Stand: 23.06.2022 17:00
Der Fall des Kinderpsychiaters Winterhof nimmt eine neue Dimension an: Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt nun in einer “hohen dreistelligen Fallzahl” wegen möglicher schwerer Schäden durch seine Behandlung.
Von Nicole Rosenbach, WDR
Die Staatsanwaltschaft Bonn weitet offenbar ihre Ermittlungen im Fall Michael Winterhof aus. Nach Angaben des Bonner General-Anzeigers ermitteln Ermittler nun gegen eine große dreistellige Zahl von Betroffenen, die als Kinder und Jugendliche von einem Bonner Psychiater und Bestsellerautor behandelt und womöglich schwer verletzt wurden.
Die Stelle selbst bestätigte die Zahl der Anfragen nicht, sprach aber von einer „großen Zahl“ von Fällen. Bisher sprach die Staatsanwaltschaft stets von zweistelligen Fallzahlen. Sollte sich die Zahl bestätigen, zeigt sie das enorme Ausmaß des Falls Winterhoff, der seit mehr als drei Jahrzehnten Kinder und Jugendliche behandelt und nach eigenen Angaben zuletzt mit bis zu 30 Einrichtungen zusammengearbeitet hat.
Der starke Anstieg könnte laut Bonner General-Anzeiger auf den Mai-Anschlag zurückzuführen sein, als 100 Kriminalbeamte die ehemalige Winterhoff-Praxis in Bonn und 15 kooperierende Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen mit dem Arzt durchsuchten Bonn. Nach Angaben des WDR und der Süddeutschen Zeitung beschlagnahmten die Ermittler mehr als 2.000 Patientenakten.
Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn erklärt nun auf Nachfrage, dass die Akten noch ausgewertet werden. Andere ehemalige Winterhoff-Patienten oder ihre Erziehungsberechtigten melden sich jedoch bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Polizei in Bonn hat erfahren, dass die Bearbeitung der Meldeflut nur schwer fortgeführt werden kann.
Die ersten Meldungen gingen im vergangenen Herbst ein, nachdem WDR und SZ erstmals über die dubiosen Behandlungsmethoden eines berühmten Kinderpsychiaters berichtet hatten. Winterhoff stellte viele dieser betroffenen Diagnosen wie frühkindlicher Narzissmus und Eltern-Kind-Symbiose, die in keinem Lehrbuch zu finden waren, und verschrieb ihnen dann Medikamente.
Er verschreibt vielen Menschen das Neuroleptikum Pipamperon, oft in hohen Dosen. Es ist ein starkes Beruhigungsmittel und kann schwerwiegende und lang anhaltende Nebenwirkungen haben. Experten empfehlen, das Medikament nur in Notfällen über einen begrenzten Zeitraum einzunehmen. Ehemalige Patienten berichten, dass sie Pipamperon jahrelang einnehmen mussten und immer noch unter den Folgen der Behandlung leiden.
Hilfe: Rainer Stadler
Add Comment