Die Jahre 2018/19 im politischen Leben von Markus Söder sind geprägt vom Artenschutz. Er war eher dazu getrieben, als die Dringlichkeit von sich aus zu erkennen. Dies gilt beispielsweise für den geplanten Bau eines Skigebiets am Riedberger Horn. Zunächst wollte Söder beim Alpinplan Hand anlegen, der die dortige Flora und Fauna schützt. Als er merkte, dass die Proteste gefährlich wurden, machte er einen Rückzieher.
Auch beim erfolgreichsten Volksbegehren der bayerischen Geschichte, Biodiversität und Naturschönheiten in Bayern – Rettet die Bienen, war Söder zunächst in der Defensive, bevor er die Führung in der Bewegung übernahm und dem Landtag die Annahme des Volksbegehrens empfahl. Er wurde viel verspottet, als er seine Arme wie ein Frauenkreuz um einen Baum schlang. Aber auch dank dieses „Rebrandings“ wurde er später fast zum Kanzlerkandidaten.
Natürlich musste der CSU-Chef den Preis für das grüne Image zahlen: die Entfremdung seiner Partei von der Bauernschaft. Ihre Vertreter verabschiedeten die Beschlüsse zum Artenschutz – allerdings mit der Faust in der Tasche. Einige CSU-Strategen stellten fest, dass der Anteil der Landwirte an der Wählerschaft ohnehin immer kleiner werde.
Plötzlich erschien Ivanger
Doch dieses Kalkül geht nicht weit genug: Noch immer fühlen sich viele Menschen im Land durch Ahnen, Traditionen oder die Kulturlandschaft mit der Landwirtschaft verbunden. Die wohlhabendsten Bürger verdanken ihren Reichtum oft Feldern, die in Bauland umgewandelt wurden. Für viele Abgeordnete der CSU ist der Boden, den Sie beherrschen, noch immer Identitätsstifter.
An diesem Selbstbewusstsein kratzte Söder mit seiner gründlichen Art. Der Unmut wuchs, als die CSU meldete, Hubert Ivanger, Vorsitzender der Freien Wähler und Diplom-Agraringenieur, stelle sich als neuer natürlicher Partner der Landwirte vor.
Die Initiatoren der Volksabstimmung drückten Söder Respekt aus. Um sich trotz Widerständen der Erkenntnis zu öffnen, dass eine ertragreiche Landwirtschaft auf Bienen und fruchtbaren Boden angewiesen ist. Doch bald stellte sich Ernüchterung ein. Das war zum Teil politisch motiviert – als Grüner kann man einen Schwarzen nicht immer loben. Aber auch das hat in der Sache seine Berechtigung: In Bayern etwa geht die Förderung des ökologischen Landbaus oder der Aufbau des so ausgerufenen Biotopverbundes nur schleppend voran.
Zumindest nach der Niederlage bei der Bundestagswahl geht es Söder weniger um eine Vergrünung seiner Partei als um die Ansprache der Stammwähler. Dies gilt umso mehr seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Auch Landwirte leiden unter steigenden Diesel- und Düngemittelpreisen, profitieren aber auch von höheren Lebensmittelpreisen.
Vor allem aber haben sie neues Selbstbewusstsein gewonnen, weil sie sich wieder gebraucht fühlen, Stichwort Lebensmittelsicherheit. Wer kürzlich an einem Bauerntreffen teilgenommen hat, hat den neuen Geist gespürt, den Kritiker für den alten halten: Produzieren, als ob Insekten sterben würden oder Nitratbelastungen im Grundwasser nicht existierten.
Söder: Mehr Ackerland
Auf einem Parteitag Ende April forderte Söder im Beisein des Präsidenten des Bauernverbandes, dass „der ganze Brachwahn“ zum Erhalt der Biodiversität wegen der weltweiten Ernährungskrise nicht nur in einem Jahr „überdacht“ werde, sondern „ permanent”. Zuletzt sagte er es noch einmal nach einer Kabinettssitzung mit der EU-Landwirtschaftskommissarin. Söder forderte „mehr Anbaumöglichkeiten“. Deutschland hinkt den Fähigkeiten der EU hinterher.
Mein Freund, der Baum: Markus Söder im September 2019 im Hofgarten hinter der Staatskanzlei in München: Bild: dpa
Grünen-Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hat Gras in ökologischen Vorranggebieten bereits als Tierfutter zugelassen. Das reicht also nicht. Wegen Produktionsausfällen in der Ukraine will er den Bauern in diesem Land die Möglichkeit geben, daraus echtes Ackerland zu machen. Agnes Becker von der ÖDP, so etwas wie eine Bienenvolksbefragungsmutter, fürchtet den Rauswurf. Die Landesregierung spielt den Artenschutz „gegen hungernde Kinder und warme Stuben“.
Tatsächlich kam es nach dem Treffen mit der Landwirtschaftskommissarin auch zu Auseinandersetzungen mit den anderen bayerischen Kabinettsmitgliedern mit Söders Horn. Landwirtschaftsministerin Michaela Canniber, ebenfalls CSU, forderte, die Ernährungssicherung im Grundgesetz zu verankern. „Es ist nicht hinnehmbar, dass wir den Umwelt- und Klimaschutz immer im Vordergrund haben.“ Und Umweltminister Torsten Feyter (Freie Wähler), in dessen Haus eine gewisse Sensibilität dafür herrscht, dass Natur und Kultur im Widerstreit stehen, spricht fast ausschließlich aus der erhaltenswerten bayerischen Kulturlandschaft.
„Professionelle Beleuchtung“ für den Vogelschutz
Am Dienstag dieser Woche stand Klimaschutz im bayerischen Kabinett auf der Tagesordnung. Die Teilnehmer machten deutlich, dass dieser im Zweifel Vorrang vor dem Artenschutz habe. Diesen Slogan hat Klimaschutzminister Robert Habeck mit Blick auf die Windenergie erlassen, Söder nennt ihn auch für die Wasserkraft: Er will sogar an einem naturnahen Fluss wie der Salzach neue Wasserkraftwerke bauen.
Bei solchen Forderungen weiß er seinen Kabinettskollegen und Konkurrenten Hubert Eiwanger auf seiner Seite. Der stellvertretende Ministerpräsident sagte am Dienstag, in einer Zeit, in der alte Kohlekraftwerke ordnungsgemäß wieder ans Netz gehen und CO2 damit „in die Höhe schießt“, müsse man „auch an das Thema Vogelschutz denken“. nüchtern und kompetent”.
Es sei „bezeichnend“, dass der Rotmilan, obwohl er als gefährdet gilt, an jedem Windkraftstandort in Deutschland vorkommt. „Entweder sind es die letzten ihrer Art, die dann über ganz Deutschland fliegen – oder sie sind gar nicht so selten.“
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Timo Frasch, München
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