- Startseite
- Kultur
Erstellt: 12.07.2022, 17:06
Von: Marcus Thiel
Teilt
Die Schwimmbühne besteht in diesem Jahr aus einem 300 Tonnen schweren Stück „Papier“. Madame Butterfly startet am 20. Juli und läuft bis zum 21. August. © Matthias Grabher
Die Madame-Butterfly-Szene sieht aus, als hätte ein Goliath in der Bregenzer Bucht ein Stück Papier verloren. Am 20. Juli wird dort erstmals Puccinis Oper gezeigt. Zu Besuch am Bodensee.
Rot-weiß, mit Wappen, das wäre die Flagge Vorarlbergs. Aber heute gibt es Rot und Weiß mit Blau und Sternen. Das Sternenbanner weht heute Nachmittag majestätisch über dem See. Die US-Flagge ist nicht nur rund um die Freilichtbühne zu sehen, sondern auch schon von weitem entlang der Promenade in Bregenz, wo an diesem heißen Nachmittag die Eisesser überwiegen. Doch nach kurzer Zeit, bevor man Lust hat Hallo zu sagen, ist der Mast schon wieder weg. Auch die Proben für „Madame Butterfly“ stehen an. Und natürlich verschlingt Festival-Equipment nicht nur das meiste Geld, sondern auch die meiste Arbeit.
Andreas Homocki ist einer der ersten, der dies tut. Aus dem gut gekühlten Konferenzraum hoch über der Seebühne blickt er fast träumerisch auf die Bühne, die Michael Levine für ihn entworfen hat. So kühn und geradlinig Regisseur Homoki auch erscheinen mag, er ist jetzt verliebt in kraftvolle Szenen. Bregenz war der Traum des Zürcher Operndirektors, obwohl ihm nicht alle glaubten. „Ich bin ein Typ, der es groß mag“, sagt der 62-Jährige. „Auch auf einer normalen Opernbühne mit einer Portalbreite von zwölf Metern muss ich hineinzoomen und fast choreographisch über die Intentionen der Figuren und die Wege im Raum nachdenken. Bregenz ist nur eine Stufe höher. Hier muss man beweisen, dass man auf 20 Meter Distanz persönliche Beziehungen aufbauen kann – das reizt mich.“
Was Homoki draußen von Sängern, Tänzern und Statisten verlangt, hat er akribisch vorbereitet. Im normalen Opernbetrieb kann eine Stimmung, eine spontane Idee eines der Beteiligten in eine Szene verwandelt werden. Das geht in Bregenz nicht. So saß Homoki vor Monaten vor einem Modell im Maßstab 1:50 und schob Figuren hin und her. Er hatte sogar ein 1:100-Modell aus dem 3D-Drucker für den Heimgebrauch. Jeder Gang, jeder Abstand muss auf seine Wirkung überprüft werden. „Man muss alles vorher entscheiden. Dazu braucht es viel Erfahrung. Man muss beurteilen, was eine starke Situation ist und was nicht“, berichtet Homoki. „Vielleicht ist es nicht jedermanns Sache, aber ich habe viel Spaß damit.“ Im Grunde, fügt er verschmitzt hinzu, könne jetzt jeder mit seinem Drehbuch bei Madama Butterfly Regie führen.
Regisseur Andreas Homocki ist erstmals am Bodensee aktiv. In Bregenz zu arbeiten, war für ihn schon immer ein Traum. ©Felix Kästle
Für regelmäßige Bregenz-Besucher kann die Homocki- und Levin-Etappe eine kleine Enttäuschung sein. Immerhin gab es am Bodensee schon ein riesiges Skelett („Masquerade“), ein Giga-Auge („Tosca“) oder zuletzt einen Kopf mit beweglichem Mund und rotierenden Augen („Rigoletto“). Und nun? Ein Blatt Papier, das sich kräuselt und über das Wasser beugt wie ein Goliath, der es verloren hat. 300 Tonnen schwer, 23 Meter hoch und 33 Meter breit, aus 117 Teilen zusammengesetzt. Doch wer sich dem Blatt nähert, erkennt aus dem Weiß pastellfarbene Silhouetten von Bergen und Bäumen. Eine kalligraphische Landschaft, auf die noch nach Einbruch der Dunkelheit Videos projiziert werden. Bewegt sich Bregenz also auf eine neue Einfachheit zu? „Ich möchte vor allem die Menschen sehen können“, sagt Homoki, der in Opernhäusern für seine feinmechanischen Arbeiten bekannt ist. „Unser Ziel ist es, das Stück sehr stark über die Charaktere zu erzählen.“
Madame Butterfly, eine tränenreiche Geschichte einer japanischen Geisha, die sich in einen amerikanischen Offizier verliebt, debütierte am See. Aber obwohl sie ein gemeinsames Kind haben, sieht er alles nur als eine lustige Beziehung an. Schließlich erstach sich Cho-Chio San. Der Abend wird nicht fruchtlos, verspricht Regisseurin Elizabeth Sobotka. „Aber elegisch und emotional!“ Sie kann die Szene auch von ihrem Büro aus beobachten. Ein Anblick, den sie nur noch zwei Jahre genießen kann, danach wechselt die 56-Jährige in gleicher Position an die Berliner Staatsoper.
Der Vorverkauf für die 26 Vorstellungen von Madame Butterfly läuft gut
„Madame Butterfly“ war ihre Idee. „Das ist Musik, die in den Raum drängt, in die Ferne“, schwärmt Sobotka. „Deshalb mache ich mir keine Sorgen, dass dieses Kammerstück nicht in die Seeszene passt.“ Sie ist überhaupt nicht überrascht. Früher wurde beispielsweise in den Kreisen um den legendären Regisseur Gerard Mortier der Kitschbruder Puccini geschmäht. Und jetzt hört sie bei „Madame Butterfly“ von allen: „Was für ein tolles Werk, was für eine einzigartige, geniale Musik!“
Der Vorverkauf der 26 Shows mit ihren 6.980 Tickets pro Abend gibt Sobotka recht. Und das während der Corona- und anderen Krisen, die viele Häuserreihen leer stehen lassen. „Die Festspiele und die Stadt Bregenz bieten einen Mix aus tollen kulturellen Veranstaltungen und Feiern.“ Noch ein traumhafter Blick auf den See: „Bregenz ist für viele mit der spannenden Oper und dem ersten Urlaubsziel des Jahres verbunden. Das kommt uns gerade jetzt sehr zugute.“ Finanziell läuft es für Bregenz weiterhin gut. Dank der beliebten Open-Air-Shows sei in den vergangenen acht Jahren ein gewisses finanzielles Polster gespart worden, sagt Sobotka. Aber: „Uns könnte eine schwierige Zeit bevorstehen. Der Markt ist unberechenbar geworden. Die Preise im Bausektor sind schon absurd.
Andreas Homocki: „Ich erzähle die Geschichte so lebendig, massiv und klar wie möglich.“
Die Proben zu „Butterfly“ verlaufen von diesen Problemen unbelastet. Trotz des logistischen Aufwands scheint Homoki das alles als eine Art Regieurlaub zu sehen, unbelastet von konzeptionellen Zuckungen. „In Bregenz erlaubt man sich mehr Naivität“, sagt er. „Und das ist auch gut so. Ich weiß, dass ich hier keine Dreifachreflexion und -brechung einführen muss. Ich erzähle eine Geschichte so lebendig, massiv, klar, emotional und theatralisch wie möglich.”
Dabei spielt es keine Rolle, dass jede der drei nicht-asiatischen Sängerinnen von Butterfly, die durch das Festival rotieren, asiatisch geschminkt ist. Es ist politisch inkorrekt, argumentieren einige, und es riecht nach Blackface. Homoki, der einst einen von einem Kollegen inszenierten Zürcher «Butterfly» nach Los Angeles transportieren wollte, ist bereits passiert: Das American House lehnte ab. „Kann Rigoletto also nur von Menschen mit Behinderung gespielt werden? Leute, die so etwas wollen, verstehen nichts von Theater”, empörte er sich. Das Wesen und die Magie des Theaters ist Transformation. Er hält einen solchen Streit für kunstfeindlich und gefährlich. “Wo ist die demokratische Legitimation fehlgeleiteter Political Correctness?” Durch verdammte Stürme?’
Add Comment