„Sender braucht Neuanfang“ ARD-Intendanten entziehen RBB-Management das Vertrauen
20.08.2022 15:07
Die ARD-Gemeinschaft mit ihren neun Landesrundfunkanstalten legt großen Wert auf Geschlossenheit. Nun aber erklärt ARD-Chef Tom Burrow, dass er das Vertrauen in die Führung des RBB verloren habe. Auch innerhalb der ARD wächst der Druck.
Die ARD-Intendanten haben das Vertrauen in die aktuelle Führung des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) bei der Aufarbeitung der Affäre um die entlassene TV-Moderatorin Patricia Schlesinger verloren. „Wir, die Intendanten der ARD, haben nicht mehr das Vertrauen, dass die Senderleitung die verschiedenen Vorfälle schnell genug aufarbeiten kann“, sagte ARD-Chef Tom Burrow. Laut DPA soll mangelnde Aufklärung im umstrittenen Bonussystem für Führungskräfte eine Rolle gespielt haben.
Aus ARD-Kreisen war zu hören, dass es nach dem Intendantenwechsel mitunter völlig neue Fakten zu Vorwürfen gegen den RBB gab, die zuvor vom Sender im Kreis nicht gemeldet worden waren. Damit wächst auch innerhalb der ARD der Rücktrittsdruck auf das Führungsteam um Geschäftsführer Hagen Brandstetter.
Die ARD-Gemeinschaft mit ihren neun Landesrundfunkanstalten legt traditionell großen Wert auf Geschlossenheit und ein gemeinsames Auftreten. Umso bemerkenswerter ist die jetzt von den ARD-Häusern gemeldete Position. Kurz zuvor hatte die Rundfunkratsvorsitzende Friederike von Kirchbach ihren sofortigen Rücktritt aus dem RBB-Aufsichtsrat bekannt gegeben. Der Vorstand des RBB wird am Montag zusammentreten, um über die konkrete Vertragsauflösung des pensionierten Direktors Schlesinger zu beraten.
“Ich möchte, dass der Kanal stabilisiert wird”
Buchrow, der auch Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR) ist, kritisierte, dass seine Kollegen neue Vorwürfe immer noch ausschließlich aus der Presse hörten. Er betonte, dass der RBB jetzt einen Neuanfang brauche. „Das wird sich auch auf die jetzige Führung des Senders auswirken müssen“, denn es sei fraglich, ob sich der RBB mit seiner jetzigen Struktur stabilisieren könne. Dies sei gerade „im ureigensten Interesse der ARD, der leidgeprüften Mitarbeiter und auch der Menschen im Sendegebiet des RBB“. Sie müsse “zu berechenbaren, transparenten Strukturen zurückkehren. Wir sind davon überzeugt, dass diese Administration zunehmend unruhig wird”. Burrow fügte hinzu: “Es sieht so instabil aus, dass man sagen könnte, es besteht die Gefahr, dass die Strukturen des RBB auseinanderzubrechen beginnen.”
Der Vertrauensverlust hat auch Folgen für Vorstandssitzungen. Buhrow erklärte: „Wir wurden vom Vorstand gebeten, uns in Einzelangelegenheiten ohne den RBB zu beraten. Aber das kann und soll kein Dauerzustand in der ARD werden.“ Aus Kreisen wurde berichtet, dass es am Freitagabend erstmals einen Quartiermeisterwechsel ohne den RBB gegeben habe.
Die gesamte Krise beim RBB dreht sich um die Vetternwirtschaftsvorwürfe und die Vorwürfe gegen den zurückgetretenen und abberufenen Direktor Schlesinger und den zurückgetretenen Chefkontrolleur Wolf-Dieter Wolf. Die Vorwürfe drehen sich um Vereinbarungen zwischen den beiden über Schlesingers Gehalt, das noch nicht vollständig offengelegt wurde. Es gibt ein umstrittenes Prämiensystem für Führungskräfte im Fernsehen, das Topmanagern erst auf öffentlichen und internen Druck bekannt wurde. Schlesinger erhielt zudem eine deutliche Gehaltserhöhung um 16 Prozent auf 303.000 Euro. Abendessen für Gäste in ihrer privaten Suite wurden angeblich vom RBB mit angeblich gefälschten Rechnungen zu einem Preis abgerechnet.
eine Untersuchung wurde eingeleitet
Die 1,4 Millionen Euro teure Sanierung der Chefetage des Senders hat ebenfalls Unzufriedenheit ausgelöst, und die Mitarbeiter sind verärgert darüber, dass gleichzeitig beim RBB-Programm Einsparungen vorgenommen wurden. Auch ein teurer Schlesinger-Firmenwagen mit Massagesitzen und einem persönlichen Fahrer sorgte für Furore. Auch Schlesingers Ehemann und Spiegel-Journalist Gerhard Spörl erhielt Aufträge von der staatlichen Messe Berlin, bei der Wolff auch Chefkontrolleur war. Hinzu kamen umstrittene Beratungsaufträge für ein RBB-Bauvorhaben, die angeblich aus Wolffs eigenen Händen stammten. Schlesinger und Wolff haben die Vorwürfe gegen sie bestritten.
Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt gegen Schlesinger, Sporl und Wolff wegen des Verdachts auf Betrug und Vorteilsnahme. Für alle drei gilt die Unschuldsvermutung. Eine externe Anwaltskanzlei untersucht den gesamten Fall, der die RBB in eine beispiellose Krise geführt hat. Auch die Messe wird derzeit intern untersucht.
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