18.07.2022 12:00 (akt. 18.07.2022 12:00)
Inflation trifft armutsgefährdete Menschen besonders hart ©APA/dpa
Am Montag richteten Caritas, Diakonie und Volkshilfe einen dramatischen Appell an die Bundesregierung, den Auswirkungen der Inflation auf besonders armutsgefährdete Personen und Familien entgegenzuwirken. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz wurde betont, Inflation sei kein Urlaub. Alle drei Hilfsorganisationen meldeten einen enormen Anstieg an Hilfesuchenden.
Grund dafür sei die stärkste Inflation seit 40 Jahren, betonte Caritas-Generalsekretärin Ana Parr: „Und wir gehen davon aus, dass sie dramatisch zunehmen wird.“ Die Preiserhöhung traf vor allem arme Menschen mit “voller Wucht”, verwies Parr auf den sogenannten Mini-Einkaufskorb, der mit 15,4 Prozent noch teurer sei. Viele müssen schon genau kalkulieren, ob am Ende des Monats ein Kilogramm Brot ausgeht. Viele Menschen hätten die Caritas zum ersten Mal um Hilfe gebeten, sagt Parr: „Nicht nur armutsgefährdete Menschen, sondern auch viele Menschen im unteren Drittel der Einkommensgruppe, die nicht mehr über die Runden kommen.“ Besonders betroffen seien Alleinerziehende … und Familien mit mehr Kindern. „Wir stoßen langsam an unsere Grenzen“, sagte Parr. In Wien wurde beispielsweise ein vorübergehender Lebensmittelkostenstopp verhängt und sie mussten auf kleinere Lebensmittelpakete umsteigen. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem.
Ähnliche Erfahrungen macht die Diakonie: „Die wichtigsten Bedarfe betreffen alle Bereiche“, betont Diakonie-Geschäftsführerin Maria Katarina Moser. Auch Babynahrung für Mütter, die nicht stillen können, wird zu einem immer größeren Problem. Und die Eltern würden schon nach Schulmaterial für den Herbst fragen. „Familien geht früher im Monat das Geld aus.“ Moser weist auch auf einen „Teufelskreis“ aus finanzieller Not, Bildungsmängeln und Entwicklungsverzögerungen oder schlechter Gesundheit hin. Armut und Bildung werden miteinander verflochten. Dieses Problem wird nun durch die Inflation verstärkt. Der Lebensstandard armutsgefährdeter Menschen ist schlechter und Krankheiten nehmen mit niedrigem Sozialstatus zu.
Kinder und Jugendliche sollen jetzt Urlaub machen und das Leben genießen, so Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger. Stattdessen sind viele Kinder belastet und besorgt, weil sie wissen, dass das Geld für ihre Familien nicht ausreicht. „Die Preiserhöhung ist für viele lebensbedrohlich. In einer österreichweiten Umfrage der Volkshilfe unter mehr als 550 Sozialarbeitern im Juni und Juli gaben fast drei Viertel der Befragten an, dass die Inflation einen großen Einfluss auf die Planung armutsbetroffener Kinder und Jugendlicher hat. Eine finanzielle Grundsicherung für Kinder ist dringend notwendig.
Hilfsorganisationen fordern einen “gezielten Anti-Inflations-Zuschlag” und “Schluss mit der Gießkanne”, wie es Caritas-Generalsekretär Parr formulierte. Die Anti-Inflations-Zulage soll den ärmsten Haushalten zugute kommen – Sozialhilfeempfängern ebenso wie Arbeitnehmern mit niedrigem Einkommen. Die rechtliche Grundlage dafür soll die türkis-grüne Bundesregierung im Sommer schaffen.
Parr forderte auch „erzwungene Strom- und Gasausfälle im Winter“ und die Anhebung der Sozialversicherung auf ein „armutssicheres Niveau“. Die angekündigte Aufwertung der Sozialleistungen ab dem kommenden Jahr wird begrüßt. Dazu sollten aber auch Nothilfe und Arbeitslosengeld gehören. Zudem muss der Wertverlust der letzten Jahre entsprechend ausgeglichen werden, beispielsweise bei Familienzulagen. Auch bei der derzeit diskutierten Strompreisdeckelung sei etwas zu holen, so Fenninger.
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