Stand: 01.08.2022 13:21
Immer wieder melden Unternehmen Personalengpässe durch Massenkrankschreibungen – wegen Corona ist das oft der Grund. Doch Daten von Krankenkassen zeichnen ein anderes Bild.
Von Andre Cartshall, rbb
Vor zwei Wochen hatte die Lufthansa angekündigt, das Gepäck ihrer Passagiere nicht mehr verladen zu können. Sie haben einfach nicht genug Bodenpersonal, um alle Koffer zu verladen. Manches Gepäck musste sogar per Lkw angeliefert werden – mit entsprechenden Verzögerungen.
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Als Grund für den Einbruch gab Lufthansa den hohen Krankenstand des Bodenpersonals an: Bis zu 30 Prozent der Beschäftigten seien arbeitsunfähig erklärt worden. Und die Erkrankten wiederum seien „wegen Corona-Infektionen, aber auch wegen Überlastung“ erreicht worden. Seltsam: Die Corona- und Überlastungswelle betraf offenbar nur das Bodenpersonal. “Bei Cockpit- und Kabinenbesatzungen liegt die Rate deutlich niedriger im einstelligen Bereich.”
Lufthansa konnte sich auf Nachfrage den Unterschied nicht erklären und räumte ein: Sie wisse nicht, warum das Bodenpersonal krankgeschrieben sei. Schließlich passt die Krankheitsursache nicht in die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die der Arbeitgeber erhält. War es wirklich eine Corona-Welle, die ausgerechnet das Bodenpersonal betraf? Oder war es die Überarbeitung, die das Bodenpersonal immer wieder beklagt – und auch als Grund für ihren Warnstreik in der vergangenen Woche genannt hat?
Krankheitswelle jenseits von Corona
Was passiert eigentlich mit der vermeintlichen Corona-Welle, die in diesem Sommer ganze Unternehmen in Deutschland lahmzulegen droht? Krankenkassen veröffentlichen regelmäßig Zahlen, die zeigen, wie viele Menschen aus welchen Gründen krankgeschrieben sind: monatliche Krankenstandsstatistik.
Der Spitzenverband der Berufskrankenkassen, BKK-DV, hat festgestellt, dass tatsächlich eine Krankheitswelle über Deutschland hinwegfegt. Husten, laufende Nase, heisere Stimme: Auf den ersten Blick ähneln die Symptome Corona. Doch laut Statistik leidet die Bevölkerung Deutschlands vor allem an anderen Atemwegserkrankungen. Im Durchschnitt war jeder Versicherte in der BKK im Juni 0,3 Tage mit einer Atemwegserkrankung krankgeschrieben, was für die Jahreszeit aber sehr ungewöhnlich ist.
“Normale” Erkältungen – mitten im Sommer
Atemwegserkrankungen spielen im Mai und Juni normalerweise keine Rolle, sagt Dirk Rennert, der seit 2014 beim BKK-Spitzenverband die Statistik führt: „Auffallend ist, dass ‚normale Atemwegserkrankungen‘ so hoch sind.“ Das Problem liegt eher bei der Zahl der anderen Atemwegserkrankungen.“ Corona hingegen habe im Juni nur 0,06 Krankschreibungstage getroffen, also fünfmal weniger als „normale Erkältungen“. gleichen Umfang.
Es ist nicht einfach zu erklären, warum es derzeit so viele Atemwegserkrankungen gibt. Rennert glaubt nicht, dass es sich bei allen Fällen tatsächlich um unerkannte Corona-Fälle handelt, die einfach falsch diagnostiziert wurden. Dagegen sprechen einige Argumente: etwa, dass die Diagnosen von Ärzten gestellt werden, die bei Corona-Verdacht meist einen Test veranlassen. Außerdem soll das Phänomen schon vorher passiert sein – das ist aber nicht der Fall. Erst mit dem Sommer sei es gekommen: „Das erste Quartal macht sich in Sachen Atemwegserkrankungen nicht so stark bemerkbar – auch im Vergleich zu 2018 oder 2019 also. vor Corona”. Mit anderen Worten: Im Frühjahr lag der Krankenstand noch auf dem erwarteten Normalniveau. Warum also nicht jetzt?
Auch Rennert kann darauf keine einfache Antwort geben. Als Statistiker macht er nicht gerne Vermutungen, sieht aber mögliche Erklärungen im Auslaufen der Corona-Maßnahmen und einer Verhaltensänderung der Menschen: „Normalerweise gehe ich nur dann zum Arzt, wenn der psychische Druck sehr hoch ist. Ab Corona gehen Menschen mit Husten und Schnupfen eher zum Arzt. Auch wenn es nicht Corona ist, sondern eine andere Atemwegserkrankung. Dann wird es eher erkannt.”
„Erholen“ sich Krankheiten?
Medizinstatistiker Gerd Anthes vermutet einen anderen Effekt: Nach zwei Jahren Vorsicht verhalten sich Menschen anders. Auch Maßnahmen wie die Maskenpflicht fielen weitgehend weg – und verhinderten damit nicht nur Corona-Infektionen, sondern auch genau jene “Atemwegserkrankungen”, die sich jetzt ausbreiten.
Die hohen Zahlen aus der Hospitalisierungsstatistik hält er für glaubwürdig: „Der Effekt ist sehr groß. Eine naheliegende Erklärung ist, dass wir im Winter bei allen anderen Atemwegserkrankungen Masken eingesetzt haben, um Infektionen vorzubeugen. Das wäre ein klassischer Nachholeffekt.“ ”
Als Beleg führt er an, dass die Zahl der Grippeinfektionen seit dem Frühjahr 2020 extrem niedrig sei. Daher habe die Bevölkerung kaum Immunisierungen gegen Grippe und andere Infektionskrankheiten aufbauen können. Dies führt zu der großen Zahl „anderer“ Atemwegserkrankungen. Eine Corona-Welle sieht er in diesem Sommer aber nicht: „Politik, Medien und Wissenschaft zeichnen ein auf Corona fokussiertes Bild der Lage. Es verzerrt die Realität.“
In der Realität der Gesundheitsstatistik kommen andere Atemwegserkrankungen deutlich häufiger vor als Corona. Und natürlich können auch andere Erkrankungen Abläufe in deutschen Unternehmen stören. Vor zwei Wochen musste die S-Bahn Berlin den Gleisersatzverkehr für zwei Linien komplett streichen. Wörtlich heißt es in der Meldung: „Wegen vermehrter Krankenstände bei den dem Ersatzverkehr zugeordneten Busunternehmen fahren die Linien S46X und S8X nicht.“ Das Wort “Corona” taucht in dem Bericht nicht auf.
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