Germany

Deutschlands Russlandpolitik: Merkels Versäumnisse

Interview

Stand: 07.06.2022 07:50

Der Bundeskanzler a. E. kehrt ins Publikum zurück – und muss peinliche Fragen zu Putins Krieg in der Ukraine stellen. Außenpolitikexpertin Daniela Schwarzer über die Fehler der russischen Politik in der Ära Merkel.

tagesschau.de: Die Energieabhängigkeit von Russland wurde in der späteren Phase der Merkel-Regierung sogar noch ausgebaut. Wie konnte die damalige Bundeskanzlerin in eine so gefährliche Sucht geraten?

Daniela Schwarzer: Einerseits hatte die Bundesregierung ein wirtschaftliches Interesse daran, fossile Brennstoffe günstig aus Russland beziehen zu können. Darüber hinaus waren Angela Merkel und der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier über Jahrzehnte gewachsene Überzeugung, dass unser Kontinent in einer Partnerschaft mit Russland besser aufgestellt ist als in einer Konfrontation. Wirtschaftliche Interdependenz sowie kultureller und politischer Austausch sollten zu einem friedlichen Zusammenleben beitragen. Das Aggressionspotenzial und der Wille zur Ausweitung der imperialistischen Macht wurden unterschätzt.

Pro Person

Prof. Daniela Schwarzer ist Expertin für Europäische Angelegenheiten und Internationale Beziehungen in Berlin. Seit 2021 ist er Executive Director der International Open Society Foundations for Europe and Eurasia. Die von George Soros gegründete Stiftung setzt sich weltweit für Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte ein. Der Politikwissenschaftler war zuvor unter anderem als Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Außenpolitik tätig.

tagesschau.de: Welche Fehler hat Merkel in ihrer Russlandpolitik gemacht?

Schwarzer: Ein politisches Versagen war das Eingeständnis der einseitigen Energieabhängigkeit. Nach der Annexion der Krim diskutiert die Europäische Union sehr intensiv über Energie und Versorgungssicherheit. Es war klar, dass die Abhängigkeit von Russland sehr hoch war – und das birgt Risiken. Und es gab Missverständnisse über Putins Absichten und Werkzeuge.

tagesschau.de: Was könnten Deutschland und Europa anders machen?

Schwarzer: Damals wurde zu wenig getan, um die Energiequellen in Europa und Deutschland zu diversifizieren, um unabhängiger von Russland zu werden. Das hat den Handlungsspielraum eingeschränkt, den wir jetzt brauchen, um die Ukraine zu verteidigen.

tagesschau.de: Merkel hat gerade den Angriff Russlands auf die Ukraine als “tiefe Zäsur” bezeichnet – hat Putin Sie als Kenner dieses Schrittes ebenso überrascht wie hochrangige Politiker?

Schwarzer: Ich war nicht sonderlich überrascht: Ich habe die Berichte von etwa 120.000 russischen Soldaten, die an der Ostgrenze der Ukraine stationiert sind und Feldlazarette eingerichtet haben, sehr ernst genommen, einschließlich der Lieferung von Beuteln mit frischem Blut, da Putin bereits seine Vision von einem annektierten Großrussland verfolgte Krim im Jahr 2014 und im Sommer 2021 weiter ausformuliert. Und dazu gehören explizit ehemalige Sowjetrepubliken wie die Ukraine.

Es gab die Worst-Case-Szenarien

tagesschau.de: Wurde die Bundesregierung unter Merkel und ihr langjähriger Außenminister Steinmeier nicht von Experten vor solchen Worst-Case-Szenarien gewarnt?

Schwarzer: Seit 2008 – dem Krieg, den Russland gegen Georgien führt – wird immer wieder darüber diskutiert, was Putin will und zu welchen Schritten er bereit ist. Und spätestens nach der Krim-Annexion und dem Kriegsbeginn in der Ostukraine 2014 liegen die Worst-Case-Szenarien auf dem Tisch. Zumal Putin im vergangenen Sommer seine imperialistische Vision eines Großrusslands als Text veröffentlichte – und der Ukraine wiederholt das Existenzrecht als eigenständiger Staat abgesprochen hat.

tagesschau.de: Berlin hat aber offenbar nicht mit einem solchen Schritt von Putin gerechnet. Merkel hat sogar die umstrittene Ostseepipeline Nord Stream II bis zum Ende unterstützt.

Schwarzer: Die Merkel-Regierung hat diese Szenarien sowie den Rat vieler russischer Experten berücksichtigt. Zum Beispiel, wie Putin seine Rhetorik zur Expansion Russlands weiterentwickelte. Aber das Risikoverständnis in der Politik war ein deutlich anderes. Es wurde angenommen, dass die wirtschaftliche Verflechtung und der Kauf fossiler Brennstoffe Russland daran hindern könnten. Ein solch brutaler Angriffskrieg war für viele auch unvorstellbar, denn Russlands Preis ist sehr hoch. Aber Putins Rationalität ist einfach eine andere.

tagesschau.de: Bundespräsident Steinmeier hat kürzlich in seiner Amtszeit als Außenminister Fehleinschätzungen eingeräumt. Wäre das nicht auch für Merkel angebracht?

Schwarzer: Das ist Ihre persönliche Entscheidung. Ich denke, es ist wichtiger, aus diesen Fehlern zu lernen und die Lehren in anderen Bereichen der Außenpolitik anzuwenden. Dies geschieht bereits. Schon jetzt werden politische Schlüsse aus der Situation gezogen: zum Beispiel, dass es für Deutschland und Europa schwierig ist, Energieembargos zu verhängen, und gleichzeitig die Sorge um die Aussetzung russischer Lieferungen besteht. Schon jetzt wird die Interdependenz zwischen China und Europa unterschiedlich behandelt. Analysen dieser Abhängigkeiten – insbesondere wenn es um einen autoritären Staat geht – und Worst-Case-Szenarien werden heute viel ernster genommen.

Lehren aus Putins Verhalten

tagesschau.de: Was bedeutet das?

Schwarzer: Es geht nicht darum, uns wirtschaftlich abzuschotten. Allerdings müssen wir unsere Risiken kennen und diversifizieren – gerade in einer Welt der wirtschaftlichen Offenheit. Dies ist notwendig, damit wir im Falle einer Konfrontation die politische Möglichkeit haben, zu manövrieren und unsere Kosten zu senken.

tagesschau.de: Was sollte Bundeskanzler Olaf Scholz aus den geopolitischen Fehlern der Vergangenheit lernen?

Schwarzer: Er hat in seiner Rede vor dem Bundestag am 27. Februar bereits sehr deutliche Schlüsse zur deutschen Russlandpolitik gezogen. Zuerst die Nachricht, dass …