Germany

Ministerpräsidentenkonferenz: Lauterbachs große Pläne für die nächste Winterkrone

Alles ist gut gemeint. Bund und Länder, die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben sich viel vorgenommen für diesen Donnerstag im Frühsommer in Berlin. Alle sind sich einig, dass sie das Land durch die schlimme Doppelkrise führen wollen, die die Welt vorher und nachher zweimal geteilt hat. Vor der Pandemie und nach der Pandemie. Vor Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Und nach dem Beginn dieses Krieges.

Auf beide Krisen war die deutsche Politik nicht wirklich vorbereitet. Das erklärt einen Teil des Mülls, einige der Fehler der letzten zwei Jahre, aber nicht alles. Bayerns Ministerpräsident Marcus Söder (CSU) hat diesbezüglich mit seinen Kollegen vor dem Treffen zu Recht auf einen großen Plan bestanden, der nun auf den Weg gebracht werden muss, um die Pandemie nicht nur in diesem Sommer zumindest dauerhaft unter Kontrolle zu halten. Ganz zu schweigen von Putins Krieg, ganz zu schweigen von Putins Attentaten. Es wäre ein Erfolg, wenn Schlimmeres verhindert werden könnte. Und hierzulande.

Also die Krone. Am Rande der Ministerpräsidentenkonferenz stimmten die Regierungschefs eher routiniert als angespannt einem vom Kanzleramt vorgelegten Fünf-Punkte-Programm zu.

auch lesen

Demnach soll den Bürgern unter anderem im Herbst ein umfassendes Angebot zur Auffrischung des Impfschutzes geboten werden. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will überflüssige Impfstoffe kaufen, um auf eine mögliche Pandemieentwicklung ausreichend vorbereitet zu sein. Lauterbachs Intention sollen die Deutschen den jeweils besten Impfstoff für jede Variante des Virus bekommen können.

Ob eine weitere Sperre verhängt werden kann, bleibt an diesem Donnerstag offen

Lauterbach will zudem eine weitere Novelle des Bundesinfektionsschutzgesetzes vorlegen, die wiederum gemeinsam mit Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) erwartet wird. Damit soll eine Rechtsgrundlage für mögliche Absicherungen geschaffen werden. Wie umfangreich könnten sie sein, wenn ja, inwieweit können Masken-, Test-, Homeoffice- und 2G/3G-Pflichten aufgehoben werden; ob Abstandsregeln wieder eingeführt werden können oder gar wieder gesperrt werden müssen, blieb an diesem Donnerstag offen. Die wissenschaftliche Auswertung der in den vergangenen zwei Jahren erprobten Maßnahmen soll Ende Juni erste Anhaltspunkte liefern und der Kronen-Sachverständigenrat der Bundesregierung konkrete Vorschläge für ein mögliches zukünftiges Regelwerk machen.

Drei Fehler aus den letzten beiden Jahren wollen Bund und Länder im kommenden Winter auf jeden Fall vermeiden. Gefährdete Gruppen, insbesondere ältere Menschen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem, müssen besser geschützt werden als in den Vorjahren.

auch lesen

Die komplette Schließung von Schulen und Kindergärten muss unbedingt vermieden werden. Dazu müssen die zuständigen Bundes- und Landesministerien gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut Konzepte entwickeln, die auf den Erfahrungen vergangener Pandemiewellen basieren. Schließlich muss die Erhebung von Daten zur Beurteilung des Infektionsgeschehens und der Situation in den Krankenhäusern deutlich verbessert werden. Das erfordere „kurzfristig weitere Digitalisierungsschritte auf allen Ebenen“.

„Es geht darum, die richtigen Winterreifen vorzubereiten“, sagt Scholz

Bundeskanzler Olaf Scholz fasste auf einer Pressekonferenz im Anschluss an die Ministerpräsidentenkonferenz die großen Pläne Lauterbachs zusammen: „Wir haben jetzt Sommerreifen drauf, wenn ich dieses Beispiel wählen darf. Es geht darum, die richtigen Winterreifen vorzubereiten, wenn es darauf ankommt. Und wenn es eine sehr eisige Landschaft wird, dann brauchen wir vielleicht andere Wege, um sicher weiterzukommen.“ Also, wenn wir Glück haben, bekommen wir einen ziemlich „warmen Winter“ und wir werden das ganze Zeug nicht brauchen überhaupt.

Noch unklarer ist, ob und wenn ja, wie das Virus das Land wieder unter Kontrolle bringen kann, sind die weiteren Folgen des Krieges in der Ukraine für die Menschen und die Politik in diesem Land. Die dynamische Preisentwicklung beunruhigt die Regierungschefs, aber auch die Energieversorgung im Allgemeinen. Die Frage, was genau passieren soll, wenn Benzin und Öl im nächsten Winter ausgehen, kann derzeit niemand wirklich beantworten. Auch die sonst so selbstbewusste Kanzlerin. Nach dieser Ministerpräsidentenkonferenz wird es also ein bisschen Chaos geben.

auch lesen

Mittel gegen Rheuma gegen Corona

Der niedersächsische Regierungschef Stefan Weil, ebenso wie der Sozialdemokrat Scholz, erneuerte seine Forderung nach weiteren Erleichterungen, insbesondere für Rentner. Sie sollen nach den Plänen der Bundesregierung das “Energiegeld”, das Arbeitnehmer bald einmal erhalten, nicht in Anspruch nehmen. Berlins regierende Bürgermeisterin Francesca Giffey, ebenfalls SPD, wirft erste Gedanken über eine “Gewinnbegrenzungsklausel” auf, die Energiekonzernen die Gewinne schmälern könnte. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte kündigte am Dienstag eine Initiative des Bundesrates an, Ölkonzernen eine “Gewinnsteuer” aufzuerlegen.

Der Bundeskanzler selbst äußert sich wenig zu diesen Forderungen. Vielmehr wiederholte er die Botschaft, die er am Vortag im Bundestag verlesen hatte, er wolle die “konzertierte Aktion” wiederbeleben. Ende der 1960er-Jahre sorgte der legendäre Wirtschaftsminister Carl Schiller (SPD) zumindest vorübergehend für Preisstabilität. Deshalb müssen Gewerkschaften, Arbeitgeber und Staat nach einem Ausweg aus der drohenden Lohn- und Preisspirale suchen. Eine Anleihe an die Vergangenheit, die auch Ausdruck der Hilflosigkeit der Politik gegenüber den Folgen des Krieges in der Ukraine ist.

„Wir haben deutlich gemacht, dass das Sanktionspaket ein echtes Paket ist“, sagte Giffi

Unter dem Druck des Ukraine-Krieges sind sich die Regierungschefs längst einig, dass die Erneuerbaren Energien in den kommenden Monaten und Jahren „im schnellsten Tempo“ ausgebaut werden müssen. Im Winter sollen laut Scholz die ersten, noch provisorischen Flüssigerdgas-Terminals an der Nordseeküste in Betrieb genommen werden. Das Schneckentempo, in dem solche Anlagen oder die notwendigen neuen Stromtrassen in der Vergangenheit geplant und installiert wurden, wird mit Hilfe des Beschleunigungsgesetzes gestoppt. Jetzt muss alles schnell gehen.

Bei dem gemeinsamen Treffen forderten insbesondere die Regierungschefs im Osten der Republik die Bundesregierung auf, bei weiteren Embargomaßnahmen gegen Russland vorsichtiger vorzugehen.

auch lesen

„Wir haben deutlich gemacht, dass das Sanktionspaket ein echtes Paket ist“, sagte der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin Francisco Gifi (SPD), „aber das muss natürlich damit einhergehen, dass Energieversorgung ebenso wie bezahlbare Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen bereitgestellt werden müssen.“ Diese Vorkehrung sei „wesentlich für die Funktionsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland, aber auch des Energiestandorts Deutschland“.