Von einer Modernisierung der Oper wird viel geredet, und mit dem neuen Bayreuther „Ring“ dürfte dies radikale Realität werden. Der österreichische Regisseur Valentin Schwartz holt das Werk in die Gegenwart, die gezeigte Familiengeschichte beinhaltet auch eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Für Richard Wagner sind die skandinavischen Mythen immer noch die Verkleidung, in die er die Probleme seiner Zeit hüllt: „Rheingold“ ist vor allem ein Stück über die Industrialisierung und den Siegeszug des Kapitalismus, den Wagner – um es etwas pathetisch auszudrücken – die Möglichkeit, sich Menschlichkeit und Liebe entgegenzustellen. Mit Valentin Schwartz ist Wotan jedoch nicht mehr der kapitalistische Patriarch des 19. Jahrhunderts, sondern sein modernes, vom Materialismus bereits völlig korrumpiertes Gegenstück: der Chef eines Clans, in dem ein Mann zu fast allem bereit ist, um die Macht zu erhalten. Der triumphale Einzug der Götter in Walhalla am Ende des Werkes ist nicht nur, wie sonst üblich, von düsteren Vorahnungen überschattet. In den letzten zweieinhalb Stunden hatten diese Charaktere jegliches Mitgefühl verloren. Diese Götter brechen nicht nur Verträge, sondern haben fast kein Problem mit Entführungen und Kinderhandel, Mord und Totschlag werden ebenfalls akzeptiert. Es ist alles nur ein Teil des Spiels. Am Ende des nach frischem Geld stinkenden Wohnzimmers in der schicken Millionärsvilla (Szene: Andrea Cozzi) steht zwar noch eine gut gefüllte Bücherwand und am Ende eine Wagner-Plakette, doch all das ist längst bedeutungslos und heruntergekommen Artefakte einer Person, die ihre moralische Bourgeoisie verloren hat.
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