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Nach Tod eines Arztes in Österreich: „Das ist gezielter Terror“

Faktenfinder

Bis: 02.08.2022 19:01 Uhr

Hasskampagnen zielten darauf ab, sie zum Schweigen zu bringen – bis Dr. Kellermayr tot aufgefunden wurde. Der Autor Brodnig spricht von “Terror”. Das dahinter stehende systemische Problem wird oft nicht ernst genug genommen.

Von Carla Reveland, ARD-Faktenforscherin

„Gezielter Terror von radikalen Impfgegnern und Rechtsextremisten, der einen zermürbt“ – so beschreibt Autorin Ingrid Brodnig, was die österreichische Ärztin Dr. Kellermayr erreichte Hass, Aufregung und Massendrohungen.

Diese Schmutzkampagnen zielen darauf ab, die Person, die zum Feind erklärt wird, zum Schweigen zu bringen oder sogar zu zerstören. Dahinter stecke ein systemisches Problem, das oft nicht ernst genug genommen werde, so Brodnig. Im unglaublich tragischen Fall von Lisa-Marie Kellermayr endete dieser „Terror“ tödlich.

Andersdenkende zum Schweigen bringen

Es geht darum zu sagen: ‚Wir wissen, wo Sie leben, und wenn Sie weitermachen, könnte es noch schlimmer werden’“, erklärt Pia Lamberti, Geschäftsführerin des Center for Monitoring, Analysis and Strategy (CeMAS). Die Strategie, Menschen konsequent anzugreifen, wird vom Querdenker-Umfeld sehr gezielt eingesetzt – und zeigt leider in vielen Fällen die gewünschte Wirkung. Viele der Angegriffenen ziehen sich zurück oder äußern sich nicht mehr, weil eine Gefahrensituation gerade für den Einzelnen schwer einschätzbar und sehr bedrohlich sein kann.

Es gibt eine Mischung aus zielstrebig handelnden Menschen, die ständig Drohungen gegen Andersdenkende aussprechen, und Menschen, die ihrem Hass freien Lauf lassen, aber weniger strategisch vorgehen. Lamberti sagte, die Kombination sei „höchst beunruhigend“.

“Ich werde dich hinrichten”

Die österreichische Ärztin Kellermayr erhielt monatelang Massendrohungen: Nachrichten, wie Kellermayr und ihr Team gefoltert und getötet würden. Darin steht unter anderem „Ich werde euch hinrichten“ oder „Kreaturen“, wie sie vor „Volkstribunale“ gebracht werden.

Sowohl online als auch offline war die Bedrohungslage für die Ärztin so hoch, dass sie auf eigene Kosten Sicherheitsmaßnahmen ergreifen und schließlich ihre Praxis schließen musste. Laut puls24 wurden mutmaßliche Patienten immer wieder mit Schmetterlingsmessern vom Sicherheitsdienst abgeführt.

Die Sicherheitsbehörden haben die Gefahr unterschätzt

Kellermayr suchte Hilfe bei der Polizei, erstattete Anzeige und machte die Drohungen gegen sie öffentlich. Doch offenbar wurde ihre Situation von den Sicherheitsbehörden nicht ernst genug genommen. Die Polizei in Oberösterreich teilte mit, dass „alle rechtlichen Maßnahmen ausgeschöpft sind“. Ob wirklich genug getan wurde, um Kellermayr zu schützen, bleibt abzuwarten.

„Wenn jemand online die massivsten Drohungen bekommt, finde ich die tägliche Patrouille für diese Person nicht sehr beruhigend“, sagt Autor Brodnig. Es wäre ein großer Zufall, genau in diesem Moment dort einen Täter zu finden.

Aus Sicht der Politologin Natascha Strobl haben die Behörden eindeutig versagt. „Sie hat die Polizei kontaktiert und sich an ihre Berufsvertretung gewandt. Beide haben ihr öffentlich gesagt, dass sie sich nicht so verhalten soll, sie will nur so tun, als wäre sie wichtig.“

„Dass Betroffenen von solchen Drohungen dann auch noch vorgeworfen wird, sie zu sehr angesprochen zu haben, ist eine besonders erschreckende Komponente des Ganzen“, fasst Brodnig die Lage zusammen.

Hier kommt es zu einer Täter-Opfer-Umkehr, die leider häufiger vorkommt, sagt Pia Lamberti. „Es ist sehr schwierig, denn am Ende würde es bedeuten, dass demokratische Stimmen den öffentlichen Raum immer mehr verlassen, weil dort aggressive Menschen vorherrschen. Das kann nicht die Lösung sein.” Im Gegenteil, es sollte eigentlich darum gehen, demokratische Räume zu stärken.

“Wann machst du Kellermayr?”

Obwohl in den Tagen nach Kellermayrs Suizid Tausende von Menschen dem Arzt Tribut zollten, gab es aus der querdenkenden Community nicht viel Anteilnahme oder Einsicht. Ganz im Gegenteil.

Strobl ging mit dem, was er nach Kellermayrs Tod hasste, an die Öffentlichkeit. Eine Nachricht an sie lautete unter anderem: „Du Krötenhure! Wann machst du endlich Kellermeyer? Es würde nicht schaden, wenn du eines Morgens auch tot aufgefunden würdest.“

Ärzte, die zu Feinden werden

Menschen im Gesundheits- und Wissenschaftsbereich sind seit Beginn der Pandemie besonders von Massenbedrohungen sowie verbalen und körperlichen Angriffen betroffen. Das Bundeskriminalamt stuft nun „Impfgegner oder Corona-Leugner“ als „relevantes Risiko“ in Bezug auf Angriffe auf Impfstellen oder Arztpraxen ein.

Auf Telegram gibt es Gruppen, deren einziger Zweck es ist, die Namen von impfenden Ärzten zu verbreiten. Ärztinnen und Ärzte werden auf diese Weise öffentlich als Individuen für ihre ärztliche Tätigkeit stigmatisiert und als Feinde gebrandmarkt. „Und dann hagelt es plötzlich negative Bewertungen bei Google, oder man bekommt Anrufe und wird beschimpft und gedemütigt“, erklärt Lamberti. Wer sich zum Beispiel für Impfungen einsetzt, könnte plötzlich zur Zielscheibe werden.

Kellermayr ist auch in den Fokus radikaler Impfgegner und Rechtsextremisten geraten. Ihr Tweet über Impfgegner, die den Haupteingang und Rettungsausgang einer Klinik im oberösterreichischen Alpenvorland in Wels blockierten, wurde von der oberösterreichischen Polizei als „Falschmeldung“ bezeichnet – es gebe einen weiteren Eingang zum Krankenhaus, hieß es. Kellermayrs Tweet mit der Antwort der Polizei verbreitete sich schnell in den einschlägigen Telegram-Gruppen – ein Strom von Beleidigungen, Verleumdungen und Drohungen ergoss sich über den Arzt. Aus…