von Patrick Müller
Herr Gross*, gibt es Anwendungen oder Tätigkeiten, die Sie selbst regelmäßig im Metaversum durchführen? Ich bin noch nicht als Avatar aktiv. An der ETH und auch bei Disney erforschen wir digitale Avatare und digitale Versionen von Menschen, die sich dann in das Metaversum bewegen. Diese digitalen Menschen werden nicht nur von echten Menschen, sondern auch von künstlicher Intelligenz gesteuert. Ein kleiner Vorgeschmack darauf ist der „digitale Einstein“.
Wie werden Sie das Metaverse später verwenden, wenn es ausgereifter ist? Lassen Sie mich zunächst klären, welche Definitionen des Metaverses tatsächlich existieren. Ein Verständnis kommt von Meta, dh. die Facebook-Gruppe, die sagt: Jeder bewegt sich mit seinem Avatar im Metaverse, im Internet der Zukunft, einem sozialen Raum. Es gibt aber auch Definitionen eines Metaversums, wie sie von Spielemachern wie Epic oder Unity gesehen werden, wo man in eine komplett virtuelle Welt eintaucht, mit seinem Avatar Abenteuer erlebt und aktiv Geschichten erzählt. Darüber hinaus gibt es viele weitere Ideen im Sinne virtueller Märkte, die dort digitale Güter verkaufen oder andere Tätigkeiten ausüben. Grundsätzlich kann man sich das “einzige” Metauniversum als ein Netzwerk all dieser getrennten dreidimensionalen Welten vorstellen.
Gibt es hier Pioniere: Die Sportartikelhersteller Nike und Adidas zum Beispiel kreieren ganze Kollektionen von Bekleidung und Schuhen in limitierter Auflage. Sie können sie dann erwerben, wie NFTs in der Kunst.
Das Metaversum, das Sie erforschen, ist anders … Mein Forschungsgebiet ist hauptsächlich Augmented Reality. Mich interessiert nicht primär das Metaversum als rein virtueller Raum, sondern die Überlagerung von virtueller und effektiver Realität. Diese Kombination hat großes Potenzial, uns jederzeit und überall kontextualisierte und personalisierte Informationen bereitzustellen.
So sieht eine bestimmte App aus Wenn Sie einen Raum betreten und eine intelligente Brille tragen, sehen Sie die Namen aller Personen im Raum. Und vielleicht gibt es auch Informationen darüber, wann Sie diese Person zuletzt getroffen haben. Dies erleichtert und bereichert die echte Kommunikation mit dieser Person erheblich. Ein weiteres konkretes Beispiel ist die Telepräsenz.
„Aber es wird in Zukunft möglich sein, Avatare realistisch zu machen“
Wie stellen Sie sich Telepräsenz vor Sie möchten einen Kollegen anrufen. Sagen Sie dann Ihrem Avatar, dass er den Kollegen kontaktieren soll. Ihr Avatar erscheint dann realitätsnah im Büro Ihres Kollegen und setzt sich neben ihn, während sein Avatar mit mir die Bahnhofstraße entlang geht. Die Technologie ist heute nicht so weit fortgeschritten. Aus diesem Grund sind Metas Avatare sehr stilisiert. In Zukunft wird es jedoch möglich sein, Avatare realistisch zu gestalten, wie Spezialeffekte in Filmen, sodass sie sich nicht mehr von einer realen Person unterscheiden.
Glauben Sie an reine Virtual Reality, wie Mark Zuckerberg, oder eher an Augmented Reality, wie Google-Manager Urs Hölzle es beschreibt? Ich bin irgendwo in der Mitte. Am Zentrum für Medientechnologie der ETH, das von Schweizer Medienunternehmen unterstützt wird, haben wir einige Prototypen gebaut, zum Beispiel das digital erweiterbare Niederdorf. Während Sie durch die Straßen gehen, zeigt es Ihnen Restaurantempfehlungen und andere Informationen, personalisiert und kontextualisiert. Damit jeder findet, was er sucht und was ihn interessiert.
Es ist eine Augmented-Reality-App, die wir ein wenig von Google Maps kennen. Bleibt die reine Virtual Reality also eine Randerscheinung? Ich glaube nicht, dass die Leute den ganzen Tag in die virtuelle Realität eintauchen. Allerdings wird Virtual Reality immer mehr an Bedeutung gewinnen. In der Gaming-Branche sowieso, aber auch anderswo: Ich kann mir vorstellen, dass wir in Zukunft unsere Avatare als Stellvertreter zu unnötigen Meetings schicken, um Zeit zu sparen. Dann gehen sie zurück und fassen zusammen, was sie erlebt oder welche Informationen sie erhalten haben. Hinzu kommt: Der Verkauf digitaler Objekte funktioniert heute schon sehr gut, es ist ein funktionierendes Geschäftsmodell.
“Sie und ich können uns vielleicht nicht vorstellen, eine AR-Brille aufzusetzen, aber die jüngere Generation kann es”
Das Metaversum ist keine neue Idee, Sci-Fi-Filme kennen es schon lange. Warum sehen wir gerade jetzt einen Wirbel um das Metaversum? Ich denke, das ist mehr als nur ein Hype. Aber es stimmt, der Name Metaverse ist nicht neu, er wurde vor dreißig Jahren in einem Roman geprägt, und die Vision wurde Jahrzehnte zuvor in Science-Fiction-Filmen beschrieben. Dass wir derzeit einen Durchbruch erleben, hat technologische und gesellschaftliche Gründe.
Welche Technologien sind kritisch Eine Reihe von Schlüsseltechnologien, die für das Metaverse benötigt werden, haben mehr oder weniger gleichzeitig einen ausreichenden Reifegrad erreicht. Zum Beispiel Cloud Computing, 5G-Netze, optische Echtzeitanwendungen, Echtzeitgrafik und Sensorik für Brillen. Jetzt fließt alles zusammen. Und dann sehen wir natürlich Fortschritte in der künstlichen Intelligenz in den unterschiedlichsten Formen. Aber man muss auch die soziale Komponente berücksichtigen: Die Generation Z ist komplett digital aufgewachsen. Sie und ich können uns vielleicht nicht vorstellen, eine AR-Brille aufzusetzen, aber die jüngere Generation kann es.
* Markus Gross ist Professor für Informatik an der ETH Zürich, Direktor von Disney Research in Zürich und Chief Scientist bei Walt Disney Studios. Er gilt als führender Experte für das Metaverse.
Patrick Müller ist Chefredaktor der Zentralredaktion CH Media und Schweiz am Wochenende und Initiator des SwissMediaForum. Exklusiv für „Personal“ führte er in diesem Feature dieses Interview mit Markus Gross, einem der Referenten des Medienkongresses.
Das vollständige Interview mit Markus Gross lesen Sie in der aktuellen Printausgabe von «personal».
Add Comment