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Umgang mit Uiguren: Horrorbilder

Außergewöhnlich

Stand: 24.05.2022 06:11

Bilder zeigen erstmals, wie brutal China die uigurische Minderheit in der Region Xinjiang unterdrückt. Die Aufnahmen sind Teil eines umfangreichen Leaks, den der BR mit weiteren Medienpartnern ausgewertet hat.

Von Philippe Gruhl, Fabian Mader und Hakan Tanriverdi, BR

Mahmoud Tohti hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Söhnen und seiner Schwiegertochter. Er vermutet: Sie waren in einem Internierungslager inhaftiert, er hat bisher keine Beweise. Die Uiguren sind vor Jahren in die Türkei geflohen. Jetzt erfährt er, dass einer seiner Söhne zu mehr als zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Weil sein Name auf einer Liste von Gefangenen in den Polizeiakten von Xinjiang zu finden ist.

Xinjiang ist eine Region im Nordwesten Chinas, die von einem überwiegend muslimischen uigurischen Turkvolk bewohnt wird. Auch der Haftgrund wird genannt: Vorbereitung terroristischer Anschläge. Tohti weint. “Wie kann er Terroranschläge planen, wenn er nicht einmal weiß, wie man ein Messer hält?” Er konnte seine Lieben nicht berühren, er konnte sie nicht umarmen, er konnte sie nicht sehen. “Was ist das für ein Leben?”, fragt er.

In der Region Xinjiang gebe es keine Verfolgung von Uiguren, sagten chinesische Regierungsvertreter wie Außenminister Wang Yi immer wieder, die Menschenrechtslage sei besser denn je, die Nationalitäten leben “in Harmonie”. Die Einrichtungen, die von den westlichen Medien als Internierungslager bezeichnet werden, sind lediglich Ausbildungseinrichtungen und freiwillig. Aber jetzt sieht die Weltgemeinschaft zum ersten Mal Fotos, die zeigen, was hinter den Mauern dieser Lager passiert.

Fotos, Dokumente, Namenslisten

Die Polizeiakten von Xinjiang sind das größte Leck an Informationen über staatliche Umerziehungslager in China, das bisher veröffentlicht wurde. Es enthält Informationen zu rund 300.000 behördlich registrierten Chinesen, überwiegend Uiguren. Fotos aus dem Inneren des Speichersystems sind ebenfalls Teil des Lecks.

Eine Serie zeigt zum Beispiel mit Holzstöcken bewaffnete Sicherheitskräfte, die einen Gefangenen in Hand- und Fußfesseln nehmen. Der Mann trägt einen schwarzen Sack auf dem Kopf und sitzt am Ende der Fotostrecke in einem sogenannten Tigerstuhl – einem Spezialstuhl, der laut Human Rights Watch in chinesischen Gefängnissen zur Folter verwendet wird. Andere Bilder zeigen Sicherheitskräfte mit Sturmgewehren.

Eine Reihe von Fotos zeigt … Bild: Xinjiang Police Files

… wie die Uniformierten einen Mann nehmen … Foto: Polizeiakte Xinjiang

Experten zufolge wurden in der Autonomen Region Xinjiang eine Million Uiguren vorübergehend in Lagern festgehalten. In den letzten Jahren wurden immer wieder inländische Regierungsdokumente veröffentlicht. Seitdem sind offenbar einige Lager geschlossen worden, andere bestehen weiter.

Die Regierung in Peking verfolgt Experten zufolge eine strikte Assimilationspolitik gegenüber der muslimischen Minderheit. Diese Position ist seit dem Amtsantritt von Präsident Xi Jinping im Jahr 2013 nach Unruhen in der Region und Terroranschlägen anderswo in China angespannt.

… und wie er im sogenannten Tigerstuhl verhört wird. Bild: Akten der Polizei Xinjiang

Folterstuhl und Erschießungskommando

Neben den Tausenden Fotos von Inhaftierten, die im ersten Halbjahr 2018 aufgenommen wurden, enthält der Datensatz geheime Dokumente, Studienmaterialien und Mitschriften von Reden hochrangiger Parteifunktionäre zum Umgang mit der Volksgruppe der Uiguren.

Bei vielen Menschen haben die Behörden den Grund ihrer Inhaftierung erfasst. Der Mann soll sich mit seiner Mutter eine Stunde lang eine Audiodatei angehört haben, in der “Religionssteuern” enthalten waren: 20 Jahre Vorbereitung auf einen Terroranschlag. 34 Jahre später wurde ein anderer Mann wegen des Studiums religiöser Schriften inhaftiert – zehn Jahre lang, wegen Taufe und Vorbereitung auf Terroranschläge. 15 Tage in einem Fitnesscenter zu arbeiten, wurde von den Sicherheitsbehörden als Vorbereitung auf einen Terroranschlag interpretiert: zwölf Jahre Gefängnis.

Die Fotos zeigen, dass es sich um hochsichere Lager handelt. Bild: Akten der Polizei Xinjiang

Aus den Polizeiakten von Xinjiang geht hervor, dass es sich bei den mutmaßlichen Ausbildungszentren um schwer bewachte Lager handelt. Anders als die chinesische Regierung behauptet, sind die Inhaftierten eindeutig nicht freiwillig dort. Den Unterlagen zufolge sind die Fluchtversuche lebensgefährlich.

Wenn es zu einem solchen Vorfall kommt, müssen die Sicherheitskräfte die Streitkräfte des Lagers rufen, heißt es in der Erklärung. Befolgt der „Schüler“, wie es in dem Dokument heißt, die Anweisungen nicht, müssen die Sicherheitskräfte einen Warnschuss abgeben. Wenn er weiterhin versucht zu fliehen, “wird die bewaffnete Polizei auf ihn schießen”.

Den Dokumenten zufolge sind die Fluchtversuche aus diesen Lagern lebensgefährlich. Bild: Akten der Polizei Xinjiang

Eine anonyme Quelle hinterließ einem deutsch-chinesischen Forscher Daten

Xinjiangs Polizeiakten wurden dem deutschen Anthropologen Adrian Zenz aus einer anonymen Quelle zugespielt. Nach Angaben des Forschers stammten die Dateien von Computersystemen des Büros für öffentliche Sicherheit in den Landkreisen Ili und Kashgar in der Region Xinjiang. Die Quelle, die ihre Identität aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben wollte, hackte die Systeme und kontaktierte ihn dann.

Laut Zenz habe seine Person die Daten bedingungslos übermittelt, es sei kein Geld geflossen. Zenz hat in der Vergangenheit eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung des Lagersystems von Xinjiang gespielt. Für den China-Experten, der bei der Memorial Foundation of the Victims of Communism in Washington arbeitet …