Mit Karl Zuckmeiers Des Teufels General schlossen die Reichenauer Festspiele ihre Premierenreihe für 2022 und damit das erste Jahr der neuen – und erst zweiten – Intendanz seit Gründung der NÖ Theatertage 1988. Genau diese Produktion, die es noch gab unter der künstlerischen Leitung der beiden Gründer, Renate und Peter Loidolt, wie das „alte“ Team des Reichenauer Künstlerensembles programmiert war, beim Publikum bisher besten Anklang fand, darf nicht weniger als eine Randnotiz sein. Bewährt hat sich jedoch die Inszenierung, die in den Händen von Hermann Beil liegt – ehemaliger Chefdramaturg und Co-Regisseur der „infant terrible“-Jahre des Burgtheaters unter der Leitung von Klaus Peimann – der bereits (wir sind in Österreich) berühmt ist dass einige der Schauspieler, die seit einigen Jahren zu Reichenaus Stammkünstlern gehören und die Stimmungen und “Klänge” der hier programmierten Stücke einfach perfekt in ihr schauspielerisches Repertoire eingebaut haben. Und damit vor allem beim Publikum jene Begeisterung hervorzurufen, die die neue Regisseurin Maria Happel noch nicht in dem Maße versprüht hat, wie man es angesichts ihrer Popularität erwarten würde.
Bayle, der im August seinen 81. Geburtstag feiert, nähert sich Zuckmeiers 1942 begonnenem “Sittenbild mit General” dramaturgisch präzise all jener Aspekten von Nazi-Anhängern, die in Österreich nach 1945 allzu schnell und bereitwillig “vergessen” wurden bereits 1933 als ausgesprochener Gegner des NS-Regimes aus Hitlerdeutschland an den Salzburger Wallersee emigriert war und seit 1938 im amerikanischen Exil lebte, schrieb das Stück zum Gedenken an „Ein General der deutschen Wehrmacht Ernst Udet, dessen Ende 1941 las er in amerikanischen Zeitungen in einer “kurzen Notiz”, dass er “beim Ausprobieren einer neuen Waffe einen tödlichen Unfall hatte und ein Staatsbegräbnis erhielt”. Udet, der leidenschaftliche Flieger und bewunderte Nazi-General, wusste schon lange, dass der Nationalsozialismus „die Menschenwürde nicht mehr anerkennt“, entschied sich aber dafür, nicht zu laufen – und entschied sich zu sterben. Ein Tod, der eher dem entsprach, was Zuckmeier seinem in Udet stationierten Flieger General Harras in den Mund gelegt hätte: “vom Teufel gefangen” – dem Teufel, dem man sich, wenn auch nur kurz, verschrieben hatte. Harras weiß auch, dass jeder, der dem Teufel dient, eines Tages mit ihm in der Hölle schmoren muss. „Schüttle den Staub dieses Landes von deinen Schultern, geh hinaus in die Welt und komm nie wieder zurück“, riet Udet seinem Freund 1936 bei einem „rücksichtslosen Besuch“ bei Zuckmeier in Berlin zum Abschied.
Ein beeindruckendes Kaleidoskop an Charakteren
Zuckmeier gelang das mit seinem ab 1942 geschriebenen „Über den Sarg“ (ungefähr zur gleichen Zeit arbeitete der Autor auch an seinem „Geheimbericht“ für das US Office of Strategic Services, der 150 „Heldenporträts“ für Künstler der „ Drittes Reich” “) und 1946 am Schauspielhaus Zürich, mit Gustav Knuth in der Titelrolle, ein beeindruckendes Kaleidoskop von aus dem Nazistaat mitgebrachten Charakteren: vom blind ergebenen, blind wütenden Sozialisten bis zum Bild des Nazi-Kulturführers Dr. Schmidt-Lausitz, den Tobias Voigt in dieser Inszenierung nicht zufällig als Anklage gegen Dr. Goebbels notiert, an die „Nationalsozialisten im Werden“, wie hier Johanna Arwas, deren wollüstiges „Pützchen“ stellenweise sogar plakativ entblößt ist , neben Nikolaus Haag und Eliza Seidel, die als liebevolles und keineswegs „militärisch“ wirkendes Paar Friedrich und Anna Eilers versuchen, ihren Rollen jene Doppelfarbe zu geben, die zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung changiert und deutlich macht, dass nicht alle Anhänger sind Bettler sie waren “böse”. Übrigens ein Problem mit seinen Charakterzeichnungen, das Zuckmeyer erst zehn Jahre nach dem großen Erfolg seines Stücks bewusst wurde, sich aber erst ab 1963 zurückzog, bis drei Jahre später eine überarbeitete Fassung erschien.
Johanna Arrouas als Waltraut von Mohrungen, genannt Pützchen, mit Stephan Jürgens als Harras.
– © Lalo Jodlbauer
Auch sein Harass ist von jenen Ambivalenzen geprägt, die frühe Inszenierungen gerne „übersehen“: ein durch und durch „deutscher Held“, aber nicht blind für seine eigenen Übertretungen. Stefan Jürgens spielt diesen Haras mit echtem Charme und steter Freundlichkeit, was es manchmal schwierig macht, ihn überhaupt als „tapferen Draufgänger“ wahrzunehmen, zu weich und stellenweise „rotzig“ ist sein Image.
Besonders stark in dieser Inszenierung sind Emese Fay, die es glaubhaft schafft, Haras’ Jugendliebe Olivia Geiss zwischen Diva-Anschein und echter Zuneigung zu erschaffen, André Paul als gebrochene, aber widerstandsfähige graue Überlegenheit von Oderbruchs Ingenieursteam und David Oberkogler als verzweifelter Flieger Officer Hartman liefert eine der stärksten Szenen des Abends. Dirk Nocker, Johanna Prosl und Rainer Friedrichsen tun sich sichtlich schwerer, ihren Figuren die vielschichtige Ambivalenz zu verleihen, die Zuckmeier beabsichtigte, und verfallen entweder tief in den Berliner Schnauzentopf oder die Klischees über junge Mädchen (inklusive weiß lackierter Schuhe).
Herman Biles lehnt das gekonnt verdichtete Stück, das er selbst bearbeitet hat, rundweg ab, ohne jedoch ein wirkliches Bemühen anzuerkennen, gewohnte Pfade zu verlassen und den Schauspielern mehr Möglichkeiten für schauspielerische Ausflüge in die Gegenwart zu geben.
Theater „Des Teufels General“ von Karl Zuckmeier, Hermann Beil (Leitung) Festspiele ReichenauWh. bis 6.8
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