29. Juli 2022 um 13:32 Uhr
Gaszuschlag geplant: Haushalte könnten bald das Dreifache an Heizkosten zahlen
Die geplante Verteilung der hohen Gaspreise ab dem 1. Oktober wird zu weiteren Preissteigerungen für Gasverbraucher führen.
Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
Berlin Hohe Gaslieferpreise am Markt müssen künftig in Form einer Gebühr an die Kunden weitergegeben werden. Die Bundesregierung hält diesen Schritt für notwendig. Experten und Opposition warnen vor gesellschaftlichen Umbrüchen und wirtschaftlichen Existenzkämpfen.
Im Zuge der Rettung des angeschlagenen Gasimporteurs Uniper hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Gaskunden auf weitere Preiserhöhungen eingestellt. “You’ll never walk alone” – mit diesem griffigen Slogan beschrieb die Kanzlerin, was auf die Bürgerinnen und Bürger zukommen wird. Einerseits sagte er, dass der Staat seine Bürger nicht im Stich lassen werde und versprach neue Erleichterungen. Andererseits verpackte Scholz weitere Kostensteigerungen geschickt: Auf diesem schwierigen Weg sei niemand allein, es werde alle treffen.
Genau darauf müssen sich die Menschen einstellen. Die Methode der Wahl ist ein Kostensystem. Gasimporteure wie Uniper können künftig 90 Prozent der höheren Gasbezugskosten an die Gaskunden weitergeben. Rechtsgrundlage hierfür ist § 26 EnergieSiG. Der Unterschied zum viel diskutierten Paragrafen 24 besteht darin, dass nicht nur die Kunden des angeschlagenen Gasversorgers die Mehrkosten tragen müssen. Die Umlage nach Ziffer 26 gilt gleichermaßen für alle Gaslieferanten und deren Kunden, unabhängig von ihrem Lieferanten. Das zuständige Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) hat am Donnerstag die Ressortabstimmung zur Konkretisierung dieser sogenannten „ausgewogenen Preisanpassung“ nach Ziffer 26 eingeleitet. „Angesichts der angespannten Lage auf dem Gasmarkt ist diese Maßnahme notwendig, um die Gasversorgung aufrecht zu erhalten der kommende Winter. Ohne sie wären Gasversorgungsunternehmen in der gesamten Lieferkette gefährdet“, sagte das Ministerium.
Der Mechanismus soll am 1. Oktober in Kraft treten und bis zum 30. September 2024 befristet sein. Gasimporteure müssen die zusätzlichen Kosten bis Anfang Oktober selbst tragen. Wirtschaftsminister Robert Habek (Grüne) rechnet mit Kosten von mehreren hundert Euro pro Haushalt für die Verbraucher. Die Höhe des Beitrags steht noch nicht fest. Sie werde aber im Bereich von 1,5 bis 5 Cent pro Kilowattstunde liegen, sagte der Grünen-Politiker am Donnerstag. Bei einem durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden pro Jahr landet man im mittleren Hundert-Euro-Bereich. Die Höhe der Gebühr soll nach Angaben seines Ministeriums bis Mitte oder Ende August feststehen.
Anspruch auf einen finanziellen Ausgleich haben alle Energieversorger, die direkt von den Mehrkosten durch reduzierte Gaslieferungen betroffen sind. Die Mehrkosten werden “nach dem in der Verordnung festgelegten Verfahren ermittelt und von Wirtschaftsprüfern bescheinigt”, teilte das Ministerium mit.
Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzcher, rechnet mit einem drastischen Anstieg der Heizkosten für Gaskunden. „Bürger sollten sich auf mindestens eine Verdreifachung der Gasheizkosten einstellen“, sagte Fratzcher unserer Redaktion. „Die Übertragung der realen Kosten auf die Kunden muss mit einem dritten Entlastungspaket für Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen einhergehen – sonst würde diese Übertragung in eine soziale Katastrophe münden.“ Allerdings hält der Ökonom die Spritsteuer für „richtig und notwendig“. . Alle Unternehmen und auch die Bürger würden dringend benötigte Einsparungen vornehmen, wann immer dies möglich ist.
Aus dem Parlament gab es gemischte Reaktionen. Dietmar Barch, Fraktionsvorsitzender der Linken, kritisierte, dass die Rettungsaktion für Uniper weitgehend an die Verbraucher weitergegeben werde. „Das ist nicht hinnehmbar, führt ab Oktober zu horrenden Mehrkosten beim Gaspreis und zwingt Millionen Bürger und Unternehmen zum Kampf um die wirtschaftliche Existenz“, sagte Barch unserer Redaktion. Jegliche Hilfe und Unterstützung ist vage und die Regierung hat sie frühestens im Januar angekündigt. Dringend forderte der Linkspolitiker zudem ein drittes umfassendes Entlastungspaket und eine Deckelung der Gaspreise nach dem Vorbild anderer EU-Staaten.
FDP-Fraktionschef Christian Dürr verteidigte dagegen die Uniper-Rettungsaktion und den Gaszuschlag. „Es geht nicht darum, die Verluste eines Unternehmens auf die Gesellschaft abzuwälzen, sondern um die Versorgungssicherheit“, sagte Dürr unserer Redaktion. Viele Menschen würden einen kalten Winter fürchten. „Mit dieser Steuer verhindern wir den Kollaps des Gasmarktes“, sagte der FDP-Politiker.
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