auch als Riesenschildkröte eine gute Figur, während der Sessel nicht zu seinen stärksten Rollendesigns gehört. David Streisow tritt kurz als falscher Clownfisch auf, leidet als Baby unter seinen Rabeneltern und als junger schwuler Mann fehlt es an Emotionen und Durchfall.

Bei der Pressekonferenz wenige Tage vor der Premiere staunten die Schauspieler über die einzigartige Freiheit, die ihnen der Regisseur, der 2019 mit seiner Interpretation von „Endless Fun“ von David Foster Wallace und in der Salzburger Inszenierung mit zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, einräumte Insgesamt sieben Koproduzenten aus Deutschland, der Schweiz und Luxemburg brachten ihre eigenen Arbeiten erstmals auf die Bühne. Der Text kann immer wieder mit guten Sprüchen aufwarten (z. B.: „Ich habe der Welt nichts zu sagen. Deshalb spreche ich in Hexametern.“), verliert aber schnell den roten Faden, der anfangs sorgfältig um die beiden Waisenkinder Charlotte und Felix gezogen wurde ( Lardi und Strisow), deren verschiedenen Altersstufen er frei folgt. Stattdessen wendet er sich Märchen zu. Die individuelle Situation zählt mehr als der Erzählbogen.

„Wer an Konzepte glaubt, muss eine eher oberflächliche Lebenserfahrung gehabt haben“, verriet Thorsten Lensing, der sich selbst als genialen Außenseiter im Theaterbetrieb sieht, in einem im Programmheft abgedruckten Interview sein auf Missverständnissen beruhendes Regieverständnis des Theaters, das, wie Sie wissen, nicht das Leben ist. „Ich könnte keine Sekunde proben, wenn ich glauben würde, dass meine Produktion einen Sinn haben muss, irgendeinen Zweck“, sagt er dort. Gut zu wissen, denn im Laufe des Abends wuchs der Verdacht, dass die schöne, furchtlose, experimentelle gemeinsame Zeit der Bühnenkünstler der springende Punkt des Unterfangens sein könnte.

Am Ende muss man also bei den Schlussworten bleiben, die Lardy als 88-Jähriger direkt an das Publikum richtet: „Alles soll erlöst werden!“ Vielleicht ist unsere Zeit tatsächlich eine völlig wertlose „komfortverrückte“ Zeit. Der Applaus bei der Premiere war jedenfalls anhaltend und überaus herzlich.

Salzburger Festspiele: Mad for Comfort von Torsten Lensing (auch Regie), Bühne: Gordian Blumenthal, Ramun Kapaul, Kostüme: Annette Guter, mit Sebastian Blomberg, Andre Jung, Ursina Lardy und David Streisow. Uraufführung an der Universität Mozarteum – Max Schleret Saal. Weitere Termine am 8., 9., 10., 12., 13., 16. und 17. August. Infos und Tickets unter salzburgerfestspiele.at