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Die neue Protestbewegung steht “am Anfang”

Die Berliner AfD positioniert sich bereits. Erst Anfang Juli forderte die Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus, Christine Brinker, “direkte Hilfen bei den Kosten für Strom und Heizung” für die Bürger des Landes. Hohe Inflation trifft die Schwächsten in unserer Gesellschaft am härtesten.

Damals stöhnte die gesamte Republik unter einer Inflation von mehr als sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, und auch die Hauptstadt verharrte auf ähnlich hohem Niveau. Zusätzlich zu den bereits höheren Gasrechnungen verteuert die diese Woche von der Ampel beschlossene Gasgebühr die Energie für Millionen von Menschen noch mehr. Voraussichtlich ab Oktober können Gasunternehmen die gestiegenen Bezugspreise an alle Gasverbraucher weitergeben, Experten rechnen allein damit mit Mehrkosten von mehr als 1.000 Euro für eine vierköpfige Familie. Neue Strom- und Energiepreise sind nicht enthalten.

René Springer bläst am Freitag ins gleiche Horn wie Berlins früherer AfD-Spitzenkandidat. Der sozialpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion forderte “echte Entlastungen”, um die sozialen Folgen der Inflation abzufedern. Viele “Familien und Menschen mit mittlerem Einkommen” “können ihre laufenden Ausgaben nicht mehr bezahlen”. Stattdessen verteilt die Bundesregierung “alle möglichen Milliarden an Hilfsgeldern auf der ganzen Welt”. Springer argumentierte auch, dass „die Sozialkosten für ausländische Begünstigte weiter eskalieren werden“. Die rechtspopulistische AfD als neue Problempartei – für die Deutschen?

Bundesregierung befürchtet Ausschreitungen und „Volksaufstände“

Die Zeit ist nicht einfach. Deutschlands Wirtschaft muss noch reparieren, was mehr als zwei Jahre einer Pandemie sie aus dem Takt gebracht haben. Auch Russlands Angriffskrieg in der Ukraine heizt die Krise an. Aus einer Krise wurden viele Krisen. Die Lage ist ernst, für viele Menschen wird das Leben immer unsicherer.

Auch die Politik sieht diese Unsicherheiten. Bereits im Juni hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) öffentlich im ZDF gefragt, ob politische Maßnahmen angesichts der Preisexplosionen ausreichen würden, um den sozialen Frieden zu wahren. Er selbst sei sich “noch nicht ganz sicher”. Aber wer, wenn nicht der aktuelle Wirtschaftsminister, könnte das beantworten und sogar kontrollieren? Seine Parteifreundin Analena Berbok befürchtet sogar Volksaufstände als Reaktion auf den Gasmangel. Auch Kabinettskollegin und Innenministerin Nancy Feiser (SPD) rechnet mit radikalen Protesten.

Wie schlimm die eventuellen Proteste im Herbst ausfallen, hänge dagegen maßgeblich davon ab, inwieweit die Politik die Not vieler Menschen mit sozialverträglichen Lösungen kompensiere, sagte Pia Lamberti der Berliner Zeitung. Der Co-Direktor des Center for Monitoring, Analysis and Strategy (CeMAS) ist der Ansicht, dass eine demokratische Gesellschaft „eindeutig über die Mittel verfügt, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken und solidarischer auf Krisen zu reagieren“. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Energiekrise nicht wie bei den Corona-Protesten von Rechten angeeignet und instrumentalisiert wird.

Mögliche Protestthemen: Ukraine, Inflation, Energiekrise

Auch die Innenverwaltung des Berliner Senats teilt die Einschätzung von Bundesminister Feser. Auf Nachfrage sagte Senatssprecherin Sabine Beichler, neben der Pandemie könnten spätestens im Herbst auch andere Themen wie „Ukraine, Inflation, Energiekrise“ bei Protesten „insbesondere von Rechtsextremen und Bürgern“ angesprochen werden der Reichsszene.” .

Auf Nachfrage dieser Zeitung bestätigte auch das Bundesinnenministerium, dass „Kreise, die die Corona-Proteste bereits geprägt haben, nach neuen Themen mit Protestpotenzial suchen“. Obwohl die Energiekrise ein Thema ist, kann noch nicht festgestellt werden, dass sie zu einem zentralen Mobilisierungsthema wird. Gleichzeitig blickt man auch hier mit Sorge auf die kommenden Wochen. „Abhängig von der Entwicklung der Energieversorgungslage und den gesellschaftlichen Folgen gestiegener Kosten ist eine Entwicklung in einem mit den Corona-Protesten vergleichbaren Ausmaß möglich“, sagte ein Ministeriumssprecher der Berliner Zeitung.

Bei den Corona-Protesten und sogenannten Walks gab es laut einer repräsentativen Umfrage ein Protestpotenzial zwischen zehn und 15 Prozent. Oder anders formuliert: Auf dem Höhepunkt der Pandemie-Maßnahmen könnte sich etwa jeder Zehnte in Deutschland vorstellen, auf die Straße zu gehen. Aktuelle Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Insa zeigen deutlich, dass die Energieproblematik noch mehr Menschen zum Protest verleiten könnte. Demnach kann sich fast jeder Zweite in Deutschland eine Demonstration gegen überhöhte Energiepreise vorstellen. Vor allem die AfD-Wähler sehen Proteste als notwendig an, 72 Prozent werden “sicher oder sehr wahrscheinlich an Demonstrationen gegen hohe Energiepreise teilnehmen”.

Experte: „Das konspirativ-ideologische Umfeld steht in den Startlöchern“

Sind die Sicherheitsbehörden auf ein solches Ausmaß ausreichend vorbereitet? Fragen an die Berliner Polizei blieben bis Freitagnachmittag unbeantwortet, doch Personalbedarf nicht nur in der Pressestelle. Während am letzten Juliwochenende in der Hauptstadt mehrere Demonstrationen zum Thema Querdenken stattfanden, stehen am Montag zum zweiten Mal bundesweite Versammlungen des Spektrums der Verschwörungsideologie in Berlin an. Wahrscheinlich der erste Stresstest des Herbstes.

In Österreich versuchte es die Bundeswehr im Juli nur mit einer Art „Patch-off“, in Deutschland darf die Bundeswehr nur in extremen Notsituationen intern eingesetzt werden. Die Homeland Security Regiments werden dann unter anderem als eine Art Bindeglied zwischen Gesellschaft und Militär zuständig sein. Bei Versorgungsunterbrechungen schützen Reservisten besonders kritische Infrastrukturen, unter anderem im Energie-, Verkehrs- und Gesundheitssektor. Ob die Sicherheitskräfte in diesem Land Krawallszenarien testen, lässt sich auch nach verstärkter Suche nicht feststellen. Es wird argumentiert, dass man nicht über theoretische Anwendungsszenarien spekulieren sollte.

Auch Pia Lamberti sieht eine besondere Gefahr von rechts: „Das rechtsextreme und verschwörungsideologische Umfeld steht am Anfang“, sagte sie der Berliner Zeitung. Die Energiekrise wird als Mobilisierungsgrund für ihre eigene Agenda genutzt. Rechtsextremisten Freisachsen rufen bereits zu einer “Energieprotestwelle” im Freistaat auf. Auch in den berühmten Bühnenportalen ist nicht der Angriffskrieg Russlands für die Krise verantwortlich, sondern die Bundesregierung, die grüne „Öko-Lobby“, die bekannten „Altparteien“.

Krisenkommunikation ja, Lösungen fehlen

Auf der anderen Seite fehlt es an einer breiten Mobilisierung auf der Linken, obwohl explodierende Preise und steigende Armut eigentlich klassische linke Probleme sein mögen. Wie bei den Corona-Protesten müsse man aufpassen, sagt Lamberti, dass eine rechte Bewegung nicht gerade diese Lücken bedient und mittelfristig auch füllen wird. Übernahme der Sorgen und Bedürfnisse von “Familien und Menschen mit mittlerem Einkommen”.

Doch aus Berlin und den Ministerien hört man vor allem Schreckensszenarien aus den Sommerferien. Es gibt keine Lösungen. Höhere Grundsicherungsbeiträge lehnt die FDP ab, ein Nachfolgeprojekt zum beliebten 9-Euro-Ticket gibt es nicht. Die Grünen versprechen Benzinsteuererleichterungen, bevor die Menschen unter die Armutsgrenze fallen. Aber sie verraten nicht, wer sie sein sollen.

Erst nach den Sommerferien wollen Gewerkschaften, Politik und Wirtschaftsverbände über weitere Hilfspakete beraten. Und die Kanzlerin? Er verspricht nur: „You will never walk alone“ – niemand wird alleine gehen.

Vielleicht wird dies im Herbst mit neuen “Spaziergängen” sogar wahr.