Stand: 10.07.2022 11:42 Uhr
Die Folgen der Klimakrise bedrohen auch die Sicherheit der Hochgebirgshütten. Mit Hilfe der Wissenschaft müssen adäquate Gegenmaßnahmen gefunden werden. Aber auch die Hütten selbst bereiten Probleme.
Von Ulrike Nicola, Bayerischer Rundfunk
Der Großglocknerfelsen bewegt sich schnell. Genauer: 70 Zentimeter in zwei Jahren. Die Piste rückt immer näher an die Stüdlhütte heran. Auf 2.802 Metern ist die Stüdlhütte in den österreichischen Alpen Ausgangspunkt für viele Bergsteiger, die sich über den Luisengrat oder Stüdlgrat zum Gipfel des Großglockners wagen. Aber die Frage ist, wie lange das noch so sein wird.
Denn der Klimawandel lässt nicht nur das sichtbare Eis der Gletscher in den Alpen schmelzen, sondern auch den Permafrost in den Felsen. Dieses gefrorene Wasser in Felsspalten und Felsporen wirkt wie Kitt für die 2.800 Meter hohen Berge. Taut dieser Permafrost auf, beeinträchtigt das die Stabilität des Gesteins.
Stüdlhütte am Großglockner in Österreich. Bild: picture-alliance / Reinhard Kung
Der Deutsche Alpenverein (DAV), dessen Sektion Oberland die Stüdlhütte besitzt, hat wissenschaftliche Untersuchungen in Auftrag gegeben. Denn die Hütte ist nur zu retten, wenn die Bewegung der Piste gebremst werden kann. Deshalb haben Prof. Michael Krautblatter von der Technischen Universität München und sein Team dort zunächst geophysikalische und geoelektrische Forschungen durchgeführt. So konnten sie den thermischen Zustand des Hanges bestimmen und feststellen, wie viel Gestein noch gefroren war. „Wir haben gesehen, dass eines der Hauptprobleme das Wasser vom Hüttendach war. Denn es strömt bei drei, vier Grad plus ins Erdreich und trägt diese Wärme mehrere Meter in die Tiefe“, sagt Prof. Krautblatter.
Hütten erzeugen Wärme
Daher wird der Permafrost im Gestein von zwei Seiten unter Druck gesetzt: Zum einen durch vorzeitiges Abschmelzen des Schnees, wie in diesem Sommer geschehen, sodass oben keine Schutzschicht vorhanden ist. Zum anderen durch hochalpine Hütten, die wiederum Wärme an die Umgebung abgeben. „Eine erste und wichtige Maßnahme bei der Stüdlhütte ist es, die Entwässerung der Materialgondel und des Gebäudes so zu ändern, dass wir das gesamte Wasser ableiten, damit es nicht in den Boden gelangt“, erklärt Prof. Krautblatter. Sonst würde das warme Wasser den Hangabstieg weiter beschleunigen. Aber auch die Raumtemperatur einer Hütte scheint durch den Boden im Felsen.
Um die Erwärmung des hüttennahen Gesteins zu reduzieren, werden die Gebäude nun von unten gedämmt. Es gibt auch komplexere Methoden, zum Beispiel ein Gebäude aufzustocken und von unten zu belüften. Zudem werden meist bauliche Maßnahmen zur Stabilisierung von Berghängen eingesetzt – zum Beispiel mit Hilfe sogenannter Felsanker. All dies ist kompliziert und teuer. Der Deutsche Alpenverein und seine Sektionen werden in Zukunft viel investieren müssen.
Denn allein der DAV hat 37 Lodges, die über 2500 Meter hoch liegen und damit vom Klimawandel bedroht sind. Das Hochwildehaus in den Jötztaler Alpen, im südlichsten Teil Österreichs, ist bereits akut gefährdet und seit 2016 geschlossen, berichtet Hanspeter Mair, Leiter Alpine Raumplanung beim DAV Bundesverband. „Um das Gebäude zu stabilisieren, wurde es an allen vier Seiten ausgesteift. Wie es weitergeht, ist noch nicht klar. Wir diskutieren noch mit dem betroffenen Stadtteil Karlsruhe, ob die Berghütte erhalten werden kann und soll“, sagt Mayr.
Die Runden und Anstiege zum Gipfel werden immer schwieriger
Ramolhaus ist nicht weit entfernt. Dort sind Gäste von der Sperrung nicht betroffen, Bergsteiger beraten aber, wie man den 3.537 Meter hohen Schalfkogel am besten erreicht. Aufgrund des warmen Sommers in diesem Jahr schmelzen die Schneefelder schneller als in den Vorjahren. Infolgedessen erwartet Kletterer mehr Schotter und loses Gestein statt Schnee und Eis, auf denen sie mit der richtigen Ausrüstung eine bessere Traktion finden würden.
Doch nicht nur die Gipfeltouren, sondern auch die Bahnstrecken zu den hochalpinen Hütten sind in Gefahr. Beispielsweise musste der Klettersteig zur Oberwalderhütte am Großglockner geändert werden, da die Steigung in Bewegung ist. Aus ähnlichen Gründen sei auch die Verlegung der Straße zum Tauschachhaus notwendig gewesen, sagt Mayr.
Die Klimaerwärmung wirkt sich auch auf die Versorgung der Bergsteiger mit Hütten aus. Beispiel Brandenburger Haus: Mit 3.277 Metern die höchste Schutzhütte des Deutschen Alpenvereins (Sektion Berlin). Dort wird Trinkwasser aus einem höher gelegenen Schneefeld gewonnen. Aber es ist absehbar, dass es dieses Schneefeld in ein paar Jahren nicht mehr geben wird. Woher soll in dieser Höhe das Trinkwasser kommen?
„Da stehen wir vor großen Herausforderungen“, fasst Hanspeter Mair zusammen. Beim Bau neuer Berghütten und Seilbahnen müssen all diese Aspekte in Zukunft noch stärker berücksichtigt werden.
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