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Der Fall Attila Hildman: Ermittlungen gegen Whistleblower

Außergewöhnlich

Bis: 17.06.2022 16:18 Uhr

Laut STRG_F wurde gegen einen mit dem Antisemiten Attila Hildman in Verbindung stehenden Informanten wegen Datenschutzverstößen ermittelt.

Von Julian Feldman und Nino Seidel, NDR

Als er persönliche und geschäftliche Daten des rechtsextremen Propagandisten Attila Hildman an die Hackergruppe Anonymous weitergab, wird nun gegen einen ehemaligen Weggefährten Hildmans ermittelt. Die Berliner Staatsanwaltschaft wirft dem IT-Entwickler Kai Enderes einen Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz vor. Das Verfahren sei „auf Grund des Verdachts, dass die personenbezogenen Daten an eine im Internet arbeitende Gruppe übermittelt wurden“, bestätigte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Berlin auf die Frage nach der Form der STRG_F-Umfrage.

Enderes war von Sommer 2020 bis Mitte 2021 ein enger Vertrauter von Hildman und unterstützte Hildman, der als veganer Koch bekannt wurde, vor allem in technischen Belangen. Hildman galt damals als einer der lautstärksten Propagandisten antisemitischer Verschwörungstheorien. Enderes hatte letztes Jahr mit Hildman Schluss gemacht und Anonymous einen Datensatz von mehr als zwei Terabyte zur Verfügung gestellt. STRG_F kann neben anderen Medien auch Daten bewerten. In dem Interview gab Enderes zu, dass er Anonymous Hildmans persönliche Daten zur Verfügung gestellt hatte. Nach eigenen Angaben wollte er Hildman aufhalten und ihn über ihn informieren.

Der Angeklagte wurde nicht gefunden

Nach der Untersuchung von STRG_F können die Ermittler Enderes derzeit nicht finden, daher ist eine Suche nach ihm im Gange. Enderes sagte auf Anfrage, er finde den Vorwurf der Datenschutzverletzungen “lächerlich”. Er ist in der Türkei und versteckt sich nicht vor den Behörden.

Die Ermittlungen gegen Enderes wurden aufgrund einer Strafanzeige eingeleitet. Nachdem Enderes die Daten an Anonymous weitergegeben hatte, teilte Hildmans Anwalt STRG_F im Oktober 2021 mit, dass „die Veröffentlichung von privater, geschäftlicher und sonstiger Korrespondenz, Fotos – bis hin zur absoluten Vertraulichkeit meines Mandanten – strafbar war“.

Nur ein Teil der Daten wurde an die Ermittler weitergegeben

Anonyme Internet-Aktivisten stellten der Staatsanwaltschaft Frankfurt auch Informationen zur Verfügung, die sie von Enderes erhalten hatten, da sie in der Erklärung Straftaten von Hildman oder seinen Unterstützern vermuteten. Seitdem führt die Zentralstelle zur Bekämpfung der Cyberkriminalität dort Vorermittlungen durch.

Laut STRG_F gab “Anonymous” aber offenbar nur einen Teil der Daten an die Ermittler weiter. Eine Untersuchung der Daten habe ergeben, dass “uns von dem Hinweisgeber nur ein kleiner und offenbar veränderter Datensatz zur Verfügung gestellt wurde”, sagte ein Sprecher der Behörde im April auf Anfrage. Aus den Daten ergab sich zunächst kein Verdacht auf kriminelle Aktivitäten. Auch zum Prozess gegen Hildman schickten die Frankfurter Ermittler einen Datensatz an die Berliner Staatsanwaltschaft.

Hildman wird ebenfalls untersucht

Diese Ermittlungen gegen Hildman gehen weiter. „Es werden eine Vielzahl von Straftaten ermittelt, insbesondere Volksverhetzung, Verwendung von Symbolen durch verfassungswidrige oder terroristische Organisationen und Beleidigungen“, sagte eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft auf Anfrage. Gegenstand der Ermittlungen ist auch die Frage, ob Hildman tatsächlich die türkische Staatsbürgerschaft besitzt.

Hildman soll sich nach seiner Flucht aus Deutschland Ende 2020 in der Türkei aufgehalten haben. Hildman wird ab Februar 2021 per Haftbefehl gesucht. Sollte Hildman neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzen, wäre eine Auslieferung auf Antrag deutscher Behörden praktisch unmöglich. Nach Angaben einer Sprecherin der Berliner Staatsanwaltschaft haben sich Ermittler auch an türkische Behörden gewandt.

Auch gegen einen ehemaligen Mitarbeiter der Berliner Justiz, der angeblich offizielle Insider-Informationen an Hildman weitergegeben haben soll, wird ermittelt. Den inzwischen fristlos entlassenen Mitarbeitern der IT-Abteilung der Staatsanwaltschaft Berlin wird vorgeworfen, gegen das Berufsgeheimnis verstoßen und versucht zu haben, die Strafverfolgung zu vereiteln. Insbesondere werden hier nach Angaben eines Strafverfolgungssprechers noch Datenauswertungen durchgeführt.