Germany

Die Möglichkeit eines schnellen Shutdowns sieht der Tiwag-Chef nicht

6. Juni 2022

© APA / APA / THEMENBILD / HARALD SCHNEIDER

Erich Entstrasser, Geschäftsführer des Tiroler Energieversorgers Tiwag, sieht die aktuellen Energiewendeziele in Österreich und Europa kritisch. „Zu sagen ‚Morgen ohne Benzin‘ wird nicht funktionieren. Das hätte enorme Konsequenzen, die wir jetzt schon sehen“, sagte Entstrasser im Gespräch mit der APA. Auch allein auf Photovoltaik und Windenergie zu setzen, reicht nicht aus, denn dann wäre es zeitweise „ziemlich kalt“.

Dieses Wissen „ist in Fachkreisen schon lange präsent“, betonte der Geschäftsführer der Tiwag. “Es wäre gut, wenn die Politik Expertenmeinungen in ihre Entscheidungen einbeziehen würde”, warnte Entstrasser. Statt „selektiver, ideologieorientierter Lösungen“ und der Verfolgung „partieller Einzelinteressen“ brauche es eine „gemeinsame Sicht auf das Energiesystem“ und einen guten „Mix“. Die Energiewende soll nicht rückgängig gemacht, sondern überarbeitet werden. CO2-betriebene Energieträger müssen zunehmend der Vergangenheit angehören, müssen aber mit „akzeptablen Zeithorizonten“ für die Umstellung versehen werden.

In zehn Jahren werde es noch Gas geben – “viel weniger als heute, aber immerhin”. Zudem brauche es eine sichere Grundlasterzeugung, so der Tiwag-Chef. Das zeigt zum Beispiel die Entwicklung in Deutschland. Dort werden bereits Anstrengungen unternommen, Kohle- und Gaskraftwerke ans Netz zu bringen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. „Nur Photovoltaik und Wind werden nicht funktionieren. Es werden Pipelines und Speichersysteme benötigt, wie zum Beispiel Pumpspeicherkraftwerke. Wesentliche Energie für Speicher und Grundlast kommt nicht aus der Photovoltaik, sondern aus anderen Kraftwerkstypen. Neben der instabilen Erzeugung von Wind- und Photovoltaikenergie werden weitere Kraftwerke benötigt, die bei jedem Wetter kontinuierlich und sicher produzieren. Und die in der Lage sind, den Überschuss der Energieerzeugung, die Wind und Photovoltaik liefern, zu speichern, wenn sie nicht genutzt werden“, sagte Entstrasser. Nicht „entweder / oder“, sondern „beides“ entscheidet letztlich über den Erfolg der Energiewende.

Bis 2030 sollen nach Ansicht des Tiwag-Chefs weitere elf Terawattstunden zur Erreichung der nationalen Klima- und Energieziele im Stromsektor aus der Photovoltaik kommen, weitere zehn aus Windkraft seien „unerreichbar“. Das entspricht dem Äquivalent von mindestens zehn großen Donaukraftwerken. „Allein mit Wind und Photovoltaik werden die derzeit geplanten Ausbauziele keine sichere Energieversorgung garantieren“, so Entstrasser abschließend.

Entstrasser hat nicht damit gerechnet, dass das Gas aus Russland infolge des Krieges in der Ukraine knapp, begrenzt oder abgeschnitten wird, Gott sei Dank, im Moment sieht es nicht so aus. Im schlimmsten Fall sind im nächsten Winter nicht „geschützte Kunden“ (Haushalte, Krankenhäuser etc.) betroffen – denn hinter ihnen stehen neu geschaffene strategische Gasreserven und Energiesteuerung durch die Politik –, sondern große Unternehmen, d.h. Industrie: “Aber das hätte verheerende, oft unterschätzte Folgen durch Arbeitsplatzverluste, Wertschöpfung und Importquoten.” Beim Befüllen von Gasspeichern sieht der Tiwag-Chef Österreich auf dem richtigen Weg. Diese 80 bis 90 Prozent seien ein “ehrgeiziges Ziel, aber erreichbar”.

Für das kommende Jahr rechnet der Manager mit einem weiteren Anstieg der Energiepreise – in der Folge werde sich dies auch in der Indexbildung für Standardkunden widerspiegeln: „Es wird Steigerungen geben müssen.“ Natürlich hänge alles vom Börsengeschehen ab und ob die Trennung von Strom- und Gaspreis geschlossen ist. Auf jeden Fall hat die Tiwag trotz der Erhöhungen immer noch den “niedrigsten Strompreis” unter den nationalen Unternehmen. Die Gesamtstromrechnung für Standardkunden für 2022 ist aufgrund der Entlastungsmaßnahmen der Politik sogar rund 100 Euro günstiger als im Vorjahr.

Die Tiwag-Bilanz für 2021 wird erst nach dem Beschluss der Generalversammlung Ende Juni veröffentlicht, aber Entstrasser hat bereits erste Informationen geliefert. Das operative Ergebnis des Konzerns liegt rund neun Prozent unter dem des Vorjahres. Dies ist vor allem auf das schwierige Umfeld im Gassektor zurückzuführen. Ergebnis vor Steuern deutlich besser als 2020 – allerdings weniger aus dem operativen Geschäft als aus der Bewertung von Bilanzpositionen. Auch der Absatz sei gestiegen, das sei aber „logisch, wenn die Preise steigen“. “Von Rekordergebnissen sind wir meilenweit entfernt”, sagte er.

Beim Ausbau der Wasserkraft sieht Entstrasser alles auf Kurs: “Wir bauen jetzt so viel wie wahrscheinlich nie zuvor.” Er nannte eine Investition von 1,6 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren. Der teilweise heftig bekämpfte Ausbau des Kraftwerks Kaunertal ist unabdingbar, wenn Tirol – wie von der Politik angestrebt – bis 2050 wirklich energieautark sein und die Energiewende vorantreiben will.