Martin Schmidt und Aline Leutwiler
Alle Autofahrer kennen das Sprichwort: Die Benzinpreise steigen schneller als sie fallen. Das sieht man derzeit an praktisch jeder Tankstelle im Land. Seit zwei Monaten sinkt der Rohölpreis. Lag ein Barrel Brent-Rohöl im Juni bei über 120 Franken, liegt es aktuell bei 92 Franken.
Dies entspricht einer Reduzierung um mehr als 20 Prozent. Wer auf einen solchen Pumpenpreisverfall hofft, irrt. Gemäss dem Touring Club Schweiz (TCS) kostet ein Liter Diesel derzeit an Tankstellen in der Schweiz durchschnittlich rund 2.33 Franken. Im Juni lag der Kurs noch bei 2,36 Franken. Runter, aber keinesfalls 20 Prozent wie Rohöl.
Dies veranlasste sogar den Kurswächter zum Handeln, wie die «Aargauer Zeitung» am Donnerstag berichtete. Es wird geprüft, ob nicht zu hohe Treibstoffmargen in der Schweiz einkassiert werden. Blick hat die grossen Tankstellenbetreiber des Landes gefragt: Wird an der Zapfsäule betrogen?
Der Rhein hat kein Wasser
Avia kontert. Mit 500 Standorten ist sie einer der größten Tankstellenbetreiber des Landes. Die Lieferpreise für Öl seien nach wie vor hoch: „Die ausbleibenden Niederschläge und der daraus resultierende starke Rückgang des Wasserspiegels des Rheins erhöhen die Transportkosten um ein Vielfaches.“ Schiffe auf dem Rhein könnten derzeit nur zu etwa einem Drittel gefüllt werden. Die Bahn kann die Preistreiber nicht vollständig kompensieren.
Tatsächlich hängt der Benzinpreis an der Zapfsäule nicht nur vom Rohölpreis ab. Staatliche Steuern machen etwa die Hälfte des Preises aus. Hinzu kommen Transportkosten – inklusive Rheinfracht.
Auch Coop Mineralöl hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Wochen mehrfach die Preise gesenkt. „Das Niveau der Benzin- und Dieselpreise wird derzeit von einem Anstieg der Energienachfrage, Bahnengpässen und extremer Dürre bestimmt“, sagte eine Sprecherin.
“Sie gewinnen eine goldene Nase”
Dass es trotz trockenem Rhein auch anders geht, zeigt ein kleiner Tankstellenbetreiber in Dagmersellen LU. Markus Gasser (53) verkauft sein Benzin immer etwas günstiger als die großen Anbieter. Jetzt hat er den Preis pro Liter Diesel auf 2,25 Franken gesenkt. „Tankstellen haben derzeit noch einen Aufpreis von 25 Rappen pro Liter. Damit lässt sich viel Geld verdienen“, sagt er gegenüber Blick. Er selbst rechnet mit einer geringeren Marge und verdient trotzdem mehr als genug. “Die großen Ketten gewinnen eine goldene Nase.”
Auch Voegtlin-Meyer gehört zu den kleineren Ketten in der Schweiz und betreibt 35 Tankstellen. Ein Liter Sprit kostet dort meist 2-3 Rappen weniger als bei den großen Ketten. Voegtlin-Meyer führt auch die Rheinschifffahrt zu den immer noch hohen Preisen. „Früher konnten wir gut 2.000 Tonnen per Schiff transportieren, jetzt sind es drei- bis vierhundert“, sagt Sandro Graf (30), Mitglied der Geschäftsführung. Die Marge werde aber nicht steigen, betont Graf.
Große Unterschiede
Die Beispiele zeigen, dass die Gaspreise in der Schweiz innerhalb weniger Kilometer stark schwanken können. «An der Tankstelle in Tafers FR wurde Benzin mit 2,25 Franken pro Liter angeschrieben. Dann habe ich in Giffers FR eine Tankstelle gefunden, wo ich zum Preis von 1,92 pro Liter tanken konnte», berichtet ein Blick-Leser und fragt sich, woher der grosse Preisunterschied kommt.
Zentralnationalrat Marco Romano (39) will das ändern. Gefordert wird ein nationaler Spritpreisrechner ähnlich dem in Österreich. Dieser soll immer die günstigsten Tankstellen anzeigen, was den Wettbewerb zwischen den Tankstellen fördert. In Österreich sanken die Preise nach Einführung des Vergleichsrechners um 20 Prozent.
Günstiger im Ausland
Doch wer in den Sommerferien günstiger im Nachbarland tankte und sich bei der Rückkehr über die teure Insel Schweiz ärgerte, der irrte: An den aktuell hohen Preisen im internationalen Vergleich sind nicht die Margen der Tankstellenbetreiber schuld , sondern die Tatsache, dass die Schweiz seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine keinen Panzerrabatt gegenüber den Nachbarländern eingeführt hat. In Deutschland beispielsweise ist ein Liter Benzin oder Diesel dank staatlicher Förderung derzeit 35 bzw. 17 Cent günstiger. Auch in Frankreich gibt es einen Rabatt von 30 Cent.
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