Stand: 12.06.2022 13:45
Mit Hilfe von Wasserstoff muss die Energiewende schneller gelingen. Viele Regionen wollen sich engagieren – vor allem in den Kohleregionen. Doch sind die Erwartungen gerechtfertigt? Ein Blick auf das Beispiel Brandenburg.
Von Jacqueline Pewon, rbb
Die Bundesregierung bezeichnet es als „einen zentralen Baustein der Energiewende“. Und auch wer sonst über Wasserstoff spricht, kommt um die Worte Hoffnung, Potenzial und Zukunft meist nicht herum. Die Wasserstoffdebatte wird derzeit durch den Krieg in der Ukraine und seine Folgen beflügelt. Denn Wasserstoff könnte ein weiterer Schritt in Richtung größerer Unabhängigkeit von (russischem) Gas sein.
Doch um die Energieversorgung nachhaltig umzugestalten, braucht es „grünen“ Wasserstoff. Das bedeutet, dass der zur Herstellung von Wasserstoff im Elektrolyseprozess verwendete Strom CO2-neutral sein muss, nur dann ist der Wasserstoff auch „grün“. Der größte Teil des Wasserstoffs wird jedoch immer noch aus Erdgas, Kohle oder Kernenergie hergestellt.
Pionierarbeit in der Uckermark
Jörg Müller gehörte zu denen, die das „Wundergas“ schon vor zehn Jahren auf dem Radar hatten. Er fuhr mit einem Wasserstoffauto über die Ebene des Landes Brandenburg. Seit 2011 steht in der Uckermark das weltweit erste Hybridkraftwerk seiner Firma Enertrag, die Wasserstoff aus überschüssiger Windenergie produziert.
Das Kraftwerk kann überschüssigen Strom zwischenspeichern und später wieder abgeben, wenn er wieder benötigt wird. Ein dichtes Netz an Wasserstofftankstellen mit Enertrag in der Region soll entstehen. Jörg Müller ist ein Pionier in Sachen Wasserstoff, viele andere wollen nachziehen.
Neues Kraftwerk für die Lausitz
In Südbrandenburg wird aus der kohledominierten Energieregion Lausitz eine Wasserstoffregion. Bis 2025 soll in unmittelbarer Nähe des Braunkohletagebaus Black Pump ein neues Wasserstoffkraftwerk entstehen. Projekt für 50 Millionen Euro.
Die erste Referenzanlage soll etwa 2.000 Quadratmeter groß sein. „Wir können uns vorstellen, zehn bis 50 solcher Kraftwerke zu bauen, die dann deutlich größer werden“, sagt Michael Rachemann, Geschäftsführer der Energiequelle GmbH. Andere Wasserstoffkraftwerke können bis zu 4.000 Quadratmeter groß sein. Dies könnte in den nächsten zehn Jahren geschehen.
Braunkohletagebau in der Lausitz – die Abhängigkeit der Region von fossilen Energien ist noch hoch. Bild: dpa
Die Lausitz ist seit 2019 eine der neun vom Bundesverkehrsministerium geförderten „HyStarter-Regionen“ in Deutschland bei der Entwicklung des Wasserstoffkonzepts und der Bildung eines Teilnehmernetzwerks. Erklärtes Ziel der Lausitz ist es, auch in Zukunft eine Energieregion zu bleiben.
Cottbus will Wasserstoffbusse
Auch der öffentliche Nahverkehr in und um Cottbus fährt künftig mit Wasserstoff. Die erste Wasserstofftankstelle soll Ende 2022 in Betrieb gehen. Bis dahin mussten die ersten beiden Wasserstoffbusse vom Verkehrsunternehmen Cottbusverkehr in Betrieb genommen werden. Bis 2026 sollen neun Wasserstoffbusse in Cottbus und der Region fahren. „Das Ziel ist ganz klar, dass wir eines Tages komplett mit Wasserstoff fahren“, sagt Ralph Talmann, Geschäftsführer des Cottbusverkehrs.
Es gibt viele kleinere Pilotprojekte wie dieses. So wurde Mitte Mai in Berlin der erste Electra-freie Kanal gestartet. Das Upgrade dauerte zwei Jahre. Jetzt läuft die Langzeiterprobung des energieeffizienten und emissionsfreien Transports von Gütern.
Um solche Projekte zusammenzuführen und Synergien zu stärken, fördern die Wirtschaftsverwaltungen von Berlin und Brandenburg jetzt eine Online-Plattform, die möglichst viele Wasserstoffproduzenten und -verbraucher zusammenbringen soll. „Unser Markt ist wie eine Mischung aus Partnerbörsen und eBay-Anzeigen“, erklärt Oliver Arnhold, Geschäftsführer der Localiser RLI GmbH, die das Projekt umsetzt.
Erfahrung und junge Talente
Auch der wissenschaftliche Nachwuchs wird in Brandenburg ausgebildet. Die Technische Universität Brandenburg in Cottbus-Senftenberg (BTU) hat gemeinsam mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) die Reliable Hydrogen School gegründet. Hier müssen junge Wissenschaftler in der Entwicklung und Herstellung von Wasserstoff ausgebildet werden.
Ziel des deutschlandweit einzigartigen Kollegs ist es, angehende Führungskräfte aus Industrie, Forschung und öffentlicher Hand zu befähigen, den Auf- und Ausbau der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland aktiv mitzugestalten.
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