Es sind keine 20 Kilometer, aber es ist eine ganz andere Welt: Fährt man von der malerischen Mozartstadt Salzburg nach Süden, erreicht man bei Kaltenhausen ein schattiges Plätzchen, zwischen Felsklippen, mit hoher Industriedichte. Obwohl die Festspielstadt seit genau dreißig Jahren kulturell mit der Pernerinsel verbunden ist und das Keltenmuseum mit erstklassigen Ausstellungen Touristen anlockt, ist Hallein noch ein weitgehend unentdecktes Umland.
Hier entwickelte sich unter schwierigen Bedingungen eine starke skulpturale Bewegung – wie in diesem Sommer unter anderem in den Gebäuden der alten Saline in einer mehrteiligen Ausstellung zu sehen ist.
Lange Zeit galt die Stadt als Schmuddelkind des Salzburger Landes. Hier die stinkreichen Fürsterzbischöfe im barocken Wunderland, dort die Halleiner Salzarbeiter, die mit ihrer schmutzigen Knochenarbeit den Wohlstand Salzburgs überhaupt erst ermöglichten. Später dann der wirtschaftliche Aufschwung mit der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert – mit großen sozialen Unterschieden. Lange Zeit betrachteten die Salzburger kommunistische Kräfte unter den Industriearbeitern als politische Bedrohung, und von 1945 bis 1946 hatte Hallein einen kommunistischen Bürgermeister.
Notiz:
„151 Jahre Bildhauerstadt Hallein“ läuft noch bis zum 25. August. um zu sehen. Dienstag-Sonntag von 13:00 bis 19:00 Uhr in Ausstellungshäusern wie Alte Saline, Ziegelstadel, Keltenmuseum, HTL Hallein, Kunstraum pro arte, Galerie Schloss Wiespach.
Aus der Not Kunst machen
„Die Ärmsten der Armen geschnitzt“, sagt der Direktor der HTL Hallein, Johann Gucci, im Gespräch mit dem Autor und vermutet, dass die Skulptur in der Bevölkerung lange nicht hoch geschätzt wurde. Traditionell ein Nebenerwerb für Bergleute und Salinen, wurde die Holzschnitzerei zum Überlebenshandwerk und zur Beschäftigungstherapie in Krisenzeiten für Kinder, deren Eltern in der Saline oder später im Papier- und Tabakladen arbeiteten. Halleins Holzspielzeug war begehrt und wurde in ganz Europa verschifft. Am 1. Januar 1871 wurde die Holzbildhauerschule in Hallein gegründet, die erste Berufsschule der österreichisch-ungarischen Monarchie.
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Dies waren die Anfänge der Kunst- und Handwerksschulen. Nach dem Vorbild der Arts-and-Crafts-Bewegung in England entstanden europaweit Zentren zur Ausbildung von Handwerkern und Designern. In Teplitz entstand eine Keramikschule, im böhmischen Gablonz eine für Glas und Schmuck und in Hallein eine Fachschule für Holz- und Steinbearbeitung – zwei Steinbrüche liefern noch heute Adneter- und Untersberger Marmor.
Christlicher Expressionismus: Die Adlehart-Werkstatt
Eine Generation später kam Jakob Adlhart nach Hallein und prägte die Szene nachhaltig. Der in Bayern geborene und in Südtirol aufgewachsene Kunsthandwerker eröffnete 1908 die Halleiner Werkstätten für kirchliche und angewandte Kunst. Das Geschäft florierte, Aufträge für Krippenschnitzereien, Heiligenfiguren und Restaurierungen kamen nicht nur von der Salzburger Kirche, in der er tätig ist Forderung in der gesamten Monarchie. Ein berühmter Auftraggeber war Erzherzog Franz Ferdinand, Thronfolger, der den Meister nicht nur mit der Reparatur von Kirchen in Dalmatien beauftragte, sondern auch mittelalterliche Skulpturen schnitzte, die er nicht erwerben konnte. Die spätromanische Madonna im Gotikmuseum in Leogang entpuppt sich als perfekte Kopie aus dem Atelier Adlhart.
SF / Luigi Caputo Die berühmten Masken vor dem Festspielhaus beziehen sich eigentlich auf Hallein. Es wurde von Jacob Adlehart Jr. entworfen.
Dem Sohn gelingt der Anschluss an die zeitgenössische Kunst. Jacob Adlhart Jr. studierte in Wien bei Anton Hanak und arbeitete später bei Clemens Holzmeister. Künstler wie Max Domenig, der aus der Secession und der Wiener Secession nach Hallein kam, erweiterten den Horizont. Doch während die Wiener Künstler um Gustav Klimt „Ver Sacrum“, den „Heiligen Frühling“, mit viel Gold und Schmuck feierten, gingen die Halleiner ganz anders mit der Moderne um.
CS/ORF Alpiner Expressionismus: Die Werke von Max Domenig, ebenfalls ausgestellt in Hallein
In den 1920er Jahren, als Hallein kohlschwarz und geprägt war von Salzbergbau und Industrie, entstand an der Salzach der wilde Expressionismus. Grob in Holz geschnitzt, mit grober Schnitztechnik und bewusst gegen jegliche klassische Vorlieben werden Motive – noch meist religiöse – verarbeitet. 1925 entstand die Modeskulptur der Kreuzigung für das Stift St. Peter. Dieses imposante Schlüsselwerk des „Alpenexpressionismus“, das einen ganzen Raum einnimmt und dessen Intensität kaum zu beschreiben ist, hängt im Kollegium St. Benedikt”.
die Nachkriegszeit
Die Haleiner Sole war bis 1989 aktiv, als 2.500 Jahre Salzgewinnung endeten. Auf der Pernerinsel mitten in der Salzach stehen noch historische Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Das Gebäude der ehemaligen Saline wird seit 1992 als Spielstätte der Salzburger Festspiele genutzt. In den angrenzenden, ebenfalls denkmalgeschützten Sälen inszenierte ein Team um Gucci und Peter Tusuwaldner die Ausstellung „151 Jahre Bildhauer der Stadt von Hallein“.
CS/ ORF Einblick in die Tradition der HTL Hallein
In den kathedralenartigen Räumen der ehemaligen Salzfabrik können Besucher die weitere Entwicklung der Skulptur verfolgen. Wie Tusuwaldner in der Begleitpublikation zur Ausstellung erwähnt, blieben sowohl die Bildhauerschule als auch die Adlhart-Werkstätten von der nationalsozialistischen Kulturpolitik verschont. (Adlhart galt als „entartet“, das von ihm bei Holzmeister in Auftrag gegebene Relief für das Südportal des Salzburger Festspielhauses wurde von NSDAP-Kulturbeamten abgerissen und zerstört.)
Trotz der kirchlichen Klientel gibt es in der Nachkriegszeit einen deutlichen Bruch und eine Abkehr von christlichen Motiven. Als Lehrmeister einer neuen Künstlergeneration beteiligte sich Hans Bayer ebenso an dieser Neuorientierung wie Josef Zenzmeier, der von Oskar Kokoschka sowie seiner Arbeit in der Werkstatt von Giacomo Manzu beeinflusst war und sich zunehmend dem Bronzeguss zuwandte. Auch Wotrubas Lehrer und Schüler Bernhard Prahauser, der für Hallein in den 1960er und 1970er Jahren wichtig war, wird in den Hallen ebenso gewürdigt wie viele seiner Schüler, die später in Wien oder Linz studierten. Von Hallein bis zur Wotruba-Klasse. Ein weiterer berühmter Hallein war Werner Würtinger, ebenfalls ein Schüler von Votruba, der später Präsident der Secession wurde.
Skulptur heute
Im Ziegelstadl auf der anderen Seite der Salzach sieht man, wie unterschiedlich die Formensprache der Halleiner Alumni ist. Archaisch naturalistisch wirken die Steinmetzfiguren von Ferdinand Böhme. Lindenholz ist erneut das bevorzugte Material, aus dem der Kitzbüheler Oliver Gogle seine Figuren schnitzt: „Bacchus“ und „Raging Crowd“ versprühen heiteren Humor und gute Laune und bringen auch wieder Farbe in die Holzskulptur. Pongauer Ulli Zerzer arbeitet mit Ton und modelliert kraftvolle organische Kompositionen, die derzeit neben Sitzmöbeln von Fabian Fink auf Schloss Wiespach zu sehen sind.
Schloss Wiespach ist ein privater Ausstellungsraum. Der Halleiner Notar Klaus Spruzyna kaufte das baufällige historische Gebäude aus dem 15. Jahrhundert und betreibt seit 2015 in Kooperation mit der HTL Hallein einen Verein, der sowohl Galerien als auch Programme für Künstler organisiert. Der indische Bildhauer Debasish Bera war einer der ersten eingeladenen Künstler. Was er an der Mumbai School of Sculpture gelernt und in Hallein praktiziert hat, ist auf der Wiespach und vor der Salinenhalle auf der Pernerinsel zu sehen. Gleich neben dem Theatersaal stehen die markanten Holzfiguren, an denen die Besucher über den Salzachsteg zum Keltenmuseum vorbeikommen.
Gilbert und Georg
Das bringt uns zur letzten Station (oder ersten, je nachdem, wo Sie anfangen) der Skulpturenausstellung. Das Keltenmuseum lockt derzeit Besucher mit unerwarteten Namen: Gilbert und George, das legendäre Künstlerduo aus London, ist mit mehreren Werken zu Gast. Aber wie um alles in der Welt sind die seltsamen Briten in Halein gelandet?
CS/ ORF Gilbert und George haben gerade das Keltenmuseum besucht
Nun, Gilbert Prousch, die Südtiroler Hälfte von Living Sculpture, besuchte 1960 für ein Jahr die Technische Schule für Bildhauerei in Hallein, bevor er seine internationale Karriere startete.
Zum 150-jährigen Jubiläum (das sich wegen der Pandemie um ein Jahr verzögerte) stellten die Künstler (in Zusammenarbeit mit der Ropac Gallery) drei große Gemälde für das Keltenmuseum zur Verfügung. Und so treten Gilbert und George mit ihrem inbrünstig antireligiösen Credo „No Religion“ in Dialog mit den Salzbergwerksexponaten des Fürsterzbischofs im Keltenmuseum.
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