Germany

Vertreter der Ukraine ist enttäuscht: Unverständnis nach Merkels Auftritt

Stand: 08.06.2022 16:52 Uhr

Altkanzlerin Merkel spricht erstmals über ihre bisherige Russlandpolitik – wenig selbstkritisch, wie Kritiker sagen. Die Aufführung kam bei den Vertretern der Ukraine nicht gut an.

Nach dem Auftritt der ehemaligen deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin zeigt sich die ukrainische Regierung wenig begeistert von den Erläuterungen zu ihrer bisherigen Russlandpolitik. Unklar sei auch, warum Merkel den Bau der deutsch-russischen Gaspipeline Nord Stream 2 unterstütze, schrieb der Berater des ukrainischen Präsidenten Mykhailo Podoliak auf Twitter. Podoliak stellte die Frage: „Wenn Bundeskanzlerin Merkel schon immer gewusst hat, dass Russland einen Krieg plant und die EU zerstören will – warum dann die Gaspipeline Nord Stream 2 bauen?“.

Tatsächlich hatte sich Merkel bei ihrem Auftritt in Berlin ähnlich geäußert. Bei dem Treffen äußerte sich die Altkanzlerin erstmals seit ihrem Ausscheiden im Dezember öffentlich ausführlich zu ihrer Russlandpolitik. Sie verurteilte erneut die russische Invasion in der Ukraine, weigerte sich jedoch, sich für ihre Politik gegenüber Russland zu entschuldigen.

Melnik: “Ich habe viel mehr erwartet”

Auch der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnik, zeigte sich nach Merkels Auftritt enttäuscht. Er erwarte von Merkel deutlich konkretere Antworten. „Denn wenn alles so gut gelaufen sein soll und keine Fehler gemacht wurden, dann stellt sich die Frage, warum wir es mit diesem Angriffskrieg von 105 Tagen zu tun haben“, sagte er gegenüber RTL und ntv. Aus seiner Sicht gebe es „noch viele offene Fragen“.

Generell begrüßte Melnik, dass Merkel öffentlich zu ihrer Russlandpolitik Stellung bezogen habe. Es brauche eine “Überprüfung der russischen Politik” und eine “offene Diskussion in der deutschen Gesellschaft” darüber, sagte er.

Die CDU ist über Merkels Politik gegenüber Russland gespalten

Merkel hat in ihrer 16-jährigen Amtszeit stets auf den Dialog mit Moskau und eine enge Wirtschaftspartnerschaft gesetzt. Dieser Kurs wird nun auch in ihrer Partei in Frage gestellt. Der neue CDU-Chef und langjährige Merkel-Kritiker Friedrich Merz sprach von einem “zerbrochenen Haufen” der gesamten deutschen Außen- und Sicherheitspolitik der vergangenen 20 Jahre und sagte, auch seine Partei werde die Vergangenheit aufarbeiten.

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Jens Spahn verteidigte Merkels Politik gegenüber Russland. Er sagte, Merkel sei „nie Illusionen erlegen“ – anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder habe sie „sich dem System verkauft“.