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Religionsfreiheit oder Machtdemonstration? Erster Muezzinruf in Köln

Aktualisiert am 14.12.2022 1:48 Uhr

  • Ist das ein Ausdruck religiöser Freiheit oder eine Machtdemonstration des politischen Islam?
  • In der Kölner Zentralmoschee soll an diesem Freitag erstmals der Muezzin über Lautsprecher zum Gebet rufen.

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In der Ditib-Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union rief der Muezzin an diesem Freitag (13.24 Uhr) erstmals über Lautsprecher zum Gebet auf. Der Anruf sollte maximal fünf Minuten dauern und nur in unmittelbarer Nähe der Moschee zu hören sein. Anwohner dürfen es nur mit einer Lautstärke von 60 Dezibel hören.

„Die Neuerung ist, dass der Gebetsruf nun auch im Vorhof der Moschee vor der Gebetshalle zu hören ist“, sagte Ditib-Chef Murat Sahinarslan der Deutschen Presse-Agentur. Bisher haben sie freitags immer in den Gebetssaal selbst gerufen. Der Anrufer an diesem Freitag ist Mustafa Kader, der Religionsminister der Ditib.

Ditib-Vertreter: „Zeichen für die muslimische Heimat“

Abdurrahman Atasoy, Vizepräsident des Bundesverbandes Ditib, zeigte sich „sehr zufrieden“ mit dem Vertragsabschluss mit der Stadt Köln. “Der öffentliche Gebetsruf ist ein Zeichen der muslimischen Heimat.” Von „unsichtbaren und verschwenderischen Hinterhofmoscheen“ sind sie mittlerweile zum Mainstream der Gesellschaft geworden. „Die Hauptbotschaft dieses langen Prozesses ist, dass die Muslime mit ihren repräsentativen Moscheen als sichtbarem Teil und mit ihrem Gebetsruf als hörbarem Teil endlich angekommen und von der Gesellschaft akzeptiert sind.“

Die Stadt Köln hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, dass Moscheegemeinden ihre Gläubigen auf Antrag und unter Auflagen zum Gebet aufrufen können. Dies ist vorerst ein auf zwei Jahre befristetes Pilotprojekt. Oberbürgermeisterin Henriette Recker (parteilos) verwies auf die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit. Während in Kirchen Glocken läuteten, um die Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen, waren es in Moscheen die Rufe des Muezzins.

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© AFP

Islamismus-Experte Mansur: Die Ditib ist ein verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde

Der Berliner Islamexperte Ahmad Mansour kritisierte den Muezzinruf als “Demonstration der Macht des politischen Islam”. Er erinnerte daran, dass die Ditib der verlängerte Arm der türkischen Religionsbehörde in Ankara sei und Präsident Recep Tayyip Erdogan 2018 persönlich die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld eröffnet habe. „Es ist niederschmetternd, wenn ausgerechnet diese Organisation jetzt eine solche öffentliche Anerkennung erfährt“, sagte er sagte Mansour der Deutschen Presse-Agentur.

Der Autor und Psychologe kritisierte insbesondere, dass Reckers Entscheidung ohne vorherige Diskussion einfach verkündet wurde. Natürlich sind sie alle für Glaubensfreiheit. „Aber den Ruf des Muezzins einfach in diesen Zusammenhang zu stellen, ist kriminell naiv.“ (dh/dpa) © dpa