Eine überraschende Menge kommt im Körper vor. Milliarden von Mikroben streunen umher. Bakterien, Pilze, Protozoen – jeder Mensch trägt mindestens 1000 verschiedene Arten in sich. Kleine Mikroorganismen besiedeln den Darm, aber auch Haut, Nase, Mund und Genitalien. Das ist keineswegs ekelhaft oder gar schädlich, wie wir es heute kennen. Vielmehr halten uns diese Mikroben, auch Mikrobiome genannt, gesund. Aber es gibt ein Problem.
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„Wahrscheinlich ist etwa die Hälfte des Mikrobioms in den westlichen Ländern bereits verloren“, sagt Till Stroig, der am Helmholtz-Infektionsforschungszentrum (HZI) in Braunschweig die schützende Wirkung von Bakterien in der Darmflora untersucht. Das Problem, auf das Forscher zunehmend hinweisen, ist, dass viele Menschen durch den Rückgang von Mikroorganismen anfälliger für Krankheiten werden.
Eine lange Liste von Volkskrankheiten steht unter Verdacht. Stoffwechselstörungen zum Beispiel, die unter anderem zu Übergewicht führen. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen können gefördert werden. Ebenso chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Autoimmunerkrankungen wie Rheuma. Auch ein Zusammenhang zwischen Lebensmittelallergien und dem Darmmikrobiom wird vermutet. Warum also verschwinden Mikroorganismen plötzlich?
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Geburt, Stillzeit, Wohnort: Das Mikrobiom entwickelt sich in der Kindheit
Die ersten fünf Lebensjahre sind besonders wichtig für die Entwicklung des Mikrobioms.
stöbern,
untersucht das Mikrobiom
Der Mensch selbst ist es, der die schützenden Mikroben immer mehr aus seinem Leben verdrängt und hygienischer, steriler und urbaner durch den Alltag geht. Das hat einerseits Vorteile, wie Strawig erklärt. Schlechte Krankheitserreger wie Erkältungs-, Corona-, Noro- und Grippeviren breiten sich weniger aus. Aber es gibt auch Nachteile – die guten Krankheitserreger des Mikrobioms kommen nicht mehr mit dem menschlichen Körper in Kontakt. Denn es kommt auf die Aufnahme von Bakterien aus der Umgebung an.
Vor allem in der Kindheit. „Besonders die ersten fünf Lebensjahre sind entscheidend für die Entwicklung des Mikrobioms“, erklärt Stroig. Forscher wissen, dass per Kaiserschnitt geborene Kinder in den ersten Monaten ein anderes Mikrobiom entwickeln als vaginal geborene. Wenn das Baby den Geburtskanal der Mutter passiert, nimmt es zum ersten Mal eine große Anzahl von Mikroorganismen auf. Allerdings enden laut Statistischem Bundesamt heute rund 30 Prozent der Geburten mit einem Kaiserschnitt.
Till Stroig leitet die Abteilung Mikrobielle Immunregulation am Helmholtz-Institut für Infektionsforschung. Sein Team untersucht, wie sich mikrobielle Gemeinschaften auf Infektionskrankheiten auswirken und wie sie zur Behandlung von Krankheiten manipuliert werden können.
© Quelle: HZI / Verena Meier
Wird das Kind gestillt oder mit der Flasche ernährt? Auch das spielt eine Rolle, denn durch das Stillen werden Bakterien und Bestandteile transportiert, die das junge Mikrobiom ernähren. Es gibt in der Tat große Fortschritte bei Vorschlägen zur Vorfütterung. „Aber bei der Entwicklung des Mikrobioms ist es noch nicht so“, sagt Stroig zum aktuellen Stand der Forschung.
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Auch das Wachstum der Kinder spielt eine Rolle. “Wer in einer supersterilen Umgebung aufwächst, nimmt mit geringerer Wahrscheinlichkeit eine Vielzahl natürlicher Bakterien auf”, sagt Stroig. Ein wenig Kontakt mit Schmutz im Alltag? Es gibt definitiv gesundheitliche Vorteile. Spielen Kinder in den ersten Lebensjahren mit vielen verschiedenen Freunden oder immer mit den gleichen? Wird ihre Umgebung stark mit Desinfektionsmitteln desinfiziert? Wächst du in der Stadt oder auf dem Land auf? Nehmen Sie schon lange Antibiotika? All dies hilft zu entscheiden, welche Mikroorganismen den Körper in der ersten prägenden Lebensphase besiedeln.
Lieber Vollkorn als Chips: Der heutigen Ernährung mangelt es an Ballaststoffen
Wenn wir ballaststoffreiche Lebensmittel zu uns nehmen, geben wir Bakterien mehr Wachstumsmaterial.
Aber auch Erwachsene sind daran beteiligt, dass ihr Mikrobiom heutzutage abnimmt. Sie essen weniger Ballaststoffe als früher und geben den guten Bakterien im Dickdarm zu wenig Nahrung. Stattdessen bedeutet die heutige Ernährung, hauptsächlich leicht verdauliche Lebensmittel zu essen. „Viele gesunde Bakterien ernähren sich jedoch von Ballaststoffen, Bestandteilen unserer Nahrung, die der Mensch nicht gut verdauen kann“, erklärt Stroig. „Wenn wir ballaststoffreiche Lebensmittel zu uns nehmen, dann geben wir den Bakterien mehr Wuchsstoff.“
Umgekehrt bedeutet es aber auch: Je abwechslungsreicher und weniger verarbeitete Lebensmittel man isst, desto mehr Bakterien finden eine eigene Nische im Körper und das Mikrobiom kann ein Leben lang erhalten bleiben. Statt Gebäck, Pommes und Tiefkühlpizza sollte der Teller Vollkornprodukte, Nüsse, Obst, Hülsenfrüchte wie Kichererbsen, Gemüse wie Sellerie, Brokkoli oder auch Pilze enthalten. Dies wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen.
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Zerstörtes Mikrobiom: Stuhlspenden können helfen
Denn ist das Mikrobiom einmal zerstört, gibt es keine einzige Pille, die das Zurücksetzen begünstigt. Schließlich werden neue Therapieansätze erwartet. Besonders vielversprechend seien Experimente, bei denen gesunde Menschen Stuhlproben spenden, die dann in die zerstörte Darmflora kranker Menschen transplantiert oder in Kapseln appliziert werden, berichtet Stroig.
Länder wie die Niederlande haben bereits gute Erfahrungen mit einer solchen Behandlungsmethode gemacht. Wiederkehrende Infektionen beispielsweise mit Clostridioides dificile können durch eine Stuhltransplantation gestoppt werden. Es ist eine akute Darmentzündung, die vor allem bei älteren Menschen oder bei Krankenhausaufenthalten auftritt, oft nach Antibiotika. In Deutschland sind die Menschen noch zurückhaltender als im Nachbarland. Die Behandlung sei noch nicht allgemein empfohlen, was etwas mit den Zulassungsrichtlinien zu tun habe, sagte Strowig. Klinische Studien zur Stuhltransplantation haben zugenommen, aber auch hierzulande. Solche Ansätze könnten auch bei der Behandlung von Krebs oder Erkrankungen des Nervensystems helfen.
Vorsicht bei Stuhlanalysen von privaten Anbietern
Ob dieses Mikrobiom gut oder schlecht für diese Person ist, kann man mit solchen Tests nicht zuverlässig sagen.
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Verschiedene private ISPs sind bereits auf die Begeisterung für Stuhltransplantationen aufgesprungen. Sie bieten sogenannte Darm-Mikrobiom-Analysen an. Das Versprechen? Wer eine Stuhlprobe einsendet, soll Informationen über die genauen Zusammenhänge zwischen der Darmflora und gesundheitlichen Problemen erhalten. Manchmal sind personalisierte Ernährungstipps enthalten. “Ich empfehle das nicht”, sagt Wissenschaftler Stroig. „Man kann bei solchen Tests nicht sicher sagen, ob dieses Mikrobiom gut oder schlecht für diese Person ist.“
Um das Zusammenspiel von Bakterien besser zu verstehen, arbeitet die Forschung noch daran. Auch ist noch nicht genau entschlüsselt, welche Stuhlspende mit welchen Mikroorganismen für welchen Patienten besonders geeignet sein könnte. Darin liegt die große Herausforderung: Wie Mikroorganismen zusammengesetzt sind und wie sie sich schützen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Jedes Mikrobiom ist einzigartig.
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