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Schweizer Geheimdienste warnen davor, Gas aus Russland abzusperren

Fabian Eberhard und Simone Marti

Europa hat Angst. Tut es oder nicht? Stellt der russische Autokrat Wladimir Putin dem Westen wirklich die Gaslieferungen ab?

Er hat sie bereits erstickt. Und jetzt das: Seit Montag liegt die Gaspipeline Nord Stream 1 still, die wichtigste Verbindung für russisches Erdgas nach Deutschland. Grund dafür sind laut Moskau Reparaturarbeiten, die noch bis zum 21. Juli andauern.

Doch mehren sich die Hinweise, dass Russland den Gashahn aus politischen Gründen auch nach Abschluss der Wartungsarbeiten geschlossen halten könnte – mit Folgen für die Schweiz.

Eine geheime Analyse des Bundesnachrichtendienstes (NDB) zeigt, dass dieses Szenario realistisch ist. Das vierseitige Dokument, das dem SonntagsBlick vorliegt, trägt den Titel: “Der Kreml führt einen Wirtschaftskrieg gegen die EU.”

Darin schreiben Geheimdienstmitarbeiter: “Laut NDB ist es wahrscheinlicher, dass Russland die Gaslieferungen nach Europa weiter drosselt.” Mehr noch: Auch ein kompletter Lieferstopp sei „grundsätzlich möglich“. Diese Option wird “nach einem glaubwürdigen Geheimdienstbericht” in der Verwaltung des russischen Präsidenten geprüft. Es könnte ins Spiel kommen, wenn Russland große Gebietsverluste in der Ukraine erleidet.

Klar ist: Wenn Putin den Gasfluss stoppt, hat das auch für die Schweiz weitreichende Folgen. Rund drei Viertel des in Deutschland verbrauchten Gases werden über Deutschland importiert. 2021 sollen zunächst 43 Prozent des hier verbrauchten Gases aus Russland kommen.

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Die meisten werden mit fossilen Brennstoffen beheizt

Der NDB warnt in seiner Analyse: „Im schlimmsten Fall müssen Gasquoten verhängt werden, wenn die russischen Lieferungen reduziert oder gestoppt werden. Dies kann zu einer Kettenreaktion führen. Schweizer Unternehmen könnten in arge Bedrängnis geraten.» Gasknappheit würde auch Privatpersonen treffen. Fast 60 Prozent aller Wohngebäude in der Schweiz werden mit Gas oder Öl beheizt.

Die Bundesregierung arbeitet rund um die Uhr daran, die Energieversorgung für den Winter zu sichern. „Wir wollen uns heute vorbereiten und einer möglichen Krise vorgreifen“, sagte Wirtschaftsminister Guy Parmelin. Simonetta Somaruga forderte alle auf, gemeinsam für die Energiesicherheit zu sorgen: Bund, Industrie und Kantone. Energieminister: Jetzt geht es um den ganzen Job.

Die Bundesregierung hat gemeinsam mit der Energiewirtschaft ein Konzept entwickelt. Dieses sieht vor, dass die fünf Schweizer Regionalversorger Reserven aufbauen und sich zusätzliche Lieferungen von nicht-russischem Gas im Ausland sichern. Abkommen mit Nachbarländern sind bereits im Gespräch.

Darüber hinaus plant die Bundesregierung eine Sensibilisierungskampagne für Bevölkerung und Unternehmen, um einfach und schnell umsetzbare Energiesparmaßnahmen zu vermitteln. Die Aktion startete im Herbst – kurz vor der Heizsaison. Auch Dual-Fuel-Systeme, die mit Öl und Gas betrieben werden können, müssen auf Öl umgestellt werden.

Reichen diese Maßnahmen nicht aus, sind strikte Einschränkungen erforderlich. Wie der Strom bei Engpässen verteilt wird, haben die Behörden bereits festgelegt: Dann will der Bundesrat den Betrieb von Hallenbädern, Skiliften oder Leuchtreklamen verbieten. Reicht das nicht aus, müssen Großkunden ihren Verbrauch um 20 Prozent reduzieren.

Industrie zuerst

Beim Gas müssen die Details einer möglichen Rationierung noch festgelegt werden. Das Wirtschaftsministerium erarbeitet derzeit ein Quotenkonzept – darüber muss der Bundesrat im August entscheiden. Fest steht: Als erstes muss die Branche sparen.

Eine Verteilungsschlacht ist programmiert. Frank Rupp, Präsident der Interessengemeinschaft energieintensive Industrien (Igeb), die rund 16 Prozent des gesamten Industriegases in der Schweiz verbraucht, sagte vergangene Woche im Sonntagsblatt: „Haushalte dürfen nicht privilegiert werden.“ Privatpersonen werden sicherlich einen größeren Teil der Energiesparbemühungen übernehmen müssen: “Die Industrie kann nicht aufhören, während die Heizung in den Wohnungen aufgedreht wird.”

Rupp warnt: „Ohne Gas steht alles still.“ Dann müssen ganze Produktionen geschlossen werden. Papier beispielsweise kann nur mit voller Kapazität produziert werden, da die Prozesse extrem energieintensiv sind.

Wladimir Putin ist der kurzfristige Nutznießer der europäischen Energieknappheit und der Wirtschaftskrise, die sie auslösen könnte. NDB in seiner Analyse: “Eine Wirtschaftskrise kann von der russischen Führung zu Propagandazwecken missbraucht werden.”