Analyse
Bis: 28.07.2022 18:41
CDU-Chef Merz wird in Warschau umworben, wie es für Oppositionspolitiker ungewöhnlich ist. Vor allem seine Kritik am lahmen Austausch von Panzernetzen durch die Bundesregierung kommt in Polen gut an. Ansonsten haben sie wenig gemeinsam.
Von Jan Palokat, ARD Studio Warschau
Bislang war Friedrich Merz der breiten Öffentlichkeit in Polen unbekannt. Doch mit seinem zweitägigen Besuch in Warschau, der mit einer Reise nach Litauen abgerundet werden sollte, gelang es dem Unionsfraktionschef, für Aufmerksamkeit zu sorgen – gemessen an Berichten über den Besuch in Polen in durchaus positiver Tonlage.
RBB Logo Jan Pallokat ARD Studio Warschau
In Warschau wurde zuletzt Kritik an der Berliner Ukraine-Politik laut, die über den in Polen unter der PiS-Partei fast alltäglich gewordenen und von anderen Ländern der Region geteilten intern motivierten “Angriff auf Deutschland” hinausgeht. Berlin agiert noch zu zaghaft und unsolidarisch, wo Entschlossenheit und eine klare Position gefragt sind. Insbesondere der gescheiterte „Panzertausch“, d.h. Der von Deutschland angebotene Tausch von schwerem Gerät gegen polnisch gelieferte Panzer in der Ukraine sorgte kürzlich für böses Blut: Ein stellvertretender Außenminister in Warschau sprach sogar von einem „Betrug“, der Tausch sei „fehlgeschlagen“ und kaum mehr als ein „PR-Scherz“ .
Mertz weist die Titel des Vermittlers zurück
Merz selbst mahnte in Warschau, Deutschland solle eine kürzere Rolle in der Außenpolitik spielen, und Länder wie Polen würden dies auch erwarten: “Ich würde sogar sagen, dass Deutschland eine führende Rolle spielen sollte.” Er versuchte aber auch, seine Rolle als Warschau-Besucher zu relativieren: Er sei nicht als außenpolitischer Vermittler gekommen, sondern zu normalen politischen Gesprächen, sagte er Reportern. Die Reise war seit Wochen geplant und hatte nichts mit aktuellen Themen zu tun.
In Phoenix sagte Mertz, er habe versucht, die Vorwürfe gegen Deutschland zu zerstreuen. “Aber ich konnte sie nicht überall widerlegen.”
Er selbst wurde fast als Kanzler empfangen, sprach mit den Führern der Opposition, mit Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und über eine Stunde lang mit PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, der nicht oft ausländische Gäste einlädt. Die Initiative für das Treffen ging laut einem PiS-Sprecher jedoch von Mertz aus.
Zentrale Themen seien daher der Krieg in der Ukraine, die deutsch-polnischen Beziehungen, aber auch die Frage der Weltkriegsreparationen sei in Gesprächen mit PiS-Politikern immer wieder angesprochen worden, hieß es. Merz traf sich unter anderem auch mit Vertretern der deutschen Minderheit in Polen, die durch Kürzungen im muttersprachlichen Unterricht unter Druck steht.
Wenig Gemeinsamkeiten mit Kaczynski
Kaczynski ist kürzlich aus dem Staatsdienst zurückgetreten, um sich voll und ganz den Wahlvorbereitungen im nächsten Jahr zu widmen, zumal seine Partei in den Umfragen das Schlusslicht ist. Wie üblich griff er wiederholt Deutschland an und deutete erneut an, dass Polen bald Reparationen für die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg fordern könnte: Ein bisher geheim gehaltener Bericht über das Ausmaß der Schäden könnte am 1 Deutscher Besatzungsangriff auf Polen – zur Veröffentlichung.
Gleichzeitig sieht Kaczynski in Merz aber einen Schlüssel zur Verbesserung der Beziehungen zu Deutschland, mutmaßt der Kommentator des Online-Portals „Wirtualna Polska“, warum sich der mächtige Parteichef dennoch Zeit für den deutschen Oppositionsführer nahm.
Wobei Kaczynski mit seinen Herzproblemen wohl auch unter Mertz nicht viel erreichen kann. Der deutsche Politiker jedenfalls äußerte sich in seiner Meinung zu den klassischen Streit- und Streitthemen der vergangenen Jahre kaum anders als diejenigen, die in Deutschland das Sagen hatten oder zuletzt haben: Eine Rechtsgrundlage für Reparationen für einen Weltkrieg sehe er nicht sagte der Chef der PiS, sagte Mertz nach dem Treffen mit Kaczynski. Vielmehr plädierte er für zukunftsweisende und gemeinsame Projekte, beispielsweise im Bereich Cyber Security. Auch das laufende Rechtsstaatsverfahren der EU gegen Polen sei „auf der Grundlage der Verträge gerechtfertigt“.
Der Streit um Polens “Justizreform” ist auch nach der offiziellen Abschaffung eines umstrittenen Disziplinarorgans wieder zum Stillstand gekommen; Bislang ist Brüssel mit der “Reform der Reform” nicht zufrieden, aber in Warschau heißt es, es sei getan.
„Die deutsche Stimme der Vernunft“
Eine andere Sache ist der „Ringtausch“: Hier distanzierte sich Merz deutlich von den eigentlich Verantwortlichen in Berlin – allerdings nicht im Bundestag, sondern im Ausland, was für einen Vertreter Deutschlands recht schwierig ist. Er spüre “Enttäuschung” bei seinen Gesprächspartnern in Warschau, die sich jetzt nicht bestätigen dürfe, sagte Mertz der Presse. Er forderte die Bundesregierung auf, ihre Versprechen einzuhalten und Polen einen angemessenen Ersatz für die 250 sowjetischen Panzer zu liefern, die es der Ukraine geliefert hatte. „Das ist ein Drittel des Inventars der polnischen Armee“, betont Merz. „Und das Angebot aus Deutschland waren 20 Panzer als Ersatz. Ich kann verstehen, dass das hier nicht auf Begeisterung stößt.“
Diese Positionierung von Merz sei als Teil des Ringens um bald wieder einen christdemokratischen Kanzler zu verstehen, versuchte das regierungskritische Portal “On Topic” den Besuch von Merz einzuordnen. Merz kann sich als jemand einen Namen machen, der die gestörten Beziehungen zu den Ländern Mittel- und Osteuropas wieder in Ordnung gebracht hat.
Während Kommentatoren Zweifel geäußert haben, ob die Rhetorik eines Oppositionspolitikers tatsächlich zu einem Politikwechsel führen würde, wenn…
Add Comment