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Prozess nach Säureangriff: Rätsel um den fehlenden Namen – Panorama

Im März 2018 kehrte Bernhard Gunther von seinem morgendlichen Joggen nach Hause zurück, als er auf dem Heimweg von zwei Männern angegriffen wurde. Man stößt ihn, er stolpert vorwärts. Dort fiel der damalige CFO von Innogy in die Hände des zweiten Angreifers und wurde dann zu Boden gestoßen. Einer der beiden Männer schüttet ihm Flüssigkeit ins Gesicht. Der Energiemanager schleppt sich mit Schmerzen nach Hause. In der Küche nimmt er den Brauseschlauch vom Waschbeckenhahn ab, um die Säure abzuwaschen. Dann wählt er 911.

Am Tatort in einem Park in Hahn bei Düsseldorf fanden Polizisten später ein Schraubglas mit Säurerückständen und einen Handschuh, auf dem eine DNA-Spur angebracht war. Es gibt keinen Treffer in der Datenbank, die Ermittlungen werden eingestellt – bis ein neuer Hinweis auftaucht: Anonyme Hinweise führen zu einem der beiden mutmaßlichen Täter, er sitzt nun auf der Anklagebank des Wuppertaler Landgerichts.

Der 42-jährige Belgier Nuri T. soll dem Energiemanager die Säure ins Gesicht geschüttet haben, da ist sich die Staatsanwaltschaft sicher, obwohl der Mann die Tat bestreitet. Er sagt, seine DNA sei aus einem Bordell am Niederrhein gestohlen worden, wo er Stammgast war. Und was ist mit der Beinwunde, die vier Tage nach der Tat in einem belgischen Krankenhaus behandelt wurde? Dort soll der Angeklagte in seiner Garage auf ein Regal gestürzt sein. Jetzt im Prozess sagt er, dass ihm ein Katalysator aufs Bein gefallen sei.

Chef im RWE-Management?

Bleibt der Angeklagte bei seiner Version der Geschichte, dürfte die wichtigste Frage für Bernhard Gunther, heute CFO des finnischen Energiekonzerns Fortum, unbeantwortet bleiben: Wer hat den Säureanschlag gegen ihn angeordnet? Er hält den Mann, dem er jetzt im Gerichtssaal gegenübersitzt, nur für einen Unterstützer. Die Köpfe sieht er woanders, wie er am Montag am Stand deutlich machte: im RWE-Management.

Wie bekommt er es? Gunther blickt dafür auf das Jahr 2012 zurück, als er auch morgens joggen ging. Plötzlich stehen zwei Männer in einem Waldstück neben ihm, schlagen auf ihn ein und schlagen mit Ästen auf ihn ein. Die Diagnose im Krankenhaus: Platzwunde und ein gebrochenes Bein. Seitdem geht er nicht mehr alleine joggen, sondern schließt sich einer Laufgruppe an. Sechs Jahre später war es gerade zusammengebrochen und nur 200 Meter von Bernhard Gunthers Haus entfernt. Als er kurz darauf im Park angegriffen wird, denkt er sofort: Nicht schon wieder!

Das sagt er nun dem Vorsitzenden Richter, der sich auch nach möglichen Auftraggebern erkundigt. Hier wird es interessant – auch weil niemand einen Namen hören will. Der Vorsitzende hatte angekündigt, dass in diesem Fall die Öffentlichkeit ausgeschlossen werde. Doch als Günther die Führungsebene von RWE erwähnt, wollen weder Kammer noch Staatsanwaltschaft einen konkreten Namen. Gunther hatte vor der Verhandlung gesagt, er wisse, wo er anrufen müsse. Auch den Weg dorthin beschreibt er: Es gibt nur einen Mann, der sowohl von seinen Streifzügen als auch von seinem beruflichen Scheitern profitiert haben mag. Wie schon 2018 herrschte bereits 2012 ein Machtvakuum im Konzern. Warum fragt niemand nach dem Namen, den Bernhard Gunther für den Drahtzieher hält? Das bleibt das Rätsel der heutigen Anhörung.

Sie geht nicht mehr ungeschminkt aus dem Haus

Befeuert wurde die Mastermind-These offenbar auch durch einen anonymen Hinweis: Der Anrufer soll von einem „Bonzen aus der Wirtschaft“ gesprochen haben, vermutlich aus der türkischen Wirtschaft. Letzteres schließt der Energiemanager aus, weil es keine Kontakte in die Türkei gab. Gunther selbst heuerte nach dem Säureanschlag Privatdetektive an, sein Arbeitgeber Inogi setzte Belohnungen für Hinweise aus. Hinzu kam: Bereits im Herbst 2019 hatten Ermittler Marco L. aus Köln als möglichen Täter identifiziert. Gunther identifizierte den Mann auf Facebook-Fotos als einen von zwei Männern aus dem Park. Doch die Berufungsstelle des Wuppertaler Landgerichts schaltete sich ein: Die Art und Weise, wie die Fotos verschickt wurden, könnte Günthers Wahrnehmung in die Irre geführt haben. Marko L. wurde aus der Haft entlassen.

Nuri T. hingegen plauderte auf der Anklagebank fröhlich über sein Leben als Stammkunde im Bordell. Bernhard Gunther musste daher unangenehme Fragen über sich ergehen lassen. Hat er den Angeklagten Nuri T. jemals getroffen? War er in denselben Bordellen? Der Manager beantwortete alle Fragen mit Nein.

Stattdessen gewährt er einen Einblick in sein Leben, das nach der Tat nicht mehr das ist, was es vorher war. Sein Spiegelbild ist ihm noch fremd, die Sicherheit geht verloren. Er und seine Frau versuchten, das Geschehene mit Psychologen zu verarbeiten. Im Gerichtssaal wurden Fotos aus den Tagen und Wochen nach der Tat gezeigt: Der Kopf des Schwerverletzten war bandagiert, sein Gesicht von Wunden und Schorf übersät. Nach der Transplantation der verbrannten Augenlider wurden seine Augen eine Woche lang zugenäht. Seitdem musste er sich sieben Operationen unterziehen, weitere folgen. Sie geht nicht mehr ungeschminkt aus dem Haus. Sein Gesichtsausdruck sei immer noch aufgebracht – wenn man ihn zum Lachen auffordere, werde nichts Überzeugendes herauskommen, sagt er im Zeugenstand. Der Fall wird fortgesetzt und das Urteil am 31. August verkündet.