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Energiekrise: “Wenn das Kohlekraftwerk weiterlaufen muss, soll es so sein”

Wie ist die Luft in Herne? „So ziemlich überall“, sagt Dennis Herter. Sie wohnt im Stadtteil Crange, die Blöcke der Steag-Kraftwerke am Rhein-Hern-Kanal im Ruhrgebiet prägen das Bild der Siedlung, in der Herter lebt. „Hier ist es grün, ein neuer Sportplatz wird gebaut. Kraftwerke stören mich nicht.”

Anfang des Jahres ging in Herne ein neues Gaskraftwerk in Betrieb. Vor einigen Monaten war das noch die Technologie der Zukunft. Auch der Betreiber, das Essener Energieunternehmen Steag, wollte das alte Kohlekraftwerk Herne 4 in ein Gaskraftwerk umbauen. Dies muss ein Mustersystem sein. Zuerst kommt nichts heraus.

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Bereits im März hatte Steag beschlossen, das alte Kohlekraftwerk weiter zu befeuern. Für Denise Herter kein Problem: „Was wir jetzt vor allem brauchen, ist Versorgungssicherheit. Wenn das Kohlekraftwerk weiterlaufen muss, damit wir genügend Strom haben, sei es so.”

Dagmar Schreiber teilt diese Meinung. Sie wohnt ein paar Straßen weiter in einem efeubewachsenen Haus. Der Garten grenzt an das Kraftwerksgelände, dessen Kühltürme hoch in den Himmel ragen: „Gas ist knapp und teuer, das sehe ich schon an meiner Gasrechnung, die immer höher wird.“ Das stört sie nicht, oder wenn das Kohlekraftwerk weiter arbeitet.

Herne: Der 130 m hohe Kühlturm des Steinkohlekraftwerks Steag

Quelle: picture alliance / Jochen Tack

Die lange Verbundenheit Nordrhein-Westfalens mit der Kohle war eigentlich schon zu Ende: Ende 2018 wurde im Bottroper Bergwerk Prosper Haniel die letzte Tonne Anthrazit abgebaut. Ab 2030 darf im Rheinrevier zwischen Aachen, Düsseldorf und Köln keine Braunkohle mehr gefördert werden.

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Im selben Jahr sollen nach dem Willen des NRW-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU) auch Stein- und Braunkohlekraftwerke abgeschaltet werden. Die Kohlehalden sollten größtenteils durch Gaskraftwerke ersetzt werden, obwohl unklar war, wer sie bauen würde.

Auch die neue schwarz-grüne Koalition in Düsseldorf hält am Kohleausstieg bis 2030 als erstrebenswertes Ziel fest. Allerdings wird in NRW vorerst wieder Kohle eingesetzt.

„RWE steht hinter dem Kohleausstieg“

Neben Herne betreibt Steag zwei weitere Steinkohlekraftwerke in Duisburg-Walsum und Bergkamen. Zusammen haben sie eine Leistung von fast zwei Megawatt. Kohle aus dem Ausland sei heute ausreichend vorhanden, sagte ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage. Zumindest vorerst: „Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich die Situation sowohl in der Binnenschifffahrt als auch im Schienenverkehr entwickelt.“

In Nordrhein-Westfalen hat Steag keine stillgelegten Kraftwerke in Reserve, die in den kommenden Monaten ebenfalls ans Netz gehen könnten. Anders sieht es im Saarland aus: Dort verfügt das Unternehmen mit den Kraftwerken in Weicher und Bexbach über zwei Anlagen, die ab Herbst wieder Strom liefern können. Zusammen haben sie eine Kapazität von knapp 1.400 Megawatt.

Lützerath in Nordrhein-Westfalen

Aktivisten gegen Kohlebergbau

In Marl am nördlichen Rand des Ruhrgebiets wird der Essener Spezialchemie-Konzern Evonik auf Wunsch der Bundesregierung sein altes Steinkohlekraftwerk in seinem Industriepark wieder anfahren. Es wird zunächst zwei moderne Gaskraftwerke ersetzen, die Evonik gebaut hat, um seinen CO2-Fußabdruck zu reduzieren.

Der RWE-Konzern betreibt in NRW keine Kohlekraftwerke mehr. Die restlichen Schornsteine ​​des Energieriesen in Essen werden mit Braunkohle betrieben, die er in drei eigenen Tagebauen im Rheinland mit leistungsstarken Baggern abbaut. Dies führte unter anderem zu Problemen mit Autonomen und Umweltschützern, die den von Abholzung bedrohten Hambacher Forst besetzten und Kämpfe mit der Polizei lieferten.

Die Braunkohlekonverter von RWE im Rheingebiet sind Großanlagen: Die vier Blöcke im Kraftwerk Neurath liefern 3.200 Megawatt, die zwei Blöcke in Niederaußem 1.600 Megawatt und die drei Blöcke in Weisweiler bei Aachen liefern 1.500 Megawatt. Ab Oktober kommen zwei 600-Megawatt-Einheiten in Niederaußem und eine 300-Megawatt-Einheit in Neurath hinzu. Sie waren die letzten in der sogenannten Sicherheitsbereitschaft. Damit das Land den Winter übersteht, müssen sie jetzt neu anfangen.

Die EU darf ab sofort keine russische Kohle mehr kaufen

Ab sofort dürfen EU-Staaten keine Kohle mehr aus Russland importieren. Ab sofort endet die Übergangsfrist für das Kohleembargo gegen Russland, das die EU-Staaten im April im Rahmen des fünften Sanktionspakets beschlossen haben.

An eine langfristige Kohle-Renaissance glauben die Essener allerdings nicht. „RWE steht hinter dem Kohleausstieg“, sagte RWE auf Anfrage von WELT AM SONNTAG. „Wenn Kraftwerke vorübergehend zurückfahren müssen, um Gas in der Stromerzeugung einzusparen, ist das kein Zurück, sondern höchstens ein zeitlich begrenzter Schritt zur Seite.“

Das 1999 von mehr als 100 kommunalen Unternehmen gegründete Energieunternehmen Trianel mit Sitz in Aachen verfügt in NRW über ein einziges Steinkohlekraftwerk. Der Steinkohleofen in Lünen ging 2013 trotz heftiger Proteste und Beschwerden von Umweltverbänden in Betrieb. 2019 besetzte das Bündnis „deCOALonize“ das Kraftwerk und forderte dessen sofortige Abschaltung – vergeblich. Heute liefert Lünen 750 Megawatt Strom und hat laut Trianel einen Kohlevorrat für 40 Tage.

Uniper-Probleme

Unweit von Lünen liegt die bekannteste Kohlehalde Deutschlands: Datteln IV. Das Kraftwerk, das 2020 in Betrieb ging, hat eine Leistung von 1.100 Megawatt. Mit der aufgrund von Protesten, Klagen und technischen Problemen auf 13 Jahre verlängerten Bauzeit stellte es einen europäischen Rekord auf. Die Anlage gehört Uniper.

Wohnbebauung vor dem Kohlekraftwerk Datteln IV

Quelle: pa/perspektive/S/S. eine Ziege

Der Düsseldorfer Konzern ist krank: Der Staat musste Uniper mit 15 Milliarden Euro vor der Pleite retten. Eine Menge Geld, das er teilweise von den Benutzern durch Ausschüttungen zurückgeben wird. Uniper strauchelte nicht wegen Kohlekraftwerken: Nachdem Russland weniger Gas lieferte, mussten die Düsseldorfer es für ihre Kunden auf dem freien Markt einkaufen. Zu höheren Preisen als kalkuliert.

In Nordrhein-Westfalen besitzt Uniper neben Datteln auch Kraftwerke in Heyden und Gelsenkirchen-Scholven. Anfang der 1970er Jahre war das Werk Scholven mit 3.406 Megawatt eines der leistungsstärksten deutschen Kraftwerke. Der 302 Meter hohe Schornstein und die fünf mächtigen Kühltürme prägen das nördliche Ruhrgebiet. Heute liefert der verbleibende Block nur noch 760 Megawatt.

Ob es wie geplant offline gehen wird, bleibt abzuwarten. Die lokale Presse spekulierte über die Fortsetzung seiner Tätigkeit. Uniper ließ eine Anfrage von WELT AM SONNTAG unbeantwortet.

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