29. Juli 2022
Vor der Karlskirche spielt dieser Tage wieder Musik © APA/FLORIAN VISER
Vor der Karlskirche tut sich wieder viel: Nach zwei pandemiebedingt reduzierten Auflagen hat das Wiener Popfest heuer wieder seinen angestammten Veranstaltungsort zurückerobert. Das bedeutete zum Auftakt am Donnerstag neben der obligatorischen FM4-Ente jede Menge Action auf der Seebühne, ein bunt gemischtes Publikum von Jung bis Alt, das sich zwischen Spielplätzen und Getränkeständen amüsierte, und jede Menge Musik. Abwechslung war jedenfalls angesagt.
Die Kuratierung übernehmen in diesem Jahr die Musikjournalistin Dalia Ahmed und Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl. Sie haben beide wirklich etwas getroffen. „Nach einem Jahr Arbeit machen wir endlich auf“, verkündete Spechtl der Menge bei der Eröffnung. „Passt aufeinander auf!“ Kein Problem, denn die erste Nacht in der idyllischen Location ließ viele Vorlieben zu. Es gab Rap, Indie-Rock, lustigen Lo-Fi-Pop und erhabene Pop-Performance zu erleben. Aber eins nach dem anderen.
Bevor es auf der Seebühne richtig losging, konnte Tausendsassa Wolfgang Möstl sein neustes Projekt zwischen den Bäumen präsentieren: Als „Umwelt-Pop-up“ beworben, den Auftakt des dreiteiligen Voyage Futur“ war zu erleben, was eine äußerst entspannte Angelegenheit war, präsentiert zwischen Retro-Computern und Topfpflanzen. Wer mehr darüber erfahren möchte, hat in den nächsten zwei Tagen noch die Möglichkeit dazu.
Die Wasserbühne wurde schließlich von Kerosin95 eröffnet und mit ihr ebenso eingängige wie aggressive Sounds. „Was geht, Popfest? Lasst uns Krach machen!“ Das musste man sich nicht zweimal sagen: Die klare Performance, passend unterlegt mit Beats und Sounds von DJ All Inclusive, war nicht nur ein Fest für alle Transcuties, sondern sorgte auch für die frühen Morgenstunden waren vollgepackt mit prall gefülltem Publikum, das Songs wie „Outside hard, inside fluffy“ bzw. „Futter“ feierte. Als auch die Glocken der nahe gelegenen Karlskirche läuten, ruft Kerosin95 verwundert aus: „Habe ich jetzt die Unterstützung der Kirche? Das wäre nichts für mich, aber okay.”
Jedenfalls war klar, dass da jemand mit einer Botschaft auf der Bühne stand. Wien sei zwar stolz darauf, eine sichere Stadt für queere Menschen zu sein, „aber ich fühle nichts davon“, sagte Kerosin95. „Aber du gibst mir Sicherheit“, war das Dankeschön an die Anwesenden, die von Anfang an dabei waren. Schließlich sei es „einfach nur zack als Transmensch in dieser beschissenen Musikindustrie“. Die Diskussion muss gesamtgesellschaftlich „in die Tiefe“ gehen, und ich bin so erschöpft. Kerosin95 konnte also nur sagen: „Bitte runter von deinem Arsch!“, was mit „Trans Agenda Dynasty“ argumentiert wurde.
Der Rest des Abends war so abwechslungsreich wie diese Einführung intensiv und politisch: Euroteuro war guter Dinge und in festlicher Stimmung, als Peter T. und Katerina Maria Trenk sich durch ein lustiges Synth-Pop-Set mit Konservensounds sangen. Dementsprechend fragte Trenck zwischendurch: „Wie geht’s der Band?“ Und T. antwortete: „Nun, es ist 0 und 1 und 1 und 0.“ Klare Ansage.
Leider gab es in Friedberg Abschwung: Die Indie-Band von Anna Friedberg (zuvor erfolgreich als Anna F.) spielte nette Songs, war aber leider ziemlich mittelmäßig in Sachen Performance und Sound. Kaum eine Pause sorgte hier für Dynamik, Bass und Schlagzeug erzeugten einen eigenwilligen Eindruck zwischen aktiv und entspannt, während der Gesang fast vollständig im nächtlichen Nichts versank. Es half nicht, dass “Pass Me On”, eine der besten Nummern, zweimal angeboten wurde. Ziemlich veraltete Arbeit.
Doch das wurde nur wenige Minuten später bei W1ZE wettgemacht: Die schrullige Sängerin mit Wurzeln in Simbabwe, Deutschland, Indien und Malaysia hatte bei ihrem ersten Auftritt mit der Gruppe nicht nur ein höllisch Engels-Outfit, sondern vor allem ein frisches Ton auf ihrer Seite. Hier wurde gefühlvoller R’n’B abgeliefert, der zwar etwas modern ist, aber aufgrund der instrumentalen Darbietung auf viel Boden stieß. „Ich bin ein bisschen nervös und ängstlich, aber ich fühle so viel Liebe“, sagte sie zu Beginn. Wenn du so überzeugend agierst, gibt es natürlich viel Glück.
Es ebnet auch den Weg für die folgenden Tage, an denen bis Sonntag noch einiges los sein wird auf und um den Karlsplatz. Acts wie Ebow, Crack Ignaz, Farce, Dives, Kenji Araki und Sophie Blenda zeigen die Vielfalt des lokalen Pop, mit kreischendem Krach ebenso wie fragilen Klaviermelodien und messerscharfer Gesellschaftskritik. Das Popfestival ist zwar kostenlos, aber alles andere als kostenlos: Entdecker können hier ihrer Leidenschaft frönen.
Weitere Informationen zum Programm auf popfest.at
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