Zuletzt gaben ÖBB und Wiener Linien bekannt, dass sie in den nächsten Jahren Hunderte von Stellen besetzen müssen. Die Welle der Lehrerpensionierungen läuft seit einiger Zeit, und in einigen Fächern herrscht absoluter Mangel. Auch wird seit einiger Zeit vor Ärztemangel gewarnt, zunächst in der Privatwirtschaft, mittlerweile suchen aber auch einzelne Krankenhäuser nach neuem Personal.
Es ist jedoch schwierig, einen Überblick darüber zu geben, wann in welchen Branchen Rentenwellen mit entsprechenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt stattfinden. WIFO-Forscherin Julia Bock-Chapelwein gibt einen Tipp. Sie war Mitautorin einer Studie aus dem Vorjahr, in der anhand von Daten des Dachverbandes der Sozialversicherungsträger die Merkmale der Altersstruktur der Beschäftigten in Österreich und die Altersstruktur der Belegschaft aller österreichischen Unternehmen untersucht wurden.
ORF.at/Christian Öser Die ÖBB brauchen auch in den kommenden Jahren viele neue Mitarbeiter
Wo viele ältere Menschen arbeiten
Dabei zeigte sich, dass sowohl in der öffentlichen Verwaltung als auch in der Energieversorgung und im Immobilien- und Wohnungswesen der Anteil der Beschäftigten zwischen 55 und 64 Jahren mit über 20 Prozent besonders hoch ist. Auch der Anteil älterer Arbeitnehmer ist im Verkehrssektor sowie in der Wasser- und Abfallwirtschaft höher als in anderen Sektoren.
Auch in einzelnen Berufsgruppen lässt sich laut Bock-Schappelwein eine alterszentrierte Struktur ausmachen. Nach Angaben der Arbeitskräfteerhebung Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes sind dies Führungskräfte, nicht-akademische Wirtschafts- und Verwaltungsfachkräfte, Pflegeberufe, Feinhandwerker, Drucker sowie Anlagen- und Maschinenbediener und Montageberufe.
Strukturwandel und Arbeitsbedingungen als Faktor
Größere Unternehmen weisen laut Studie tendenziell eine ausgewogenere Altersstruktur auf. Sie können aber auch mit Pensionierungswellen konfrontiert werden, zum Beispiel wenn die Alterskurve in einer Branche „m-förmig“ ist, also zwar viele jüngere, aber auch viele ältere Menschen beschäftigt sind . Dies gilt für Lehrer, aber auch für verwandte Gesundheitsberufe, nichtakademische Rechts-, Sozialpflege-, Kultur- und verwandte Fachkräfte.
Die Gründe für die unterschiedliche Altersverteilung seien zahlreich, sagte Bock-Schapelwein gegenüber ORF.at. Ein Strukturwandel in der Wirtschaft kann zu einem Rückgang von Branchen oder zumindest zu einem Rückgang der Zahl der Beschäftigten führen. In der Bekleidungsindustrie etwa, aber auch in anderen Branchen, werde möglicherweise „nicht mit Neueinstellungen, sondern mit technologischem Wandel“ auf den Austritt aus der Belegschaft reagiert.
Ebenso würden sich spezifische Arbeitsbedingungen oder spezifische Merkmale des Arbeitsmarktes auswirken. Manche Branchen gelten als Einstiegs- oder Übergangsmärkte ins Berufsleben, die im Laufe des Berufslebens auch schnell wieder verlassen werden.
Nicht alle Branchen beschäftigen viele ältere Menschen
Darauf weist auch Arbeitsmarktexpertin Silvia Hofbauer von der Arbeiterkammer Wien gegenüber ORF.at hin: Die Babyboomer-Pensionierungswelle betrifft jene Branchen, in denen Beschäftigte bis zur Rente bleiben. Dazu gehört zum Beispiel der öffentliche Dienst – und damit auch Lehrer. In anderen Branchen würden ältere Menschen oft früher ausscheiden, zum Beispiel im Handel und Tourismus.
Getty Images/Mlenny Die Rentenwelle rollt seit einiger Zeit durch die Schulen
Unternehmen stehen laut Hofbauer vor einer Herausforderung: Es braucht altersgerechte Arbeitsplätze. Wenn sie arbeitslos bleiben, haben die über 55-Jährigen trotz des Arbeitskräftemangels immer noch schlechtere Chancen, einen Job zu finden. Laut AK-Umfrage aus dem Vorjahr wechselte nur jede zweite Frau direkt aus der Erwerbstätigkeit in den Ruhestand.
Unternehmen brauchen laut Hofbauer oft eine mittelfristige Führung für eine Altersstruktur und Zusatzqualifikationen. Der Ruhestand kommt nicht überraschend, daher müssen Unternehmen planen, wie sie dem Rechnung tragen – und wie sie ausscheidende Fachkräfte durch Weiterbildung ersetzen können.
Was Unternehmen tun können
AMS-Chef Johannes Kopf schlägt gegenüber ORF.at ähnliche Ansätze vor: Unternehmen sollten beim Recruiting nicht „in traditionellen Mustern stecken bleiben“. Auch Personen, die „bisher nicht im Fokus der Rekrutierungsbemühungen standen, wie ältere Menschen, Langzeitarbeitslose, Berufsrückkehrer, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen etc.“ sollten berücksichtigt werden.
Mit „Weiterbildung, lebensphasenorientierter Arbeitsgestaltung (Zeit), Gesundheitsförderung, Weiterbeschäftigung, z. in Teilzeit, auch nach der Pensionierung“, sagt Kopf. Zunehmende betriebliche Aus- und Weiterbildungsaktivitäten und Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung und -organisation würden ebenso helfen wie eine neue Bündelung der Stellenanforderungen. Schließlich besteht die Möglichkeit des Employer Branding, dh. Unternehmen, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, beispielsweise Mitarbeiter aktiver in die Arbeitsorganisation einzubinden und ggf. mit Extras zu belohnen.
Mittelständische Unternehmen – und die Politik – sind gefragt
Hofbauer sieht insbesondere im Mittelstand Nachholbedarf und verweist auf bestehende Beratungsangebote für Unternehmen. Das sieht auch Bock-Schappelwein so: Gerade Klein- und Kleinstunternehmen, die nicht über die notwendigen Ressourcen für das Management von Qualifikation, Gesundheit und Alter verfügen, dürften hier professionelle Unterstützung benötigen. Gemeinsam gealterte Unternehmen beispielsweise haben typischerweise „keine oder wenig Erfahrung mit Fluktuation (also wenige Abgänge und Neueinsteiger), geben Erfahrungswissen weiter und leiten zeitnah Suchprozesse ein“.
Wenige Stellensuchende für viele offene Stellen
Seit mehr als zwei Jahren macht die CoV-Politik vielen Menschen die Ausübung ihres Berufes unmöglich. Viele Arbeitgeber in bestimmten Branchen finden derzeit keine Mitarbeiter, weil viele nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückgekehrt sind. Pflege, Gastronomie, Handel, Schulen und die Luftfahrtindustrie klagen über Personalmangel.
Auch die Politik brauche Unterstützung, wie die Arbeitsfähigkeit erhalten werden kann, zum Beispiel in Form von gesundheitsfördernden Angeboten, sagt AK Hofbauer Experte: Die Politik kann und sollte auch mehr Anreize für altersgerechte Arbeit für mehr ältere Menschen setzen – z. in Form eines Bonus-Malus-Systems.
Die Folgen politischer Entscheidungen
Dem öffentlichen Dienst kommt dabei eine besondere Rolle zu – auch weil dort in den letzten Jahrzehnten politische Entscheidungen ihre Konsequenzen gezogen haben. Als Beispiel nennt Bock-Chapelwein den Einstellungsstopp des Bundes für den öffentlichen Dienst Mitte der 1990er Jahre. Auch danach reduzierten die Regierungen vor allem aus Haushaltsgründen die Zahl der Beschäftigten im Bundesdienst deutlich.
Debatte
Was tun gegen den Fachkräftemangel?
2012 folgte der nächste faktische Einstellungsstopp, und allein zwischen 1999 und 2020 sank die Zahl der Mitarbeiter um 30.000 – obwohl 18.000 aus dem Outsourcing kamen. Im Bundespersonalbericht heißt es zudem, dass es in den nächsten zehn Jahren zu einer Pensionierungswelle kommen werde, die „mehr Aufwand und Vorausplanung“ erfordere – auch weil es sich dabei überwiegend um hochqualifizierte Beschäftigte handele, d.h. Abitur oder Fachhochschulreife, die in den Ruhestand gehen.
Aber es sind nicht nur die eigentlichen politischen Entscheidungen, die dafür sorgen, dass jetzt Lücken geschlossen werden. Ab Ende der 1990er Jahre bis 2001 warnte die damalige ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Goerer (ÖVP) in Briefen an Abiturienten vor einer Weiterbildung in Richtung Lehramt. Die Jobaussichten seien extrem schlecht, sagte der Minister damals. In den Jahren 2000 und 2001 riet sie zudem von einem Medizinstudium mit dem Hinweis auf die lange Studien- und Wartezeit auf eine Praktikumsstelle ab.
Wertewandel bei Jugendlichen
Auch Hofbauer und Kopf beobachten den sich in den Umfragen abzeichnenden Trend des Wertewandels – nicht zuletzt als Folge der Pandemie. Wichtiger für jüngere Menschen seien laut dem Leiter des AMS die Arbeitsinhalte, der Sinn der Arbeit, die Gestaltungsmöglichkeiten und die Rahmenbedingungen der Arbeit.
Der Personalmangel wird immer schlimmer
Der Arbeitskräftemangel bereitet Wien immer mehr Probleme. In der Gastronomie, im Einzelhandel, bei den Wiener Linien und im Gesundheitswesen wird dringend Personal benötigt. Auch die Kritik an AMS wird lauter.
Fragen der Arbeitsbedingungen und der Qualität der Arbeitsplätze würden an Bedeutung gewinnen, sagt Hofbauer. Auch flexiblere Arbeitsmodelle wären gefragt. Dabei geht es nicht unbedingt um weniger Arbeit, sondern um die Möglichkeit, Erwerbstätigkeit mit anderen Interessen zu kombinieren – etwa mit einer Weiterbildung oder einem ehrenamtlichen Engagement. Aber es ist wichtig, von seinem Einkommen leben zu können, was in der Praxis meist die Grenze ist.
Unternehmen müssen zurückstecken
Head sagt, Unternehmen sollten…
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