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Mehr Geld, weniger Sanktionen – so plant die SPD das Ende von Hartz IV

Für Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ist das eine Art symbolische Befreiung. Er will der Mann sein, der sowohl das Land als auch seine Partei von Hartz IV befreit – wo Befreiung wörtlich genommen werden darf. Als sich die GSDP jahrelang vom Arbeitslosengeld II, wie es offiziell heißt, verabschieden wollte – einst im Zuge des Schröder-Programms 2010 beschlossen, wurde Hartz IV von Deutschlands ältester Partei immer wieder für zahlreiche Wahlniederlagen verantwortlich gemacht.

Jetzt kommt ein neuer Name: Bürgergeld. Das steht im Ampelkoalitionsvertrag. Die Arbeitsmarktreform soll „mehr Respekt“ und „mehr soziale Sicherheit“ bringen und eine neue „Vertrauenskultur in die Arbeitsämter“ schaffen.

Die wichtigsten geplanten Neuerungen hat Heil bereits angekündigt: Dazu gehört eine neue Wartefrist für Wohnen und Vermögen. In den ersten zwei Jahren werden Leistungen gewährt, wenn kein „wesentliches“ Vermögen vorhanden ist, das mit 60.000 Euro bewertet wird.

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Außerdem wird das „geschützte Vermögen“ aufgestockt – so entfällt beispielsweise die KFZ-Eignungsprüfung und die Bedarfsbeihilfe der Gemeinschaft wird auf 15.000 Euro angehoben. Auch die Zulagen für Schüler, Studenten und Auszubildende werden auf 520 Euro erhöht.

Neu ist die sechsmonatige „Vertrauensfrist“, in der Leistungsminderungen bei Verzug ausgeschlossen sind. Erst im Fall des „Vertrauensbruchs“ nach Ablauf der sechs Monate muss das Jobcenter verbindliche Mitwirkungspflichten festlegen. Vor-Ort-Vereinbarungen können von vornherein verpflichtend bleiben, sollten aber formlos möglich sein.

Der “soziale Arbeitsmarkt” wird unbefristet sein

Kürzlich wurden Leistungskürzungen geregelt: Ausgenommen sind unter anderem Jugendliche und Wohnkostensenkungen. Weitere Leistungen sind eine monatliche „Weiterbildungsbeihilfe“ in Höhe von 150 Euro und ein „Bürgergeldbonus“ in Höhe von 75 Euro für die Teilnahme an „Maßnahmen, die für eine nachhaltige Integration besonders wichtig sind“.

Teil der Reform soll auch sein, dass der „soziale Arbeitsmarkt“ zeitlich unbefristet wird – bisher war nur bis 2024 beschlossen worden. Außerdem müssen Anträge ab 2023 digital gestellt werden. Grundsätzlich müssen Zivilhilfeempfänger das können sich dank Innovation stärker auf Weiterbildung und Stellensuche konzentrieren.

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Um all diese Neuerungen Anfang 2023 einzuführen, braucht Heil seine Koalitionspartner. Bisher konnten sich die Grünen nicht auf eine gemeinsame Position einigen. In der FDP gibt es Zuspruch von arbeitspolitischem Sprecher Pascal Cobert, der Punkte wie Digitalisierung und Zulagen für Studierende und Schüler begrüßt.

Aber auch andere Details sind innerhalb der Koalition noch unklar. Im Juni veröffentlichte Heil erste Angaben zu den Einkommen der Bürger. Die Beträge sollen wohl um 40 bis 50 Euro erhöht werden, d.h. knapp zehn Prozent mehr. SDP-Chef Christian Lindner warnte sofort, das Einkommen der Bürger dürfe “keine Verlängerung der sozialen Umverteilung” sein.

Lindner lehnt Bürgereinnahmen straffrei ab

Lindner zieht nun nach: Rasche Erhöhungen der Regelsätze lehnt er ebenso ab wie straffreie Einkommen für Bürger. „Wir haben dieses Jahr Grundversicherungsempfängern Pauschalzahlungen zugesprochen, was meiner Meinung nach die größten sozialen Härten lindert.“

Zwar gebe es im Januar eine Regelsatzerhöhung, die die Inflationsentwicklung widerspiegele, sagte Lindner dem Portal ntv. Er fuhr jedoch fort: „Ich unterstütze die Anhebung der Standardsätze nur, wenn sie an die Inflation angepasst wird.“

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Hinzu kommt: Die für ein Jahr zu beantragende Aussetzung von Sanktionen kann bei Einkommen von Bürgern „unter keinen Umständen“ in Anspruch genommen werden. „Pflichtverletzungen müssen sanktioniert werden. Wer beispielsweise wegen Nichteinhaltung zurücktritt, dem soll durch Sanktionen ein Limit aufgezeigt werden können. Das Bürgereinkommen soll kein bedingungsloses Grundeinkommen werden.

Auch Jens Teutrin, Sprecher für Bürgergeld der FDP-Bundestagsfraktion, kritisierte: „Wer zu Sitzungen nicht erscheint oder Weiterbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten ablehnt, soll wie vereinbart mit Sanktionen von bis zu 30 Prozent belegt werden können die Zukunft.“ Heil „verfehlt“ diesen Punkt – der Mann wird die Koalitionspartner zur Rechenschaft ziehen.

„Vertrauen kann man nur bewahren, wenn man in Verbindung bleibt“, sagte Teutrine gegenüber WELT. „Sicherlich sind einige Änderungen im Gesetzentwurf von Herrn Hile erforderlich.“ Er stellte auch klar: Die Liberalen wollen das Regelsystem nicht ändern.

“Die Bürgerbeihilfe ist ein gemeinsames Projekt”

In beiden Punkten – der Zinserhöhung und der Sanktionsfrage – scheinen sich Heil und die FDP nicht einig zu sein. Der Arbeitsminister wies das jedoch zurück: „Bürgereinkommen ist ein gemeinsames Projekt der Koalition“. Dabei sind noch einige Fragen zu klären. Aber: “Wir sind zu 80 bis 90 Prozent auf einer Seite.”

Bisher waren es die Sozialverbände, die auf eine Anhebung der Regelsätze pochten. Der Tagessatz beträgt derzeit nur 5,20 € für Speisen und Softdrinks. Laut Statistischem Bundesamt stieg die Lebensmittelinflation im Juni gegenüber dem Vorjahresmonat auf 11,9 Prozent.

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Der Sozialverband VdK und der Paritätische Gesamtverband forderten deshalb eine Erhöhung um 680 Euro. Über die genaue Erhöhung müsse man sich laut Heil noch einigen und er wolle die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes abwarten. Auf dieser Grundlage soll die Neuberechnung der Regelsätze in Abstimmung mit den Grünen und der FDP erfolgen. Aber der Zeitplan steht: Der Gesetzentwurf steht, ein Kabinettsbeschluss wird im September erwartet, im Januar soll es in Kraft treten.

Scharfe Kritik kam derweil von der Berliner Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke). Sie wirft Finanzminister Lindner vor, sich in erster Linie für die Interessen der Reichen einzusetzen: „Lindner behält Bundesgelder für die Reichen. Kleine Vergünstigungen für SUVs, weniger Steuern für Besserverdiener, keine Anpassung an Regelsätze, das ist Politik von gestern, keine Antwort auf die Krisen von heute und morgen“, sagte Kipping gegenüber WELT.

„Die Wiederverhängung von Sanktionen, die während der Coronavirus-Pandemie ausgesetzt wurden, wäre ein Rückschritt. Statt Bürgergeld sollte die Reform Hartz V heißen.”

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Wie genau die Reform finanziert werden soll, ist unklar. Allein eine Erhöhung um 50 Euro entspräche fast zwei Milliarden Euro Mehrkosten. “Das Gesetz ist nicht frei”, sagte Heil.

Konkret kann die Finanzierung aber erst nach Feststehen der Ratenerhöhung geplant werden. Fest steht: Der Haushalt muss umgeplant werden – und wegen der Sonderausgaben nach der Krise sind die Haushalte gestrafft worden. Hile deutete jedenfalls etwas vage an, dass der Finanzminister „Reserven aufgebaut“ habe. Wie viel davon für eine Aufstockung ausreichen würde, ist unklar.

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